11. April 2015

Furcht vor dem Risiko Gesellschaft der Angsthasen und Wachstumsbremser

Mit Gleichstellungsbeauftragten fliegst du nicht zum Mond

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Wer in unserem Land etwas Geniales, Cooles oder Unorthodoxes vorschlägt, aber zu fünf Prozent irrt, den nageln wir gerne bei diesen fünf Prozent fest, anstatt den guten Gedanken aufzunehmen und weiterzuverfolgen. Und das ist sogar wissenschaftlich abgesichert. Der Managementforscher Michael Frese untersuchte vor einigen Jahren die Toleranz gegenüber Fehlern in 61 verschiedenen Industrieländern. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Deutschland lag in dieser Vergleichsstudie auf dem vorletzten Platz, knapp vor Singapur.

Viele argumentieren in dem Fall gerne mit unserer teutonischen Neigung zum Perfektionismus, die eben keine Fehler duldet. Sooo schlimm sei das ja alles gar nicht. Doch! Denn meist hat unsere Fehlerintoleranz weniger mit dem Drang nach Perfektion zu tun, sondern mit purer, nackter Angst.

Wie Sie vielleicht wissen, arbeite ich ab und an für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie angstbesetzt viele Mitarbeiter dort sind. Zum Beispiel muss vor jedem Dreh auf jeder noch so unverfänglichen Verpackung akribisch jeder Markenname abgeklebt werden, damit man sich nicht dem Verdacht der Schleichwerbung aussetzt. Selbst bei einer Coca-Cola-Dose, die wegen ihrer typischen Farbgebung aus 30 Metern Entfernung problemlos als Coke-Dose erkennbar ist, muss das sein. Einmal wurde sogar diskutiert, das Wasser aus einer Mineralwasserflasche auszuleeren und durch Leitungswasser zu ersetzen, damit man keinesfalls erkennt, dass es Evian ist.

In Wahrheit haben wir alle ziemlich Schiss, Fehler zu machen. Bestes Beispiel ist das in Deutschland so beliebte Vorsorgeprinzip, das da lautet: Wenn mit einer Technologie, einer wissenschaftlichen Erkenntnis oder einer beliebigen anderen Sache irgendein denkbares Risiko verbunden sein könnte, sollte es niemals entwickelt, gebaut oder sonstwie benutzt werden: „Stammzellenforschung? – zu unberechenbar” sagen die Kirchen. „Gentechnik? – viel zu gefährlich!” sagt Greenpeace. „Fracking? – Och nö, heute nicht, ich hab’ Kopfschmerzen…” sagt meine Frau.

Wer überall nur Risiken und Bedenken sieht, züchtet sich eine Gesellschaft von Angsthasen und Weicheiern heran. Und diese Vollkaskomentalität ist nicht besonders sexy. Wir Deutschen sind vermutlich die einzigen, die für einen Abenteuerurlaub eine Reiserücktrittsversicherung abschließen.

In Wahrheit haben das Vorsorgeprinzip und das damit verbundene Konzept der Nachhaltigkeit einen entscheidenden Schwachpunkt. Da sich beide Konzepte ausschließlich auf Risikovermeidung, Reduzierung und Verzicht konzentrieren, können sie keine Rezepte und Ideen liefern, wie man mit unabwendbaren Katastrophen und unberechenbaren Ereignissen umgehen soll. Was ist, wenn bestimmte Dinge eben nicht mehr verhinderbar sind? Man kann bei einem Auto, das mit voller Geschwindigkeit auf einen Abgrund zurast, natürlich auf die Bremse drücken und es dadurch verlangsamen. Aber man kann sich auch mit der Tatsache abfinden und auf dem Weg zum Abgrund Flügel für das Fahrzeug entwickeln.

Doch solche Ideen werden vermutlich niemals von Nachhaltigkeitsfans, Wachstumsbremsern und Vorsorgeprinzip-Fanatikern kommen. Was soll man schon von einer Generation Neues erwarten, deren Lebensziel ein CO2-freier Fußabdruck ist? Menschen mit dieser Einstellung sind keine Träumer und Visionäre, sie sind im Kern phantasielose Bürokraten, die die Vergangenheit managen wollen, weil sie panische Angst vor der Zukunft haben.

Statt sich flexibel und offen auf die Herausforderungen von morgen einzulassen, machen sie lieber einen starren, allumfassenden Plan zum Umbau der gesamten Gesellschaft. Wenn das große Projekt dann den Bach runtergeht, lag es wenigstens nicht an ihnen, sondern daran, dass sich diese blöde Realität aus unerfindlichen Gründen nicht an die penibel ausgearbeitete Theorie gehalten hat.

So ist jede planwirtschaftliche Idee im Kern eine Utopie. Das klingt im ersten Moment gar nicht so negativ. Doch das Gefährliche an utopischen Ideen ist, dass sie eben nicht realisierbar sind. Fast alle Utopien ignorieren grundsätzliche menschliche Verhaltensweisen und meist sogar fundamentale physikalische oder ökonomische Gesetze. Utopische Projekte genügen sich dadurch, dass sie unerreichbare Ziele setzen, an die viele Menschen dennoch glauben: Weltfrieden, kostenlose Energie, das Ende des Kapitalismus, der Mensch im perfekten Gleichgewicht mit der Natur.

Utopien sind ein bisschen so, als ob eine Gruppe von Personen sich zu einer gemeinsamen Reise nach Australien entschließt, ohne sich über das Fortbewegungsmittel Gedanken zu machen. Und nach fünf Jahren wundern sich alle, dass man immer noch im Odenwald herumsteht.

Im Gegensatz zu Utopien sind Visionen etwas völlig anderes. Visionen sind Ideen, die eindeutig realisierbar sind und die gleichzeitig tiefe Sehnsüchte in uns wecken.

1961 trat John F. Kennedy vor das Volk und sagte: „Innerhalb dieses Jahrzehnts fliegen wir auf den Mond.” Das war die Vision. Mehr gab JFK nicht vor. Und acht Jahre später haben die das dann gemacht. Praktisch ohne Computertechnologie und ohne vorgegebene Organisationsstrukturen. Doch genau diese Offenheit setzte bei den Mitarbeitern der NASA den unbedingten Willen und den nötigen Pioniergeist frei, um dieses große Ziel zu erreichen.

Und heute sitzen in Deutschland bei jedem Mini-Projekt 20 Controller und 50 Juristen, die jede mögliche Gefahr prüfen. Und eine Gleichstellungsbeauftragte sorgt dafür, dass alles politisch korrekt zugeht. Und so fliegst du eben nicht auf den Mond. So fliegst du nicht mal von Berlin irgendwohin.

Ich bin mir sicher, wäre Martin Luther King Deutscher gewesen, hätte er höchstwahrscheinlich nicht gerufen „I have a dream”, sondern „I have a plan”.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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