03. August 2008

Kurzgeschichte Genau

Kaffe anstelle von Kaffee

Was treibt diese Menschen um? Ich frage mich, was treibt diese Menschen um, in ihrem mutmaßlich vorhandenen Inneren? Vielleicht haben Sie es ja  mitbekommen, wie ich vor nachgerade nicht einmal zehn lächerlichen Minuten mein Kännchen Kaffee bestellt habe. Ich habe um ein Getränk von ex-akt 70 Grad gebeten. 70 Grad, wohlgemerkt, nicht etwa ungefähr 70 Grad oder 56 Grad, nicht 45 Grad, nicht 80 Grad. Schlichte 70 Grad. Bitte überzeugen Sie sich nur einmal selbst. Schauen Sie! Hier, das Display meines präzise arbeitenden digitalen Thermometers zeigt 65,7 Grad Celsius, nicht Zerfahrenheit. Das ist doch einfach schier unfasslich. Ja, wo sind wir denn eigentlich mittlerweile in diesem Lande? Nicht einmal knappe zehn Minuten konnte sich dieser intellektuelle Wurmfortsatz von wertfreiem Kellnerinnentalmi eine einfache, eine ganz und gar von ihrem Verständnisschwierigkeitsgrad her simple Bestellung merken. Aber was erwarte ich mir auch von so einer norddeutschen Tieflandkuh, die mir einen Kaffe anstelle von Kaffee serviert? Obwohl vermutlich das in ihrem von erheblicher sprachlicher Nachlässigkeit zeugende, verbal so einfach hingerotzte Kaffe den Zustand des Getränkes weit besser zum Ausdruck zu bringen in der Lage sein dürfte. Einfach scheußlich, dieses Kaffe. Vermutlich reicht sie dazu normalerweise auch noch Runds-tücke. Wie bitte? Ich habe Sie wohl gerade wegen der nicht unerheblichen Lärmentfaltung einiger Gäste hier drin missverstanden. Studentin? Brechend voll? Guter Mann, dafür habe ich doch nicht ein Jota, keinen Bruchteil eines Mikrometers Verständnis. Wenn es nämlich hinterher darum geht, die Rechnung begleichen zu müssen, bringt auch kein Mensch irgendein wie auch immer geartetes Verständnis dafür auf, wenn ich wegen meines immens hohen Arbeitspensums nicht den vollen Preis entrichten will. Nein, man wird die Polizei rufen. Lasse ich diese bodenlose Schlamperei hier und jetzt durchgehen, glauben die in ihrer himmelschreienden Impertinenz, ich sei mit dieser lauwarmen Brühe auch noch zufrieden gewesen. Mitnichten! Ich sage Ihnen, der Service hier ist eine ganz bewusste Desavouierung des eher kultivierten Teils der Gästeschaft. Wir Gäste sind diesen Menschen nämlich ganz und gar gleichgültig. Was, Überforderung? Das glauben Sie doch selbst nicht. Was glauben Sie, was das Personal hier nach Dienstschluss macht! Ich kenne mich da nur zu gut aus. Aber gut. Möglicherweise haben Sie ja recht. Aber, wenn dieser Trampel schon angesichts einer solch einfachen Bestellung auf ganzer Linie versagt, soll sie sich halt einen anderen Beruf suchen. So einfach ist das. Raus damit. Nicht lange gefackelt. So eine Stellung im Cafe´ ist eine ganz verantwortungsvolle Angelegenheit. Das kann nicht jeder. Ich werde da nachher mal mit der Chefin sprechen müssen. Die wird sich noch umschauen. Dann kann diese Person auch keinem anständigen Menschen mehr die Trommelfelle mit ihrem widerwärtigen „Kaffe“  ausstechen. Ach ja, das können Sie sich jetzt nicht mehr länger mit anhören? Dann gehen Sie doch nach Kuba, Sie Sozialdemokrat, Sie! Ja, das ist jetzt wieder ganz typisch für so ein Geschmeiß, wie Ihresgleichen. Wenn so ein Subjekt wie Sie keine Argumente mehr hat, dann wird es leicht einmal ausfällig. „Analfixiertes Arschloch“, hat er gesagt. So ein Wischiwaschiliberaler, so eine Eiterbeule, so ein Widerling. Das haben Sie jetzt schon mitgekriegt, oder? Ganz genau. Ganz genau deswegen hat Herr Oswald Spengler hier in  München schon vor mehr als siebzig Jahren sein Buch... Wie war jetzt gerade noch der Titel? Stimmt. „Der Untergang des Abendlandes“. Und das vor mehr als siebzig Jahren! Auf der Zunge zergehen lassen muss man sich das jetzt in aller Ruhe einmal. Vor mehr als siebzig Jahren! Da hat es so einen Murks nämlich noch gar nicht einmal gegeben. Zu der Zeit hatten die Kellnerinnen noch ihren Stolz, die Gäste noch Formen und die Sozis nichts zu lachen.Von derartigem wagt man ja als Insasse dieser Republik heute selbst in seinen kühnsten Träumen nicht mehr zu träumen. Ja, das sehen Sie auch so? Ich sage Ihnen, diese haarsträubende Nachlässigkeit in allem, die bringt unser Land noch einmal unter die Räder, – unter die Räder bringt die uns noch einmal. Die und die daraus resultierende Anarchie.

Jetzt passen Sie mal auf. Wir haben doch seit rund einem halben Jahr unser Haus am Starnberger See. Und da haben meine Frau und ich uns gefragt, welchen Belag wir für die Auffahrt nehmen wollen. Der Mann von der Baufirma hat uns zugeraten, wir sollten Mischkiesel nehmen. Feinster Rheinkies. Das sei jetzt ganz modern. Das mit dem modern hat mich ja jetzt weniger interessiert, aber es war aber eben auch ein interessantes Angebot. Im Angebot hat dann auch gestanden, dass das Mischverhältnis von wegen der Körnungsgröße ausgewogen sein soll. Was glauben Sie nun, was wir bekommen haben? Das können Sie sich nicht vorstellen. Drunter und drüber ist es da gegangen. Ausgewogen! Da lach ich. Da lach ich. Normalerweise hat so ein Kiesel eine Korngröße von 2 bis 60 Millimeter. Jetzat rechnen´S sich einmal aus, wieviel Prozent von jeder Kieselkorngröße da hätten herinnen sein müssen. Richtig, noch keine 2 Prozent von jeder Größe. Aber was meinen denn Sie, was die für Augen gemacht haben, als ich denen haarklein nachgewiesen habe, dass da nix ist mit Ausgewogenheit? Genau! Allerorten Betrug und Lumperei. Das kommt auch noch dazu. Aber ganz zerknirscht war der Chef von der Firma dann schon, wie ich ihn vor der ganzen schlamperten Mannschaft rund gemacht habe. Die zwei Löwen am Tor haben wir dann aber gratis bekommen, damit es wieder stimmt mit der Ästhetik.

Ah, da hinten kommt jetzt meine Frau vom shoppen. Ja, was schaut die denn so bleich aus? Sehen Sie das auch? Ja, grüß dich, Edeltraut, warum bist du denn so weiß im... Ach wegen dem verunglückten Schulbus mit den vielen toten Kindern. Ja, freilich hab ich das schon mitgekriegt. Deswegen war ich doch erst um fünf nach drei hier im Cafe und nicht schon um drei. Äh, ja, wo waren wir grad stehengeblieben? Also das mit der Ungenauigkeit...


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Ralf Kiedrowski

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