19. Januar 2015

SNB Schweiz lässt den Euro fallen

Sieben Punkte zur Diskussion

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Erstens: Warum hat die Schweiz Euros gekauft?

Über 50 Prozent des Schweizer Exports gehen in die Euro-Zone. Seit Jahren wertet der Schweizer Franken auf. Das bedeutet: Ein deutscher Importeur, der Pillen, Chemikalien oder Maschinen aus der Schweiz nach Deutschland einführt, muss immer mehr Euros hinblättern, um die Schweizer Produkte zu erhalten. Das schadet der Schweiz. Deshalb hat sie versucht, einen bestimmten Euro-Franken-Kurs zu stabilisieren. Immer, wenn der Franken noch teurer zu werden drohte, kaufte sie Euros und blätterte Franken hin. Mit dieser künstlichen Franken-Schwemme hielt sie den Kurs in der aus ihrer Sicht angemessenen Relation.

Zweitens: Warum lässt die Schweiz den Euro fallen?

Doch diese Politik der Wechselkursstabilisierung scheitert immer wieder, wenn zu viel Billigwährung gegen die Hartwährung eingetauscht wird. Die Schweiz flutete die Welt geradezu mit Franken, um den Blech-Euro zu stabilisieren. Jetzt beobachtet sie zwei Entwicklungen: Am 22. Januar will die Europäische Zentralbank über ein neues Ankaufsprogramm für weitgehend wertlose Griechenland-Anleihen und anderen Schrott aus meist südeuropäischer Bankenherkunft entscheiden. Kommt es zu diesem Programm, so die Erwartung der Schweizer, werden Anleger aus dem Euro-Blech in die Hartwährung Franken fliehen. Es ist diese eine rein spekulative Frage. Nun hat in dieser Woche bei der Verhandlung vor dem Europäischen Gerichtshof über die Zulässigkeit solcher Programme der spanische Generalanwalt argumentiert, die EZB könne praktisch unbegrenzt Schrottpapiere kaufen. Das hat die Schweizer Zentralbank wohl als Signal empfunden: Der Euro geht den Weg einer Weichwährung.

Drittens: Was bedeutet das für die Schweiz?

Eine harte Währung ist lästig. Sie verteuert Exporte. Insofern ist zunächst die Schweiz betroffen; ihre Exporte verteuern sich; das Urlaubsland Schweiz wird für Euro-Europäer unerschwinglich. Ein Beispiel: Mein Hotel für den Aufenthalt auf dem Weltwirtschaftsforum Davos verteuerte sich von ohnehin mörderischen 2.100 Euro auf über 2.500 Euro. Das ist kein Spaß. Deshalb sinken auch die Schweizer Aktienkurse. Aber die Schweiz wird es überleben. Die Konsumenten fahren nach Deutschland, Frankreich oder Italien zum Einkaufen; alle Importe, auch die Vorprodukte für die Schweizer Industrie, verbilligen sich. Es hat was Lustiges an sich, wenn sich beispielsweise das „Handelsblatt“ so Sorgen um die Schweizer Wirtschaft macht – die Auswirkungen in der Euro-Zone sind viel gravierender.

Viertens: Was bedeutet das für Konsumenten in Deutschland?

Kurzfristig sind deutsche Konsumenten die Verlierer. Denn der Wechselkurs zum Franken ist ja nur ein Teil des Geschehens. Auch der Dollar-Kurs hat ähnlich, wenn auch nicht ganz so stark, angezogen. Also werden sämtliche Importe teurer – vor allen Dingen auch Öl und Gas. Das spürt man im Augenblick nicht so, weil ohnehin die Energiepreise fallen. Aber sie könnten noch mehr fallen. Urlaub außerhalb der Euro-Zone wird teurer – gut, Mallorca bleibt preisneutral, aber der USA-Urlaub wird fragwürdig. Insgesamt zahlen also Europas Verbraucher für die Geldpolitik zur Rettung Griechenlands. Bislang waren es die Sparer, die mit der Null-Zins-Politik der EZB schrittweise enteignet wurden. Jetzt sind es auch die Verbraucher, die zur Ader gelassen werden.

Geradezu mörderisch wird es für Häusle-Bauer, die ihre Immobilie mal in Schweizer Franken finanziert haben. Das galt wegen der niedrigen Zinsen in der Schweiz früher als der Hit; insbesondere in Ungarn und neuerdings noch in Österreich. Jetzt steigt in Euro die Rückzahlungssumme um fast 20 Prozent. Ungarn hatte übrigens daraufhin den Bankensektor weitgehend nationalisiert und die Banken zur Übernahme der Schulden verpflichtet… Besonders hübsch: Insbesondere die Städte des Ruhrgebiets haben mit dem Schweizer Franken spekuliert.

Nach der Freigabe des Schweizer Franken drohen Kommunen in NRW zusätzliche Kosten aus Fremdwährungskrediten von insgesamt bis zu 900 Millionen Euro.

Das ergibt sich aus Berechnungen der „Wirtschaftswoche“ auf der Basis von Erhebungen des NRW-Innenministeriums. Demnach haben die Kommunen des Bundeslandes insgesamt 1,8 Milliarden Euro Kredite in anderen Währungen aufgenommen, in erster Linie in Schweizer Franken.

Fünftens: Was bedeutet das für die Industrie in Deutschland?

Relativ wenig. Prinzipiell werden deutsche Produkte im Export wettbewerbsfähiger. Ihre notwendigen Importe an Vorprodukten, Rohstoffen und Energien verteuern sich. Aber längst haben deutsche Unternehmen versucht, sich von solchen Wechselkursabenteuern unabhängig zu machen. Sie produzieren im Ausland; sie versuchen, ihre Vorprodukte und Verkäufe so zu steuern, dass sich solche Effekte ausgleichen. Schwache Länder wie Italien und Griechenland schätzen Weichwährungen. Die ermöglichen weiterhin Exporte, auch wenn die Wirtschaften eigentlich nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Aber insgesamt zeigt sich: Europa fällt im globalen Wettbewerb immer weiter zurück. Es versucht, seine Schwächen durch die Tricks der Währungspolitik zu kaschieren.  Das mag kurzfristig klappen, aber schadet langfristig.

Sechstens: Was bedeutet das für den Euro?

Der Euro ist Blech. Während die Deutsche Mark eine Hartwährung war, wird der Euro zur Weichwährung. Die Europäische Währungsunion verliert ihren Charakter. Sie sollte ja so sein wie eine gesamteuropäische Mark: hart, wertbeständig, vertrauenserweckend. Was bisher eher Gedankenspiele kritischer Ökonomen war, wird jetzt spürbar: Der Euro wird zu einer Art neuer Lira, die ständig abwerten wird. Viele Anleger haben sofort reagiert: Die Kurse deutscher Aktien stiegen, ebenso der Goldpreis (der allerdings immer schon in Dollar abgerechnet wird). Es erscheint sicherer, sein Geld in schwankenden Werten der Realwirtschaft oder in Gold anzulegen als in einer Währung zu halten, deren Wert ständig schwindet. Immobilienpreise werden weiter steigen, die Flucht ins Betongeld sich also fortsetzen. Es sind die ersten Anzeichen dafür, was dann drohen kann: massive Inflation. Derzeit fallen die Verbraucherpreise, die Inflation scheint besiegt. Aber sie wartet nur wie der Hund hinter dem Ofen. Aktien- und Immobilienpreise, die in die Verbraucherpreise nicht eingehen, zeigen: Der Hund scharrt schon mit den Pfoten. Es kann losgehen. Früher oder später.

Siebtens: ….und die Zukunft?

Europa insgesamt wird ärmer und hat offensichtlich aufgegeben, sich wirklich zu reformieren. Griechenland, Frankreich und Italien murksen weiter, statt sich zu reformieren. Der Druck wird durch diese Art von Staatsfinanzierung aus der Notenpresse vorübergehend gemildert. Aber solche Währungsmanipulationen sind wie Schminke auf der Leiche. Die Welt wird ein Stück unsicherer; es drohen Währungskonflikte, denn es kann gut sein, dass die USA sich diese Spielchen nicht unbedingt gefallen lassen. Kommt es zu einer eklatanten Flucht von Geldern aus der Euro-Zone, beginnt ein anderes Spiel: Dann müssen, um Turbulenzen zu verhindern, beispielsweise die Zinsen massiv erhöht werden (was die Wirtschaft im Süden abwürgt), Kapitalverkehrskontrollen als letztes Mittel. All das zeigt: Die Euro-Krise beruhigt sich nicht, sie verschärft sich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite des Autors.

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