22. Juni 2007

Pornodarstellerin Eigentümlich viel Stolz

Spaßeshalber Porno statt ernsthaft Hartz IV oder Prostitution

Interview von Michael Merkl

Tyra Misoux, Jahrgang 1983, ist derzeit eine der bekanntesten deutschen Pornodarstellerinnen. Einem etwas größeren Publikum wurde sie durch ihre kleine Nebenrolle in der Literaturverfilmung „Elementarteilchen“ bekannt. ef sprach mit einer ganz und gar selbstbewussten Dame über ihre Branche.

ef: Frau Misoux, wie sind Sie zu dem Beruf Pornodarstellerin gekommen?
Misoux: Ich war recht frühreif, hatte mein erstes Mal, als ich 14 Jahre alt war, und hatte seitdem viel Sex und viel Spaß dabei. Mit 18 habe ich in einer Disco gearbeitet und wurde dort von einem Produzenten angesprochen. Es dauerte etwa ein halbes Jahr, bis meine sexuelle Neugier siegte und ich mich dort meldete. Und dann ging alles recht schnell. Ich führte ein nettes Gespräch mit dem Produzenten, machte am nächsten Tag meinen ersten HIV-Test und am Tag darauf drehte ich meinen ersten Porno. Etwa drei Monate später, im Mai 2002, unterschrieb ich dann einen Exklusivvertrag.
ef: Hätten Sie Alternativen gehabt? Welche Voraussetzungen haben Sie für Ihren Beruf mitgebracht?
Misoux: Es gibt immer Alternativen, sich in eine andere Richtung zu bewegen, wenn man es denn möchte. Ich habe mich, bevor ich zum Porno kam, in vielen Jobs ausprobiert. Als Kellnerin oder Telefonistin, als Verkäuferin oder sogar als Putzfrau. Das Problem an den Jobs war, dass meine Neugier spätestens nach drei Monaten gestillt war, ich alle Aufgaben ohne große Anstrengung meisterte und es keine Abwechslung mehr gab. Deshalb kündigte ich dann meist sehr schnell und suchte wieder nach etwas neuem, was mich forderte. Als Voraussetzungen für meinen Job brachte ich viele Erfahrungen in Sachen Sex, eine fast unstillbare Neugier zu dem Thema und eine gute Auffassungsgabe mit. Da dieser Beruf zudem sehr abwechslungsreich ist, ist diese Neugier auch bis heute noch nicht gestillt.
ef: Kommt für Sie von der Hilfe anderer Leben beziehungsweise von Sozialhilfe zu leben in Frage?
Misoux: Nein, das wäre nichts für mich. Dafür besitze ich zu viel Stolz, um mich vom Staat oder jemand anderem aushalten zu lassen. Außerdem vertrete ich die Meinung, dass man immer einen Job finden kann, wenn man es denn wirklich möchte und gewillt ist, Arbeit zu finden.
ef: Oft hört man als feministische Kritik an Pornographie, dass diese Gewalt gegen Frauen sei. Werden Sie nicht ausgebeutet? Und müsste es dann nicht auch männliche Stars geben?
Misoux: Ich denke, in vielen Pornos wird tatsächlich irgendwo Gewalt an Frauen ausgeübt und die Frauen werden als minderwertig dargestellt. Aber im Gegensatz dazu muss ich auch sagen, dass diese Frauen das ja auch mit sich machen lassen, oft nur des Geldes wegen. Ich versuche dem, mit meinen Filmen etwas entgegenzuwirken. Ich fühle mich nicht ausgebeutet und in meinen Filmen kommt eine solche Gewalt nicht vor, denn mein Spaß am Sex ist nicht käuflich. Ich würde mich nicht erniedrigen lassen, nur um etwas mehr Geld zu verdienen. Das ist es mir nicht wert. Auch unter den Männern gibt es bekannte Namen wie etwa Mr. Black Hammer. Aber dadurch, dass hauptsächlich Männer Pornos ansehen und gute männlich Darsteller rar sind, würde es sich für einen Mann nicht rentieren, exklusiv für eine Firma zu arbeiten.
ef: Interessieren Sie sich für Politik?
Misoux: Nein, Politik ist kein Thema, mit dem ich mich wirklich beschäftige. Außer dass ich mich wie viele andere auch seit der Einführung des Euros darüber aufrege, wie verdeckt und schleichend alles doppelt so teuer geworden ist.
ef: Gibt es gesetzliche Regelungen in der Branche? Mindestlohn, Kündigungsschutz oder andere Vorschriften, die man aus diversen anderen berufen so kennt?
Misoux: Die gibt es, allerdings musste ich mich damit noch nicht auseinander setzen, weil ich bei meiner Firma Magma noch nie einen Grund dafür bekommen habe, es tun zu müssen.
ef: Sie waren in „Elementarteilchen“ kurz zu sehen. Sind Schauspielrollen für Sie eine Option? Ihre Kollegin Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) hat einen kleinen Skandal verursacht, als bekannt wurde, dass sie in Pornos mitgespielt hat.
Misoux: Eines, was ich an meinem Job besonders liebe, ist die Abwechslung. Somit fand ich es sehr interessant, auch mal in einem Kinofilm mitzuwirken und würde es auch gerne wieder machen, wenn man mir eine Rolle anbieten würde. Allerdings hängt meine Leidenschaft am Porno und ich würde nicht komplett in die Schauspielerei wechseln wollen. Und ich denke, einen Skandal wie Sibel verursacht man nur, wenn man nicht zu dem steht, was man tut oder getan hat.
ef: Welche Rolle spielt Ästhetik und Lust in Ihren Filmen? Haben Sie eine Botschaft, die Sie in Ihren Filmen vermitteln wollen?
Misoux: Ästhetik und Leidenschaft spielen für mich eine sehr große Rolle. Ich denke, dass dies auch in meinen Filmen zu sehen ist. Die haben fast immer eine schöne Handlung als Hintergrund und damit versuche ich auch Frauen, den Porno umgänglicher zu machen und zu zeigen, dass ein Porno nicht anrüchig und total versaut sein muss, um gut anzukommen. Ich bekomme via Email mittlerweile immer mehr Zuschriften von Frauen, denen meine Filme gefallen. Was ich als großes Kompliment ansehe, da ich weiß, wie schwer sich eine Frau von einem Porno überzeugen lässt.
ef: Wie sieht Ihre persönliche Perspektive aus? Familie? Kinder?
Misoux: Das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Sicher möchte ich irgendwann eine Familie mit ein oder zwei Kindern, aber solange mein Herz noch am Porno hängt, denke ich darüber noch nicht wirklich nach. Denn Pornographie und Kinder gehören meiner Meinung nach strikt getrennt. Vielleicht eröffne ich später eine nette und gemütliche kleine Bar, aber auch das steht noch in den Sternen.
ef: Pornographie und Prostitution? Wo sind hier für Sie die Grenzen?
Misoux: Prostitution käme oder kommt für mich nicht in Frage. Dabei würde ich sehr schnell den Spaß am Sex verlieren. Pornographie ist für mich ein Spiel mit der Leidenschaft und dem Sex. Prostitution ist eher eine Massenabfertigung und nur dazu bestimmt, Geld zu verdienen. Ich verdiene mit meinem Job auch Geld, allerdings steht das für mich nicht im Vordergrund. Denn wenn ich keine Spaß mehr am Sex hätte, würde ich meine Karriere sehr schnell beenden.


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Michael Merkl

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