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US-Wahlkampf: Die Sehnsucht nach der heilen Welt

von Karl Feldmeyer

Obamas Auftritt in Berlin sagt auch etwas über die mentale Lage in Deutschland

Hätten die Deutschen den nächsten Präsidenten zu wählen, er hieße Obama. 200 000 Berliner und Nichtberliner jubelten ihm vor der Siegessäule zu. Niemand wusste vorher, an wen sich seine Rede richten würde, an seine Landsleute, an die Deutschen oder an die Weltöffentlichkeit.

Zu den Überraschungen dieses Auftritts gehörte es, dass sie sich an alle drei richtete. Das ist riskant. Wer sich auf solch ein Experiment einlässt, muss mit seinen Aussagen im Allgemeinen bleiben, sonst löst er Widerspruch aus – und genau so verhielt sich Obama. Den Stolz der Amerikaner bediente er mit der Versicherung “Ich bin ein stolzer Bürger der USA” – fügte aber sogleich hinzu, “aber auch ein Weltbürger”. Breit würdigte er die Rolle Westberlins im Kampf um die Freiheit und forderte einen neuen transatlantischen Brückenschlag. “Amerika hat keinen besseren Partner als Europa” versichert er zur Freude seiner Zuhörer und schmeichelt ihnen mit einem Lob für Deutschlands vorbildliche Umweltpolitik.

Dann fallen Sätze, von denen Obama weiß, dass ihnen zu Hause Zustimmung sicher ist. Es sind Forderungen an die Europäer, insbesondere die Deutschen. Er pocht auf Zusammenarbeit nicht nur beim Umweltschutz, sondern auch bei der Bekämpfung des Terrorismus: Mehr europäische Hilfe in Afghanistan; mehr europäische Hilfe im Irak; mehr europäische Hilfe im Kampf gegen den Terror “durch eine neue und weltweite Partnerschaft”. Ein einziger Satz mehr zu diesem Thema, eine Konkretisierung, die klarstellen würde, was hinter der Hilfsforderung steckt, etwa der Wunsch, die Bundeswehr auch im Süden und Osten Afghanistans einzusetzen, wo gekämpft und gestorben wird, hätte die Begeisterung des Publikums wie eine Seifenblase platzen lassen. Er unterbleibt. Obama braucht den Beifall der 200 000 für sein amerikanisches Publikum. Schließlich soll ihn der Auftritt als kompetenten Außenpolitiker ausweisen.

Klartext zu sprechen – das hat Zeit. Sein Berliner Publikum ist nicht kritisch, sondern naiv. Es lechzt nach Visionen einer besseren Welt und die liefert Obama reichlich, vom Abbau aller Atomwaffen bis hin zu dem Satz “Die Mauern zwischen armen und reichen Ländern müssen fallen, die Mauern zwischen Christen, Muslimen und Juden müssen fallen – Wir müssen dem Ruf des Schicksals antworten”. Da kann jeder seinen eigenen Wunschtraum hineindenken.

Und so vermittelt uns Obamas Auftritt in Berlin zwei Erkenntnisse: Erstens, dass er ein versierter Wahlkämpfer ist, der auch Drahtseilakte bestehen kann; zweites, dass unter Deutschen der Wunsch nach einer heilen Welt das kritische Mitdenken offensichtlich beeinträchtigt hat.

Internet

Karl Feldmeyers Blog

27. Juli 2008

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