09. Dezember 2008

Kurzgeschichte Schatten über Hubertusried

Alpinschund den gebildeten Ständen zur Erbauung

Ein rosenfarbener Schimmer hatte sich in der juvenilen Vorfrühstücksfrühe des klaren Hochgebirgsmorgens gazeleicht wie ein duftiger Schleier über das noch geruhsam vor sich hin dämmernde, wildromantische Dorf Hubertusried ausgebreitet. Toni Toni, eigentlich Anton Anton junior, hatte sich aber schon lange vor dem ersten Ruf des urigen Hahnes Alois agil von seiner ströhernen Bettstatt erhoben. Heute nämlich galt es, mit stählerner Manneskraft die Pfuideifitanne zur Strecke zu bringen, das mit seinen 27 cm Umfang weit über die Ortschaftsgrenzen gefürchtete und bekreuzigungsheischende Monstrum des Hochmoortanns. Schon bald, so raunte ihm sein kraftstrotzendes Bergbauern- und Skilehrerherz zu, würde er die schnupftuchgeschmückte Spitze der Pfuideifitanne der feschen Dimpfler Resi vor die feingliedrigen, schlanken Füße legen abends beim zünftigen Kirchweihfest ihr zu Ehren den Erzherzogjohannschnadahupf tanzen dürfen.

Drunten in der Stube saß derweil versteinerten Gesichts allein und schweigend der alte Anton Anton schon bei seiner dreiunddreißigsten Weißen. Sein Herz wollte ihm schier im bejankerten Oberleib bersten. Schon viele Burschen waren ausgezogen, die Pfuideifitanne zu erlegen, und fast genauso viele waren davon nie nimmermehr nicht heimgekehrt. Und jetzt sein Bub, sein einziger Bub. Die Hoffahrt, ja, die Hoffahrt. „Aus der Hoffahrt erwächst nix, Guats!“, grummelte er. War es nicht sein Bruder Konsti gewesen, dem beim Versuch, den größten Herrgottswinkel im ganzen Bayernland zu erzimmern, das drei Meter große Kruzifix fast den schweren Schädel zertrümmert hatte und der seither unter dem Namen Konstantin Wecker der Familie Schande um Schande bereitete? Und jetzt auch noch der Bub.

Wieder und wieder hatte er versucht, es dem Buben auszureden. Er hatte gedroht und gefleht, aber der Toni hatte nur keck gelacht: „Vatter, I bin stark und jung. I kann´s packen.“ Ja, das Zeug hatte er schon dazu. Das musste auch der Alte gramgeschüttelt und -gebeutelt freimütig einräumen. Kein Leberkäs war so groß, als dass ihn Toni Toni junior nicht innert weniger Augenblicke hätte inkorporieren und einige Stunden später in achtungsgebietend großen Haufen wieder ausscheiden können.

Weit oben im Forst indes saß der böse Pfalzgraf, ein gichtgekrümmter, griesgrämiger Greis diabolisch lachend an seiner miasmatischen Orgel. Grauslich warfen die alten, von der satanischen Bosheit des Grafen gequälten Mauern des Schlosses die aus allen Registern quellenden Kakophonien in die weite, nur von düsteren Kerzen illuminierte Halle zurück. Wenn er nur an seine neueste  Grausamkeit dachte, harrharrharrte es in konvulsischen Zuckungen aus seinem fauligen, verknoteten Lumpenleib heraus. Noch bevor der widerwärtige, voller Lebenskraft strotzende Dorfhahn Alois auch nur ein einziges Mal gekräht haben würde, nönne er die fesche Dimpfler Resi sein eigen, denn am Abend würde er sie dem schafskopfsüchtigen, leider immens verschuldeten Dimpfler Maximilian in besagtem Kartenspiel als Pfand aus der väterlichen Obhut entreißen. Niemand würde ihn noch aufzuhalten wissen. Nicht einmal der Herrgott persönlich oder sein adipöser Vertreter, der Dorfpfarrer Fürchtegott Lebesam, der wie alle wussten, noch nie nicht ins Weihwasserbecken gespuckt und auch seinen Schöpfer noch nicht daraum angefleht hatte, irgendeinen Kelch an ihm und seinen wollüstigen Pfarrerslippen vorüber gehen zu lassen. Ebenso wenig würde auch Toni Toni nichts mehr gegen ihn ausrichten können, denn der alte Schurke hatte das Mundstück von Toni Tonis Alphorn mit einem fürchterlichen Gift präparationiert, das nämlich, sobald er zu spielen anhübe, in seinen bergbäuerlichen Blutkreislauf gelänge und ihn fortan sprachlich nur noch verbalinkontinent stammeln und stottern ließe. Ja, so teuflisch war der alte, teuflische Pfalzgraf .

Als nun die ersten Abendschatten dräuten, schwang sich der alte Graf in seinen schwarzen Brokatumhang und in die Kabine seine, von nachtschwarzen Rappen gezogenen Droschke, um den Waldweg in wildungestümer Fahrt zum Dorf herunterzupeitschen.

Toni Toni lag unterdessen fieberpeingeschütteltst und blutigen Odem ausstoßend im dunklen Tann, während die Pfuideifitanne ihr höhnisches Gelächter über den Erfolglosen – schauerlich heulend – maßkrugsweise ausgoss. Er hatte versagt. Noch nicht einmal ein kleiner, ein klitzekleiniger Einschnitt ins harzige Rindenrund war seiner Säge, Zahnsepp, auch nur im Ansatz vergönnt gewesen, war die Tanne doch schließlich ein zur Gänze unleidlich unholdes Geschöpf und dem bösen Pfalzgraf Borgomir in übelster Bosheit böse zugetan. Doch plötzlich erstrahlte der Tann in einem überirdisch leuchtenden Licht. Eine ganz in Landhausmode gekleidete Fee mit Gamsbarthut und Grantln sowie einer alten Meerschaumpfeife im bärtigen Gesicht schwebte auf den Siechenden zu. Silberhell erklang es aus ihrem Munde: „Ja, gottverdammich, liegt die faule Sau da einfach im Wald herum und streicht sich die Falten ausem Sack, während seine Braut inne Kneipe von ihren Alten beim Schafskopp verschachert wird!“ Mit einem sanften Tritt in den Hintern befreite sie Toni Toni aus seiner Agonie und dematerialisierte wieder.

Die fesche Dimpfler Resi saß auf ihrer Bettstatt. Sturzbachartig rannen ihr dicke Zähren über den Alabasterteint und gruben ihr schlüftige Furchen ins liebliche Jungfrauenantlitz. Ihr Vater hatte ihr in schierster Verzweiflung aufgelöst vor nur wenigen Augenblicken mit Grabesstimme zerknirscht kundgetan, sie an den bösen Pfalzgrafen Borgomir im schändlichen Kartenspiele verloren zu haben. Noch am selben Abend müsse sie ins Schloss, wo schon am Morgen die Hochzeit stattfände.

Vor Leid ganz wirr, umwölkten düstere Gedanken den Geist der holden Maid. Ihr Leben war zernichtet, noch bevor es in den starken Armen Toni Tonis zur Fräue hatte erknospen können. Eine Rose, gebrochen im Sturm, galottite es lessing´sch in ihr. Die Schande überlebte sie nicht. Nein, der böse Pfalzgraf Borgomir würde ihrer nicht habhaft werden. Eher hünge sie sich an hänfenem Stricke auf oder ginge ins Wasser. Schon wühlte sie in ihrer Truhe, da erscholl unten in der Stube ein unheiliger Lärm. Bestimmt die gedungenen Schergen des bösen Pfalzgrafen Borgomir durchfuhr es die Holde. Doch weit gefehlt. In seiner ganzen Pracht wütete Toni Toni wie ein Berserker aus alten Tagen im Hause des Dimpfler Maximilian. Dabei schwang er die Pfuideifitanne über seinem Haupt und drosch wieder und wieder auf den Schädel des Grafen ein. Das Blut spritze. Das Gehirn flog in kleinen Fetzen durch die Stube. Als das gerechte Werk vollendet war, stand Toni Toni knöcheltief im fauligen Gedärm des bösen Grafen Borgomir und betete, dass es eine rechte Freude war, ihm zuzuhören.

Und wie klangen da am Morgen die Hochzeitsglocken.

Das mit Stammelgift versehene Alphorn wurde nie gefunden, doch wollen einige Alte aus dem Dorf gesehen haben, wie es ein kleiner Bub namens Stoiber Edmund an sich genommen habe.


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Ralf Kiedrowski

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