09. Juli 2008

Strategie An den Grenzen der Vernunft

Wer die Freiheit will, braucht mehr als nur gute Argumente

Wenn ich mit anderen ins Gespräch komme, über Tagesaktuelles, gibt es häufig einen Punkt, an dem ich grundsätzlich werde. Meist stellt sich bei mir dann irgendwann der Verdacht ein, mein Gegenüber will oder kann meiner stichhaltigen Argumentation nicht folgen, wenn im Gegenzug einmal mehr "Argumente" für die Gewalt des Staates ausgestoßen werden, die sich selbst lächerlich machen. Staatlicher Zwang sei gerechtfertigt, "weil's schon immer so war" und wenn es mir hier nicht passe, dann solle ich doch gehen. Sind solche und ähnliche Reaktionen nun Unvermögen, meine Argumente zu begreifen oder böser Wille?

Die Frage geht eigentlich nicht tief genug. Vielmehr muss eine freiheitsablehnende Position als Grenze verstanden werden, als die Grenze der Vernunft. Wenn sich freiheitsliebende Menschen nicht vom Paradigma verabschieden, die Vernunftbegabtheit des Menschen werde schon dafür sorgen, dass sich die stichhaltigen Argumente für die Sache der Freiheit irgendwann — quasi vollkommen natürlich — den meisten Menschen offenbaren, wird diese Grenze immer die Grenze der praktischen Freiheit beleiben. Es gibt nämlich keine Zwangsläufigkeit zwischen der Begabung zur Vernunft und ihrer Nutzung.

Menschen sind auch irrationale, emotionale Wesen. Unsere Gefühle, Stereoptype, Dogmen können manchmal sogar das Hirn scheinbar ausschalten. Der Patriot, der fest daran glaubt für die Freiheit seines Landes zu kämpfen und zu sterben, in Wirklichkeit aber für eine Bande schmieriger Politiker und deren Interessen verreckt. Der Sozialist, der durch seine Umverteilungsmaschinerie "den Armen" zu helfen vorgibt, sie aber in staatlicher Leibeigenschaft hält, aus der sie es schwer haben wieder hauszukommen und ihnen die konkreten Chancen des Marktes nimmt. Der "Gutmensch", der angesichts jeder Hakenkreuzschmiererei seine lichterkettenbildende Hysterie zelebriert, bei rassistischer Gewalt gegen "Scheißdeutsche" aber bestenfalls in beredtes Schweigen flüchtet.

Wer der an sich kraftvollen Idee der Freiheit Raum verschaffen will, der muss ihre Kraft in die richtigen "Leitungen" fließen lassen. Ein nüchternes, sachliches Plädoyer für die Vorzüge der Freiheit ist dabei eine "Leitung", in der Massengesellschaft jedoch eben nicht unbedingt jene, die zur Quelle gesellschaftlicher Wirksamkeit führt, sondern eher zu deren tropfendem Wasserhahn. Seien wir ehrlich, bunte Bilder, unterlegt mit ein paar Tönen, erreichen heute mehr als hundert Bücher. Bild und Ton sind in der Massengesellschaft Hauptkommunikationsmittel, die für die Sache der Freiheit stärker genutzt genutzt werden müssen.

Der Kampf für die Freiheit ist mehr als ein Kampf der Ideen. Er ist ein Kampf der Kulturen. Wer diesen Kulturkampf gewinnen will, muss kulturelle Güter anbieten, die mit den antifreiheitlichen Kulturprodukten verschiedener Coleur konkurrieren können und freiheitliche Tendenzen in der populären Gegenwartskultur in sich aufsaugen. Da die Ressourcen knapp sind, müssen sie marktgerecht verwendet werden. Was bringt es, monatelang an einem Buch zu schreiben, das dann ohnehin niemand liest, wenn schon mit einem innerhalb kürzester Zeit zusammengebastelten "YouTube"-Video zehntausende Menschen erreicht werden können? Was zur Freiheit gedacht werden musste, wurde ohnehin bereits mehr als einmal gedacht. Es geht daher darum, das Gedachte in massenkonsumierbare Form zu bringen.

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Marco Kanne

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