04. Januar 2007

Freizeit für Libertäre Freiheit auf dem Meer

Doch wie kommt man praktisch dahin?

Die ganze Erde ist von Staaten bedeckt. Die ganze Erde...?

Praktisch die gesamte Landfläche der Erde ist von Staaten bedeckt oder wird von solchen beansprucht. Der Einfluss von Bürokratie und Verwaltung erstreckt sich von der Arktis bis zur Antarktis. Auch sämtliche Wüsten, Gebirge und anderes unzugängliches Gelände unterstehen der formalen Herrschaft von Politikern. Doch auf dem blauen Planeten Erde bleiben etwa 2/3 der Oberfläche, auf der sich keine Staaten und damit keine Bürokraten tummeln. Das offene freie Meer, die weiten Wasserflächen von Atlantik, Indischem Ozean und weite Teile des Pazifiks fallen nicht unter das Hoheitsgebiet eines Staates.

Die Randmeere dagegen, also Nordsee, Ostsee oder das klimatisch angenehme Mittelmeer  gehören ganz oder teilweise zu den anliegenden Ländern und werden von diversen Abkommen „geschützt“. So streckt sich das Hoheitsgebiet fast aller Küstenstaaten heutzutage über die alte 3-Seemeilen Zone hinaus und umfasst den Bereich bis 12 Seemeilen, etwa 20 Kilometer von der Küste entfernt.

Die drei Seemeilen entsprachen früher dem ganz natürlichen Einfluss der Anwohner an der Küste auf das Meer hinaus, denn weiter konnte eine Kanone im 17. Jahrhundert nicht schießen. Und feindliche Kriegsschiffe waren außerhalb dieser Zone auch keine große Gefahr für die Küstenbewohner.

Hinter dem Hoheitsgewässer folgt noch die Anschlusszone, in der Verstöße gegen die Zoll- oder Einreisebestimmungen geahndet werden können, ansonsten aber die freie Durchfahrt nicht behindert werden darf.

Auf der dann folgenden hohen See erreicht der libertäre Wassersportler schließlich die Freiheit der Schiffahrt. Zumindest solange er sich nicht mit Drogenhandel oder Piraterie über Wasser hält, denn diese Delikte dürfen auch auf dem freien Meer verfolgt werden.

Führerscheine auch für Freizeitkapitäne

Doch wie kommt der libertäre Wassersportler in den Genuss der Freiheit auf dem Meer? Wie erwirbt man die Kenntnisse, um auf dem Ozean zurecht zu kommen, ohne sich einer Luxuskreuzfahrt „all inclusive“ anzuschließen?

Das Vorhaben, sich ein Schiff zu kaufen oder zumindest für den Urlaub zu chartern, wird zunächst einmal, vielleicht auf einer der großen Bootsmessen, zum Kontakt mit Bootsherstellern, Werften und Segelschulen oder Segelvereinen führen, die eigene Ausbildung und Kurse anbieten. In Deutschland werden Sportbootführerscheine vom DSV, dem Deutschen Seglerverband, ausgestellt. Anders als beim Autoführerschein gibt es hier keine Staffelung etwa nach Bootsklassen oder Segelfläche, sondern nach Seegebiet mit zunehmender Entfernung von der Küste.

Der einzig in Deutschland amtlich vorgeschriebene Führerschein berechtigt zum Führen einer Yacht in den deutschen Hoheitsgewässern. Alle darauf aufbauenden Führerscheine werden zwar vom Bundesadler geziert, sind aber rein freiwillig und dienen im wesentlichen dem Erfahrungsnachweis. Deshalb macht es auch Sinn, sich nicht mit der ersten Stufe, dem Sportbootführerschein See, zufrieden zu geben, denn wichtige Kenntnisse in Navigation oder Seemannschaft werden erst mit dem Sportküstenschifferschein vermittelt und geprüft.

Für alle Randmeere, also etwa Nord- und Ostsee sowie Mittelmeer und Schwarzes Meer, gibt es den Sportseeschifferschein, der darüberhinaus für Schiffsführer auf Ausbildungstörns vorgeschrieben ist. Die letzte Stufe, der Sporthochseeschifferschein bestätigt abschließend Kenntnisse für weltweite Fahrt inklusive der Navigation mit Sonne, Mond und Sternen. Charterunternehmen wollen meist einen dieser Nachweise sehen, ehe sie ihren Kunden das Schiff auch nur einen Meter vom Steg wegbewegen lassen.

Die Sportverbände haben sich praktischerweise neben der Zuständigkeit für die Führerscheine vom Verkehrsministerium auch beauftragen lassen, der Regulierungsbehörde Telekommunikation die Prüfung für Funkzeugnisse abzunehmen. Zusammen mit dem Segelschein kann also auch gleich das passende Funkzeugnis abgelegt werden, welches neuerdings unbedingt erforderlich ist, sobald ein Funkgerät zur Ausrüstung der Yacht gehört. Andernfalls wird ein Bußgeld fällig, wenn der Skipper ohne Funkschein um Hilfe ruft.

Auch hier gilt wieder das Prinzip aufeinander aufbauender Zeugnisse und Bescheinigungen, die zwar allesamt zeitlich unbegrenzt gültig sind, aber gelegentlich vom technischen Fortschritt überholt werden und eine Neuausstellung oder gar einen neuen Kurs nötig machen.
Unnötig zu erwähnen, dass hierfür wieder eine Prüfungsgebühr zu zahlen ist, eine Ausstellgebühr oder Reisekosten für die Funktionäre.

Behörden weltweit?

Ob mit dem bedruckten Papier echte Kompetenz bescheinigt wird oder ob die Inhaber nicht häufig „dürfen“ mit „können“ verwechseln, wenn sie im Abendkurs nebst einer Woche Prüfungstörn ihren Schein erworben haben, ist schwer zu beurteilen. Die Antwort fällt aber immer ganz leicht, denn die See bestraft jeden Fehler. Und auch die Bootsversicherungen führen schon mal einen Prozess gegen den Schiffsführer, wenn der Verdacht besteht, nicht sorgfältig genug im Umgang mit Mensch oder Schiff gewesen zu sein. Auch das Seeamt und die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung schalten sich ein, wenn deutsche Freizeitsportler in Unfälle verwickelt sind, um Konsequenzen für die Beteiligte festzulegen oder die Sicherheit auf See durch Ermittlung der Unfallursachen zu verbessern.

Auf dem Meer wiederum unterliegt jedes Schiff dem Recht des Staates, dessen Flagge es führt. Auf einem Urlaubstörn, einer Ozeanüberquerung oder auf der persönlichen Weltumsegelung mag man zwar vielen Problemen des Alltags entkommen, es bleibt aber stets genug Bürokratie übrig, die auf kleinen Inseln oder in abgelegenen Fischernestern oft kaum weniger ausgeprägt ist als in einer heimischen Behörde.

Als Chartersegler oder Urlauber macht man mit den Behörden eines Landes meist erst dann Bekanntschaft, wenn man in seinem Urlaub eine Landesgrenze überschreitet. Crewlisten müssen eingereicht werden, selbstverständlich jedesmal mit leicht anderen Angaben. Ausrüstung an Bord will deklariert werden, Leuchtturmsteuer und Hafengebühren wollen bezahlt und nicht zuletzt Pässe gestempelt oder diverse Bootspapiere kontrolliert werden.

Das Leben auf einem Segelschiff reduziert sich zwar meist auf wenige, immer aber notwendige Dinge, sofern man nicht jeden Abend in einer eleganten Marina anlegen will oder mit seiner Luxusyacht nebst Personal und Hubschrauberlandeplatz auch darauf nicht angewiesen sein sollte.

Der Lohn des ganzen Aufwandes? Die Freiheit auf dem Meer. Verbunden mit einer ordentlichen Portion Verantwortung für sich, das Schiff und etwaige Mitsegler.
Eine kleine Sensation zu guter Letzt: Wer in Deutschland in Seenot gerät, wird unter anderem von den Jungs der DGzRS wieder aus den Fluten gezogen. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, an Land durch ihre kleinen Spendenschiffchen dem einen oder anderen bekannt, finanziert sich ausschließlich aus Spenden und Beiträgen. Ganz ohne Staatszuschuss. Und das seit über 140 Jahren.

Internet:
www.dsv.org
www.segel.de
www.dgzrs.org


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Michael Merkl

Autor

Michael Merkl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige