31. Oktober 2008

Kurzgeschichte Im Kulturcafe

In einem Raum mit linksgestrickten Intelligenzlern

Was nutzt und frommt dem Menschen der ganze, zahllosen Büchern qualvoll abgerungene geisteswissenschaftliche Bildungszierrat, wenn er nicht ab und an mal gehörig damit auf die Kacke hauen darf? Nichts.

Aus diesem simplen Grunde gibt es die ebenso erbauungsfördernde wie sinnreiche Einrichtung des urbanen Kulturcafes. Ethnosoundbedudelt und von allerprogressivstester Wachundaufrüttelkulturzeitkunst umzingelt lässt es sich nämlich ganz vortrefflich bei einem rohrohrzuckergesüßten Napf Milchkaffee sowie ökoscherem Vollkorngebäck in allerbestem Moralinföitong über die Zeitläufte parlieren. Raffinierte Gespräche mit unraffiniertem Zucker sozusagen. Oder war es doch umgekehrt? Und warum eigentlich immer diese ungeschlachten, elephantiasischen Tassen? Liegt es an der Intellektuellen habituell übel nachgeredeten Fingertümbe, warum koffeinhaltige Heißgetränke im Kulturcafe nicht in gewöhnlichem Geschirr ausgeschenkt werden, sondern in Pisspötten? Oder liegt dies vielmehr an der Neigung linksgestrickter Intelligenzler, sich den ganzen Tag in der Weltscheiße zu wälzen, weshalb auch im Cafe nicht gänzlich auf Fäkalienreminiszenz verzichtet werden möchte? Fragen über Fragen, die sich so schnell wohl nicht beantworten lassen, wohl aber auch nicht beantwortet werden wollen.

Gesprochen übrigens wird im Kulturcafe nur halblaut, denn der Nebentischnachbar, wahrscheinlich ohnehin nur ein Parvenü in Sachen geistiger Währung, möge sich, um der ragenden Autozerebralergüsse teilhaftig zu werden, nur hübsch ordentlich mühen. Die moderate Gesprächslautstärke hat also ihren Ursprung anders als von vielen gemutmaßt deshalb keineswegs in dem achtbaren Bedürfnis, andere nicht mit sich zu behelligen, sondern ist bei den Sprechern schlicht Ausdruck schier unermesslicher Hochachtung vor sich selbst.

Gemeinhin halte ich mich von solch garstigen Orten ja fern, aber gelegentlich zieht es mich perversionsgeschuldet doch dorthin, vor allem unmittelbar vor längst fälligen Friseurbesuchen, wenn hippieeske Lockenpracht mein Haupt überbordend bewuchert. Aus des Kleiderschrankes Tiefen krame ich dann meine neoexistenzialistische, kulturcafekompatible Uniform: schwarze Hose, schwarzer Rolli, schwarzes Sakko, Fensterglasnickelbrille (meine Augen sind schließlich noch gut) und filzlausschwarze Turnschuhe. Zur Vervollständigung klemme ich mir zu alledem noch großformatige arabische, chinesische, griechische, afrikanische Zeitungen sowie, für alle, die mit den anderen Zeitungen nichts anzufangen wissen: „Le Monde Diplomatique“ unter die Arme. So ausgerüstet kann man mich im Kulturcafe zum einen nämlich nicht als Außenseiter entlarven und zum anderen stelle ich damit meinen aufgeklärten Kosmopolitismus, meine interkulturelle Toleranz und nicht zu vergessen, meinen – Trommelwirbel – Alltagsheldenmut unter Beweis. Überdies schindet desgleichen gehörig Eindruck. In eher bürgerlichen Lokalen mag ja ein mit teuem Rauchwerk prall gefüllter Reisehumidor als Ausweis von Reichtum und Lebensart gelten, im Kulturcafe hingegen pflegt man eher den wie bereits angedeutet gehobenen Bildungssnobismus, der dort in einem ähnlichen Missverhältnis zu echter Bildung steht, wie Michel Friedmann zu Stil und Eleganz.

Auch Bücher haben sich schon bei meinen Besuchen in Kulturcafes bewährt. Vorrangig hochkomplexe Werke, die, würde ich sie auch tatsächlich lesen, das Gesamt meiner Aufmerksamkeit beanspruchten und allenfalls in stiller Abgeschiedenheit mit Genuss gelesen oder überhaupt erst verstanden werden können. Wer es mir nun gleichtun möchte, hüte sich jedoch dringend davor, immer wieder hektisch in den ziegelsteindicken Schwarten zurückzublättern oder viechsblöd dreinzuschauen, weil sich einem der Inhalt mitmenschlicher Geräuschabsonderungen wegen nicht sofort erschlossen haben mag. Das schmälert nur unnötig das Ansehen; das wirkt außerdem schlicht unsouverän. Ungleich besser ist es, von Zeit zu Zeit in eine arg zerzauste, von kräftigen Benutzungsspuren gezeichnete Ausgabe von Joycens „Finnegans Wake“ (selbstverständlich die Originalausgabe) hell hineinzulachen, vor Wollust temperamentvoll mit den Fingern zu schnalzen und sich, ein wenig zeitverzögert, der vollen Wirkung wegen, entschuldigungsheischend im Raume umzusehen. Sollte das geneigte Gegäst des Kulturcafes allerdings weniger von Jung- als von Mittelaltvolk geprägt sein, kann man desgleichen auch mit „Zettels Traum“ von Arno Schmitt durchführen.  Zugegeben, das ist schon sehr dick aufgetragen, aber niemand im Kulturcafe wird auch nur für Sekundenbruchteile wagen, Anstoß daran zu nehmen. Und es fällt ihnen dabei nichts auf. Ja, wie denn auch?


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Ralf Kiedrowski

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