10. Juli 2008

Kurzgeschichte Armut stinkt – aber nicht doch

Eine traumhafte Stadt, kann ich Ihnen nur sagen

Davon muss ich Ihnen unbedingt erzählen, Teuerste, unbedingt. Wir haben doch erst vor kurzem rund sechs ungemein inspirierende Wochen in Brasilien zugebracht, mein Gatte Roland und ich. In Rio de Janeiro. Eine traumhafte Stadt, kann ich Ihnen nur sagen. Ganz hinreißend. So voller Leben. Überall sprüht und funkt es nur so vor dieser schon fast sprichwörtlichen südamerikanischen Lebenslust. Samba, Merengue und Tango pur. Ich bin ja jetzt noch ganz enthusiasmiert. Die Kinder, Mareike-Amalie und Sylvie-Alouette, waren ja dieses Jahr nicht mehr willens, mit uns Altvorderen mitkommen zu wollen. Bon, sie sind ja mit ihren sechszehn und siebzehneinhalb Jahren – tempus fugit - auch schon irgendwie fast erwachsen, da will man als juveniler Mensch  in den vacations höchstselbst etwas erleben und nicht nur an den Rockschößen von Ma-ma und Pa-pa hängen. War ja bei uns auch nicht anders, n´est ce pas? Aus diesem Grund haben wir uns deshalb gesagt, da machen wir mal einen etwas anderen Urlaub, wenn wir schon so ganz entre nous sind. Offen gestanden hängt uns die Karibik mit dem ganzen Upper-Class-Gehabe der Subalternen und dieses indezenten, neureichen Packes, das sich dort rumzutreiben pflegt, mittlerweile ad nauseam zu den Hälsen heraus.

Mein Mann hat – welch treffliche Fügung eines gönnerhaften Schicksals! -  nämlich von Dr. rer. pol. Burger aus dem Ministerium, gell, den kennet Sie? -  das Prospekt eines sehr interessanten Berliner Eventholidayanbieters als utiliteralistische Handreichung für die Ferienplanung dediziert bekommen. Ich sage Ihnen, dieses Reiseunternehmen hat events in seinem Angebot. Auf solche Ideen alleine zu kommen, ist jeden Cent Minimum dreimal wert, den nur der Katalog schon gekostet hat. Zwei von den attractions sind uns gleich ins Auge gesprungen. Die erste war ein zweiwöchiger Aufenthalt in einer psychiatrischen Kinderklinik in Rumänien. Mit allen Schikanen. Interessiert hätte mich das ganz persönlich ja schon, aber mein doch zu einiger Empfindlichkeit neigender Mann kann die doch sehr fettige und für gehobenere Ansprüche eigentlich gänzlich ungeeignete osteuropäische Küche leider nicht so ohne weiteres ertragen, Teuerste, nicht einmal für vierzehn Tage. Die zweite ist dann, ein vierwöchiges „Extremeslumming in Rio“ gewesen. Wir haben uns dann naturellement für Rio entschieden. Erlebnis pur, sozusagen. Nicht eine Sekunde haben wir ein Gefühl, ach, was sage ich, nicht den Anflug eines Gefühls von Reue zu gewärtigen gehabt. Das ganze Programm war wirklich von einem mit allen Wassern versierten Reiseprofi, der sein Handwerk nur zu gut versteht, entwickelt worden. Zuerst haben wir zur Akklimatisation  in einem durchaus unseren Ansprüchen adäquaten Hotel logiert. Alles ganz propper, kontinentaler Service. Aber nach rund drei Tagen, als wir uns an die für uns Stuttgarter doch recht hohen Temperaturen und an den feurigen südamerikanischen Lebensrhythmus halbwegs gewöhnt hatten, ging es dann mit der ganzen 12-köpfigen Reisegruppe voll erwartungsprägnanter Vorfreude in die Slums vor der Stadt, zur Besichtigung und einem ersten formlosen Reinschnuppern. Zuerst haben wir uns natürlich schon ein wenig umgeguckt, wie die Menschen... Das sind, da möchte ich jetzt allerdings überhaupt keinen wie auch immer gearteten Zweifel an der Redlichkeit meiners ethischen Gesinnung aufkommen lassen... das sind nämlich auch ... irgendwie alles Menschen. Sie riechen eben nur ein wenig anders, ja ein wenig strenger, certainement. Aber da hat uns dann der Enrico Sylvio Antonio Maria Esteban Gonzales, unser ganz reizender und hinreißend glutäugiger Führer während des Eröffnungsoupers in der slumeigenen Baracke des  Sheraton-Hotels, erklärt, dass wir das alles nicht alleiniglich von unserem eurozentristischen Hygienestandpunkt aus betrachten sollten. Und wenn Sie mich fragen, da hat er durchaus schon recht gehabt. Auch das mit den Ratten fand ich um so bemerkenswerter, als ich das ja noch gar nicht wusste. Die Slumbewohner, so setzte man uns in Kenntnis, essen regelmäßig Ratten. Zuerst fand ich das, offen gestanden, schon etwas befremdlich, aber wenn wir uns einmal von unseren Vorurteilen trennen, ist so eine Ratte auch nichts anderes als ein Rindersteak, vielleicht nicht so groß, aber doch ebenso nutritiös. Gut, wir sind desgleichen nicht gewöhnt, aber... Wenn wir das bei uns in Deutschland kennen würden. Ja, warum denn eigentlich nicht? Aber nun zu etwas anderem. Das wird sie als Innenarchitektengattin gewiss interessieren: Ich sage Ihnen, die Slumbewohner haben ja eine so eine lebendige, volkshafte Fantasie. Das können Sie sich jetzt au point noch gar nicht richtig vorstellen. Mit welch ursprünglichen Mitteln die sich in ihren Wellblechappartements einzurichten verstehen. Ohne den ganzen, eigentlich überflüssigen Firlefanz. Eine – wie ich finde - bewusste Reduktion auf das Wesentliche eben. Ganz einfach. Kostenoptimiert, hat mein Mann gesagt und damit natürlich bei der Besichtigung alle Lacher auf seiner Seite gehabt. Mit den simpelsten und einfachsten Dingen werden hier Schönheitsakzente gesetzt. Bei uns in Deutschland werfen wir doch trotz gestiegenen Umweltbewusstseins eine Plastiktragetasche einfach weg, wenn wir -   wenn wir nach Hause kommen. Für die Frau Sanchez.. Die Frau Sanchez war eine der ersten offiziellen Slum-Inhabitantinnen, deren Bekanntschaft wir gemacht haben Für die Frau Sanchez eben war so eine ganz vulgäre  Plastiktüte von Aldi als Gardine schon ein lustig munterer Farbklecks vor dem Fenster. Immer wieder hat sie – und das hat uns zunächst alle, die wir so in dem kleinen Haus standen, so angerührt – gesagt: „Deutschelande, Tute ause Deutschlande.“ Die kleine Tochter – ein ganz reizendes, entzückendes, aber mit seinen neun Jahren auf eine seltsam kindlich-naive Art schon etwas frivol wirkendes Kind - hat uns dann, weil wir ja die Frau Sanchez mit ihrem ewigen „Tute ause Deutschelande“ schon fast ein bissle, für mal a la tete gehalten haben, erklärt, dass sie die Tüte von einem netten deutschen Mann bekommen hat, sogar auf deutsch. Niedlich. - Hach, wie entzückend!. Ja, und dann diese Meiniger, so eine impertinente Ziege aus Bayreuth. Sagt die doch, dass sie sich, wenn sie hier leben würde, doch eine andere Tüte ans Fenster hängen würde, eine von Luis Vuiton beispielsweise oder wenigstens von Fukimoro. Also so eine blöde Kuh. Gott sei Dank hat ihr der Direktor Blömmer darauf zu verstehen gegeben, was wir alle empfunden haben. „Gute Frau“, hat er gesagt. „Gute Frau, wenn Sie so hohl sind, tut es mir frei von der Leber gesprochen leid, für Sie und für Ihren bedauerlichen Gatten. Aber nicht alle Menschen sind so derart konsumorientiert wie Sie. Diesen Menschen hier bedeutet Reichtum nämlich offensichtlich nichts und damit auch nicht ihre dummen Designertütchen, die sie zum Ausdruck ihrer inneren Leere mit sich spazieren führen. Das muss man sehr wohl respektieren.“ Das hat einen Applaus gegeben. Und Frau Sanchez war ganz gerührt. Certainement hat sie nichts von dem verstanden, aber, dass ihr Direktor Blömmer an die Seite gesprungen ist, wird sie auf ihre einfache Weise schon zu interiorisieren vermocht haben.

Einen ganzen Abend, fast schon eine richtig kleine Soiree, haben wir noch mit der Familie Sanchez zugebracht. Meine Teuere, aber ehrlich gesagt. Bei aller Sympathie. Das, was die Menschen da unten trinken, ist wirklich haarsträubend. Ich kann es wirklich nicht verstehen, warum jemand so einen abscheulichen Schnaps trinkt, wenn es doch überall, selbst im einfachsten Supermarkt um die Ecke, etwas durchaus Anständiges käuflich zu erwerben gibt. Mein Mann hat dann unserer Gastgeberfamilie deshalb noch die Adresse unseres Weinhändlers in Stuttgart zugesteckt, damit sie auch mal einen ordentlichen Württemberger, einen Lemberger oder Trollinger, probieren können. Aber ansonsten kann man es in einem Slum irgendwie schon aushalten, finde ich. Gut, wir sind es jetzt nicht gewöhnt, aber für einen Neger, der nichts anderes kennt. Außerdem, die Mieten entfallen da. Rio ist ja nicht billig. Wenn man keine Miete zu bezahlen braucht, hat man eben mehr Geld für andere, vielleicht auch mal für kulturelle Anlässe. 

Ja, das Leben in so einem Slum ist gar nicht von unserem wahnhaften Zwang zum Konsum durchdrungen. Mit der Lebensphilosophie sieht es eben noch viel natürlicher, viel ursprünglicher aus als bei uns hier im dekadenten Westen. Was erstehen wir doch immer für ein Gelumpe, das wir – wenn wir ehrlich sind -  überhaupt nicht brauchen. Und spätestens nach einer Woche kann man sich noch nicht einmal mehr daran erinnern, in welche Schublade man den ganzen Kram getan hat. Die Menschen dort unten aber geben praktisch gar kein Geld aus. Was die Familie braucht, beschafft sie sich einfach, gebraucht oder vom Müll. Was man da nicht alles finden kann! Richtig gute und nützliche Sachen. Und glücklich sind die Menschen da, muss ich Ihnen nicht neidfrei gestehen. Außerdem, das dürfen wir gar nicht unterschätzen, haben da die Familienmitglieder einer Slumfamilie nahezu jede Woche ihr ganz persönliches Erfolgserlebnis. Wie ist es denn bei uns? Sie und ich, wir gehen einfach so in die Feinkostabteilung. Alles, was wir zu kaufen beabsichtigen, ist im Übermaß zu unsrer Verfügung vorhanden. Aber dort kennt man noch die archaischen Freuden der Jagd, die umso größer und auch befriedigender sind,  je schwerer die Beute zu erlegen ist, je mehr mit der Jagdkonkurrenz darum gerungen werden muss. Das habe ich aber erst so richtig erkannt, als wir nach dem vierten Tag selbst geslumt haben.

Zu diesem ganz speziellen Zweck  hat der Veranstalter ein Areal in einiger Nähe angemietet. Überall so kleine, richtig niedliche Hütten aus Pappe, aus Sperrholz und Plastik und so weiter. Schon mit Klimaanlage. Schon mit richtigen Betten. Man zahlt ja nicht 900 € am Tag dafür, dass man auf dem Fußboden nächtigt. Aber ansonsten war alles von allerhöchster Authentizität. Selbst das Essen haben wir uns von einer eigens aufgeschichteten Müllkippe geholt. Freilich waren unsere Lebensmittel eingeschweißt, wegen der Versicherung und natürlich auch immer frisch, aber ansonsten überaus authentisch. Da konnte man dann auch mal in legerer Freizeitkleidung sein Dinner nehmen, weil einen da kein lächerlich versnobter Oberkellner gängelte, dem selbst trotz scheinbar gehobener Garderobe  irgendwie noch der durch die Jahrhunderte erworbene Geruch von Jauche und Pferdemist anhaftet. Nein, alles ganz ungezwungen, ganz locker. Richtig natürlich. Und die Einheimischen waren stets so unbeschreiblich heiter, so fröhlich, so ungezwungen ausgelassen. Immer wenn einer von ihnen seinen Kopf über die Mauer unseres Arrondissements gesteckt hat, hat er Tränen gelacht. Wir haben ihnen dann freundlich zugewinkt. Man konnte so richtig die Seele baumeln lassen.  Und, meine liebe Freundin, ich denke, dass wir alle uns eine Scheibe von diesen fröhlichen Menschen abschneiden können.


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Ralf Kiedrowski

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