11. Dezember 2008

Kurzgeschichte Das Tagebuch des Joseph Fischer

Ein notwendiger letzter Beitrag zum Jubeljahr der Achtundsechziger

Wie jüngst von gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen bekanntgegeben wurde, stehen die lange erwarteten Fischermemoiren kurz vor ihrer endgültigen Veröffentlichung. Grund genug für ef, schon jetzt einen Vorabdrück zu liefern:

Erster Eintrag.

24. September

Merklich still ist es um meine Wenigkeit, um mich, also um mich, Joseph Fischer, geworden, nun da ich sozusagen quasi aufs Altenteil gezogen bin, das Altenteil sich mit mir schmücken darf. Grund genug, mich dem Rest der Welt mit einem großen literarischen Wurf, mit einem linguistischen Parforceritt, mit einem Hymnus in Klopstocks Manier, mit einem literarischem Donnerhall in Erinnerung zu rufen: Mit meinem Tagebuch. Einen letztgültigen Titel habe ich zwar bisher noch nicht dafür, allerdings mehrere gut angedachte. In der engeren Auswahl stehen zum gegenwärtigen Zeitpunkt: „Der Lebensborn“, „Joschka der Weise“, „Sternstunden der Menschheit“, „Der gute Mensch von Frankfurtammain“, „Früchte des Zorns“, „Die Lebensuhr des Joschka Fischer“ „Fischer“ „Frankfurter“. „Joschkas Traum“, „Warten auf Joschka“. Offen gestanden fühle ich mich von wegen der sprachlichen Strahlekraft zum „Lebensborn“ geneigt, aber eine innere Stimme scheint mich davor zu warnen. Es kann nämlich gut sein, dass das ein Titel von John Hemingway oder so ist. Werde wohl Renate fragen müssen. Die hat nämlich Reader´s Digest abonniert.

Ein fiktives (von mir ausgedachtes, sozusagen schon fast antizipiertes) Interview mit Nostradamusfaktor 10 von 10.

Spiegel: Herr Fischer. Nachdem es ja doch in letzter Zeit etwas stiller um Sie geworden ist und nur eine Handvoll handverlesener Elite-Leser von „Zeit online“ allmontaglich in den Genuss ihrer wahrhaft brillanten Analysen gekommen ist, legen sie nun mit Ihrem Tagebuch ein fulminantes Werk von immenser Durchschlagskraft vor, das von ausgewiesenen Kennern des Politischen mit den Aufzeichnungen Henry Kissingers und von namhaften Literaturkritikern mit W. Benjamin verglichen wird. Seit Wochen stehen Sie damit unangefochten in den Bestsellerlisten an erster Stelle. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie die Welt noch einmal zur Teilhabe an Ihrem Leben einladen?

Fischer: Eine gute Frage, die ich Ihnen ganz kurz beantworten kann. Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Julius Cäsar, Echnaton, Jesus. Alles ganz bedeutende Leute, die irgendwann aus der Welt verschwunden sind, ohne ein Tagebuch hinterlassen zu haben. Das sollte der Welt mit mir nicht passieren.

Spiegel: Ja, das leuchtet ein. Aber finden Sie den Vergleich mit Jesus nicht etwas gewagt?

Fischer: Keineswegs. Keineswegs. Sehen Sie, Jesus war das Kind von Flüchtlingen, ich bin das Kind von Flüchtlingen. So: what´s the difference?

Spiegel: Das hat was für sich, durchaus. Herr Fischer, Sie schreiben über Vorgänge, die – so wir gut informiert sind – bislang noch keinen Eingang in die Memoirenliteratur gefunden haben. War das nicht ein großes Wagnis?

Fischer: Im Grunde schon, denn wir haben es ja bei James Joyce erleben können, dass sein Ulysses von vielen Menschen nicht verstanden worden ist. Aber dennoch halte ich meine Leser für intelligent genug, das von mir Geschriebene mit dem weltpolitischen Geschehen in Verbindung zu bringen. Außerdem bedarf sowohl die Germanistik als auch die Politologie noch einiger Geheimnisse.

Spiegel: Fischer, wir danken dir!

Des Tagebuches saftiger Anfang

Montag, 25. September 2007

Der Vorgang der Defäkation sui generis, wie Wir Intellektuellen sagen, ist ein banaler. Rang erhält er erst, wenn er sich in Uns reflektiert.

In den frühen Morgenstunden mit unziemlichem „Äppelwoi-Kater“ auferstanden. Der Geruch Unseres heutigen Geleges ist stechend, dafür entschädigt Uns aber seine weiche, darmausgangschmeichelnde Textur sowie ein sattes, herrlich fettglänzendes Ocker. Fast wie in der Namib-Wüste.

prost scriptum

Die Verwendung des Pluralis Majestatis im Zusammenhang mit Uns verleiht dem Text Würde, schreckt des ungeachtet aber möglicherweise empfindsamere Naturen ab. Fürderhin begnüge ich mich in demütiger Selbstbescheidung deshalb mit einem lediglich kapitalisierten Ich: ICH.

Dienstag, 26. September

ICH muss mir unbedingt ein Ersatzwort für „Gelege“ ausdenken. Gestern empfand ICH es noch irgendwie als ironisch, postpostmodern schlechterdings. Heute, so vermeine ICH jedoch, etwas konkludent inferior Hühnernes darin zu entdecken. Das ist ausgesprochen unangemessen, ausgesprochen unangemessen, wenn ICH allein bedenke, über wen ICH schreibe. (Gibt es, so frage ICH MICH eigentlich den Straftatbestand der Autoverbalinjurie? In meinem alten Paragraphenschatz aus der Schule finde ich keinerlei Hinweis darauf. Werde wohl zur Frageklärung einen Advokaten kontaktieren müssen). (Der Gedanke ist wirklich interessant. Werde mich wohl einmal mit dem Justizprüfungsamt in Verbindung setzen, denn das wäre doch ein Thema für die Staatsprüfung.)

Mein Werk für heute allerdings ist vollbracht. ICH bin es vollkommen zufrieden. Zwei prallsatte Würste, die eine 32,5cm in der Länge und 6,6 cm im Umfang sowie die andere von 28,7 cm Länge und 5,9 cm Umfang habe ich heute meinem Flachspüler übereignet. Eine changiert in der Färbung. Zehn Zentimeter haben, ähnlich einer Banderole oder Binde, die gestrige Ockerfärbung, der Rest ist eher von leicht scheckig wirkender, kräftiger Rehbräune. Ihre Struktur ist fest, aber noch weit von übertrieben viriler Härte entfernt.

Mittwoch, 27. September.

Die Welt hat allen Anlass zu berechtigter Sorge. Das Ende scheint großschrittig zu nahen. Oh no, the end is near and I can face the final curtain… MEINE Hervorbringung war von gräulicher Farbe, außerdem mit viel Luft durchsetzt. Ihr Gestank: einfach widerlich. MEIN Arzt wird nicht umhin kommen, MICH umgehend aufzusuchen. Vorsorglich habe ICH die Kötel in MEIN chinesisches Porzellantöpfchen gelegt. MEIN Leibarzt wird etwas damit anzufangen wissen. Schade nur, dass ICH keine Reste von Montag und Dienstag zurückbehalten habe. Gewiss wären sie für ihn von einigem Interesse.

Donnerstag, 28. September

Gottseidank bin ICH gesund. Die Graufärbung sei, so MEIN Arzt, die Folge einer unbedeutenden Stoffwechselstörung und kein Grund zur Beunruhigung. Allerdings beschleichen mich leichte Zweifel. Viele große Männer in der Geschichte und schon früher sind bereits feigen Anschlägen zum Opfer gefallen. ICH werde ein Zweitgutachten einholen müssen.

Freitag, 29. September

Heute bin ICH in Hochstimmung. Mein täglicher Gang zur Schüssel war ein Triumph des Willens. Stundenlang saß ICH mit Haltung auf der Schüssel. Der Fascho Ernst Jünger mag zwar bei Männern fragen, wie sie zu Pferde sitzen, ich aber erkenne meine innere Haltung daran, wie ich zur Schüssel sitze. Apropos Ernst Jünger:  In seinen Büchern spricht er immer wieder vom Euphon, dabei hat er mir doch noch nie zugehört, hä, hä. By the way: ICH könnte meine Tagebuchveröffentlichung ja auch „In Stuhlgewittern“ nennen. (...)


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Ralf Kiedrowski

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