19. Juli 2008

Kurzgeschichte Im Zug

Ein Yuri namens Erwin

Sie erlauben doch, dass ich mich zu Ihnen setze. Weiter vorne wäre zwar auch noch ein schönes Plätzelchen frei gewesen, aber hier, in der Gesellschaft einer so attraktiven Frau, fühle ich mich doch gleich viel, viel besser.

So, der Koffer hierhin, der Kamelhaarmantel... Ach, die aktuelle Ausgabe des „Wall-Street-Journals“ und die „FAZ“, muss ich ja noch aus der Tasche holen. Jetzt aber. Uff, das wäre mal wieder geschafft. Dass die Koffer von Samsonite immer so verflucht schwer sein müssen! Puh, heiß ist es hier drinnen, nicht wahr? Oder liegt das möglicherweise an Ihnen? Stört es Sie, wenn ich ...? Nein, ist ja auch nur für ein paar Minuten, bis der Zug... Dann mach ich es... Der steht hier ja immer noch gut und gerne eine Viertelstunde, bis der sich mal endlich in Bewegung setzt. Deutsche Bundesbahn eben. Was will man da schon groß machen? Laufend Verspätung. Ich kann Ihnen... Aber es lohnt sich einfach nicht, die kurze Strecke bis Düsseldorf zu fliegen. Allein das Einchecken dauert einfach zu lang. Ansonsten lieber mit dem Flieger.

So, was lesen Sie denn da? Darf ich mal sehen? Kenn’ ich ja noch gar nicht. Ach, ein Franzose. Ja, sprechen Sie französisch? Ich nicht, aber ich mag es französisch unheimlich gern. Sagen Sie, haben die Franzosen überhaupt Dichter? Einrisch Mann ünd Schillör, vielleischt? War ein Witz, ein Witz, nur ein Witz. Nicht gleich beleidigt sein. Ich bin wirklich ein good boy, verstehen Sie? Ich bin es nur nicht mehr gewohnt, mich über Literatur zu unterhalten, weil, sonst.. .äh, ja... Ist aber schon ein dünnes Buch von dem Franzosen. Soo, Gedichte. Alles klar. Alles klar. Alles klar. Die lyrischen Dichter müssen ja immer ganz schnell veröffentlichen, die Hungerleider. Haben leider nicht das Geld dafür, sich ordentliche Geschichten auszudenken. So was ist nix für mich. Die krakeln sich pro Seite was um die zehn Zeilen zusammen, die sich nicht mal reimen. Und kein Mensch kann den Kokolores verstehen. Das ganze Gesabbel nennen sie dann auch noch Kunst und verkaufen Bücher mit dreißig Seiten. Dreißig Seiten für zehn Euro oder sogar zwanzig! Ich bitte Sie! Wo ist da das Preis-Leistungs-Verhältnis? Dreißig Seiten Gedichte schaff ich locker in fünf Stunden, und drei davon bin ich in meiner Stammkneipe. Und das, was dabei heraus kommt, versteht jeder. Und reimen tut es sich auch noch. Aber lyrische Dichtung mit dreißig Seiten, darauf verzichte ich ganz einfach. Ich brauch’  nämlich richtig dicke Bücher. Dicke Bücher für einen dicken Mann, sage ich immer. Ha ha ha. 1.000 Seiten und mehr. Da fängt’s für mich erst an zu kribbeln im Gebälk. Literarisch am besten finde ich immer noch die Amis, da kannst du sagen, was du willst. Stephen King, Dan Brown. Das sind meine Favoriten. Die können wenigstens erzählen und ihre Storys haben immer einen spannenden Plot, weil die immer gleich für Hollywood mitschreiben müssen. Und alles ohne den ganzen Schrott von wegen staatliche Literaturförderung etcetera. Das sind richtige Marktschreiber, im besten Sinne des Wortes. Aber lassen wir das mit der Literatur. Das führt ja zu nix.

Haben Sie übrigens den Kerl da drüben schon gesehen? Der kleine Fiese da, mit dem Laptop von Neckermann. Schon irgendwie arm, was? Der sitzt jetzt da und hackt eifrig in seine Tasten. Hä hä. Glaubt, uns allen hier im Wagen zeigen zu müssen, wieviel er arbeitet. Dabei zeigt er nichts anderes, als dass er ein lächerlicher Sklave ist. Wenn ich mich in den Zug setze, brauche ich nicht zu arbeiten. Zug oder Flugzeug sind für mich Entspannung pur. Das sag’ ich auch immer meinem Chef. Ich sag’: Chef, du – wir duzen uns natürlich – du kennst meine Zahlen. Du weißt, was ich wert bin. Im Zug fasse ich keinen Rechner an. Da sagt der: „Ich weiß, Erwin, du verkaufst sogar noch dem Papst ein Doppelbett. Mach, was du willst. Ich vertraue dir.“ Aber was erzähle und erzähle ich da schon wieder alles? Berufskrankheit. Wenn man so lange in der Branche ist, kommt man immer wieder von Hölzken auf Stöcksken. Aber was mich jetzt schon mal interessieren würde, ist: Warum lesen Sie eigentlich Gedichte? Sie sehen doch mehr als passabel aus – mit ihrer leckeren Figur. Beine bis zur Fontanelle und einen Busen, an dem jeder Mann gerne lecken würde, wenn er kein Schwulinski ist. Wenn Sie irgend so ein schmalbrüstiges Suppenhuhn wären, dann könnte ich das noch verstehen, aber Sie? Bei einer Frau von Ihrem Format erwartet man doch eher die „Cosmopolitan“, die „Vogue“ oder ein anderes Modejournal von Stil und Eleganz und nicht so einen Lyrikkram für alte Jungfern. Ich meine das jetzt überhaupt nicht böse. Ich bin ja ein Freund der Vielfalt. Den Kommunismus haben wir ja Gott sei Dank überwunden in unserem Land. Da kann jeder natürlich lesen, was er will. Aber wenn ich so an meine Erfahrungen denke. Ich habe ja im Laufe der Jahre zig Frauen besessen. Frauen mit Gedichtbänden auf der Nachtkonsole waren alles in allem immer  ziemliche Rohrkrepierer gewesen. Obwohl – ja, einige waren schon dabei, die sind abgegangen wie Schmitz’ Katze. Nach außen hin spröde, aber wenn sie dann bei Erwin in der Kiste lagen, da ging dann die Post ab wie fünf Päckchen Mondamin, wenn Sie verstehen, was ich meine.

In sexuellen Dingen – müssen Sie wissen – bin ich überhaupt nicht prüde. Und ich achte die Frauen. Sehen Sie, ich habe im Laufe meines Lebens gelernt. Wenn ich heute abend in irgendeine Kneipe gehe, weiß ich, welche Frauen da sitzen. Im Gespür habe ich das. Und dann passe ich mich eben an, als Gentleman. Ein nettes Wort hier, ein nettes Wort da. Schon kommt man sich näher. In Gaststätten zum Beispiel, die „Eintracht“ heißen oder „Harmonie“, findest du immer denselben Typus Frau: wasserstoffblonde Haare, Minilocken und Leggins, manchmal auch, hä, hä, ein Brustwarzenpiercing. Bei denen lande ich immer als quasi hilfloser Teddybär – natürlich im Bett. Das appelliert an ihre mütterlichen Instinkte. Die sind ja meist so dämlich, die merken gar nicht, wie ihnen da geschieht. Ein bisschen Ketchup auf der Krawatte oder Senf, ist ja auch egal...  Aber ich will nicht prahlen. Das habe ich nicht nötig. Zu erfolgreich im Leben.


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Ralf Kiedrowski

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