28. Oktober 2008

Kurzgeschichte Die Filmbesprechung

Ein Kulturzeit-Beitrag über das Kunstwerk „Reykjavik Ost“

Schon in der allerersten Szene von Wumm Windels neuestem, teilweise monochrom gehaltenen, ausdrucksmächtigen Filmkunstwerk „Reykjavik Ost“ entfaltet sich die substanzliche, nicht im lediglich Akzidentiellen verhaftete, hochkomische Tragik der streckenweise verstörenden Filmhandlung.

Ein junger, eher opportunistisch zu nennender Mann, von dem der Zuschauer während des gesamten Filmes in für den deutschen Film ungewohnter Reduktivität lediglich die unteren Enden seiner oberen Extremitäten sowie den oberen Teil seiner unteren Extemitäten nebst seinem in einem beziehungsreich karierten Hemd steckenden Quellrumpf zu sehen bekommt, dreht mit seiner nur spärlich behaarten, fast schon weich wirkenden rechten Hand den Schlüssel im Zündschloss seines Wagens um. In diesem Bild, das den Zuschauer befemdlicherweise weder an Peter Greenaway erinnert noch an Bunuel oder Pasolini, wird der Zuschauer mit naturgewaltlicher Wucht in den Film, in das Filmganze quasi hineinkatapulturiert, ohne im mindesten wirklich darauf vorbereitet worden zu sein. Es ist nämlich jene in der histoire humaine immer wieder auftretende fatale rechte Hand, mit der beispielsweise ein Richard Wagner seine dumpf-nationalistischen germanophil eutrophierten und hoch antisemitischen Heroenstücke hinschmierte, der Heranwachsende geradezu zwanghaft sein Rückenmark zu vermindern trachtet, aber eben auch jene geniale rechte Hand, mit der der von der Kulturwelt vollkommen zu Unrecht dem Vergessen anheim gegebenen Stepanek Zmrzlina in seinen besten Prager Tagen der Welt seine „Olmutzer Quargelphantasien“ zum Geschenk machte. Windel erinnert in einer hochkomischen Szene an den genialen böhmischen Dichter, indem er zu den Klängen Bedrich Smetanas Moldau einen Bröckel Harzer Käse in den Schoß des jungen Mannes fallen lässt, denn der Olmutzer Quargel ist ja, wie allgemein bekannt, überhaupt nichts anderes als die tschechische Variante des Harzer Käses, womit sich plötzlich germanischer und slawischer Kulturraum kontrapunktisch, ja fast schon diametral gegenüber zu stehen scheinen, aber schlussendlich und in der Faktizität des Realen gar nicht auseinanderzuhalten sind. Aber zurück zur Gesamtschau. Also mit dieser von rechter Hand durchgeführten Umdrehung des Schlüssels im Zündschloss beginnt sowohl ein spannungsgeladener Film der anspruchsvollsten Sorte als auch eine nicht nur an die Mitläufer totalitaristischer Systeme erinnernde Imramma eines jungen Mannes, die ihn, aufgenommen in Echtzeit, mehrere Male im Kreis um die isländische Metropole herum führt.

Bemerkenswert hierbei vor allem die immer wieder jäh eingeblendeten, elektrisierenden, ja innerlich zerwühlenden Schaltvorgänge, die dem Zuschauer einen schmerzhaften Einblick davon vermitteln, wie schnell, wie ruchlos gar sich der von Ulrike Folkerts gespielte Protagonist Gunnar Einandur Quaddelund Gutmansson  auf die jeweiligen Straßen-, respektive Zeiterfordernisse einzustellen weiß, um sich anschließend, als habe er sich nicht gerade eines nicht mehr benötigten Ganges, ohne auch nur einen Wimpernschlag lang zu zögern, meuchlings entledigt, wieder dem Lenkrad zuzuwenden.

Das zunächst verstörendste, gleichwohl aber auch interessanteste und im Rückblick nur zu konsequent Erscheinende an dem Film ist, dass Wumm Windel nicht nur auf die Darstellung der wilden isländischen Landschaft, sondern auch auf jeden anderen Darsteller, damit auch auf die für herkömmliche Filme typischen, immer wieder störenden Dialoge ganz bewusst verzichtet hat, um die verdiente Aufmerksamkeit der Rezipienten nicht vom Wesentlichen des Filmes abzulenken. Damit gewinnen vor allem, neben der eigentlichen Handlung, die immer wieder eingespielten altaramäischen, von Herbert Grönemeyer kongenial vorgetragenen Waschfrauenklagelieder eine sich ins Metametaphysiche steigernde Bedeutung für das Filmkunstwerk als Ganzes.

Wumm Windel hat mit seiner ergreifenden Parabel „Reykjavik Ost“ nicht nur wieder einmal bewiesen, dass der anspruchsvolle europäische Film längst noch nicht tot ist und für uns alle deshalb noch sehr viel Grund zur Hoffnung besteht, sondern auch einen epochalen Film von ganz eigentümlichem Reiz geschaffen. „Reykjavik Ost“ ist ab Donnerstag bei uns in den Kinos zu sehen.


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Ralf Kiedrowski

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