20. Januar 2015

EZB Griechische Epen

Wie der Euro die Stadt Essen ruiniert

Dossierbild

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – und die Ereignisse der kommenden Woche sind solche mit besonders schwarzen Schatten. Es sind geradezu griechische Epen.

Am kommenden Donnerstag wird der EZB-Rat voraussichtlich ein Ankaufprogramm von 1.000 Milliarden beschließen. Vereinfacht: Die nette Summe von 1.000.000.000.000 Euros soll frisch gedruckt und in den Geldkreislauf gepumpt werden. Na, wenn das mal gut geht. (Sollte ich mich um eine Null vertan haben, bitte ich um Nachsicht und Nachricht, es sind einfach zu viele Nullen unterwegs in Europa.) Und am Sonntag wählen die Griechen. Das hat große Auswirkungen für den Euro. Denn gewinnen die Konservativen, werden die europäischen Partnerländer Griechenland belohnen, indem sie einen weiteren Teil seiner Schulden erlassen. Gewinnen die Radikalen der linken Syriza-Partei, werden die europäischen Partnerländer Griechenland im Euro halten, indem sie einen weiteren Teil seiner Schulden erlassen. Für Griechenland also eine todsichere Sache, diese Wahl; für den europäischen Steuerzahler auch.

Die Schweiz lässt den Euro fallen

Nun werfen da also diese Ereignisse ihren Schatten voraus. Als erstes hat die Schweizer Nationalbank vergangene Woche die Bindung des Franken an den Euro fallen gelassen; plumps, ist der Euro-Kurs um 20 Prozent gefallen. Viele Tageszeitungen in Deutschland sorgen sich seither um den Wohlstand der Schweiz. Klar, Aufwertung bedeutet erst einmal Erschwernisse beim Export. Aber die Wirtschaftsgeschichte nicht nur Deutschlands in der Nachkriegszeit zeigt: Aufwertungsländer erzeugen Wohlstand für ihre Bevölkerung. Denn Importe werden billiger; die Konsumenten haben mehr Kaufkraft, die Wirtschaft passt sich an und alles wird gut. In Abwertungsländern sieht es anders aus. Kurzfristig sichern sie ihren Export. Allerdings nur über Preisnachlässe. Man kann es auch so formulieren: Sie müssen halt ihren Schrott weltweit billiger anbieten; und die Abwertung ihrer Währung ist der Rabatt auf den Preis. Abwertung – das ist ein gigantischer volkswirtschaftlicher Ausverkauf.

Der Euro und die Stadt Essen

Ein Beispiel gefällig? Die Städte des Ruhrgebiets am Beispiel der Ruhrgebietsmetropole Essen. Essen hat sich für 290 Millionen Euro verschuldet – in Franken. Weil jetzt die Schuld tatsächlich in Franken zurückgezahlt werden muss, sind durch diese und frühere Aufwertungen des Franken und der spiegelbildlichen Abwertung des Euro daraus 450 Millionen geworden. Dumm gelaufen, nicht nur für die Bürger Essens. Bochum hat über diesen Trick seine Verschuldung um 80 Millionen erhöht, ähnlich Dorsten und andere Städte, übrigens nicht nur im Ruhrgebiet. Die kleine Stadt Lichtenfeld in Bayern verliert circa 220.000 Euro; Peanuts gemessen an Essen, aber nicht, wenn man nur 20.000 Einwohner hat. Ich habe versucht, den zusätzlichen Schuldendienst deutscher Kommunen hochzurechnen, und habe bei einer Milliarde Euro aufgehört zu zählen; bekanntlich wird mir das zu viel mit den Nullen in Euro. Aber daran sieht man: Nicht die Schweizer haben mit ihrer Währung und der Aufwertung ein Problem. Es sind die Abwertungsländer, die es trifft. Das Ruhrgebiet ist ja so eine besondere Zone des Elends. Dauernd jammern die Kommunen, dass ihnen der Strukturwandel zu schaffen macht: über die Ossis, die ihnen über den Finanzausgleich das Blut abzapfen. Jetzt sieht man, dass es die Dummheit ihrer Verwaltungen und Stadtregierungen ist, die wirklich teuer ist. Denn es ist schon unglaublich, wie man sich derart verschulden kann: Wechselkursrisiken beim Schuldenmacher entstehen ja dann, wenn man Einkommen (Steuern, Gebühren und so weiter) in Euro hat, die Schulden aber in Franken oder einer anderen Währung begleichen muss. Sinkt der Franken, gewinnt man. Leider hat der Franken in den letzten paar Jahren kräftig aufgewertet. 2007 gab‘s für einen Euro 1,66 Fränkli; derzeit nur noch einen. Daran sieht man, wie daneben die Stadtfinanztrottel von Essen liegen. Ein listiger Odysseus der Finanzmärkte jedenfalls hätte anders gehandelt; wäre gar nicht auf so etwas eingegangen oder hätte das gemacht, was jedes Unternehmen tut: Er hätte seine Franken-Schulden „gehedged”, also gewissermaßen gegen die eigene Spekulation gegenspekuliert. Nun tröstet uns der Fraktionsvorsitzende der SPD im dortigen Stadtrat, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Der Franken werde schon wieder abwerten. SPD-Fraktionschef Rainer Marschan warnt vor „Kurzschlussreaktionen“: „Entscheidend für unsere Bilanz ist der Kurs am 31. Dezember. In zwölf Monaten kann noch viel passieren.“ Aha. Wohl und Wehe der Stadt Essen hängt am Wechselkurs. Das kennt man sonst nur von Städten der Dritten Welt, die auf Gedeih und Verderb von ihren ausländischen Gläubigern abhängig sind. Nun also auch Essen. Die Frage ist nur: Hat der listige Herr Marschan recht?

Kritiker werden nun sagen: An dem ganzen Desaster ist nicht der Euro schuld, sondern die unfähigen Entscheidungsträger der Stadt Essen. Da ist was dran. Allerdings muss man zur Entschuldigung für die Nullen in Essen sagen: Sie haben halt an die Stabilität des Euro geglaubt. Und so viel Leichtsinn wird jetzt bestraft. Denn der Euro macht auch mich zum Schnorrer.

Und jetzt kommen wieder die EZB und Griechenland ins Spiel.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite des Autors.

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