06. September 2008

Marktkommentar Bärenspiele

Die USA, Russland und die Bubbles

Seit der Beinahe-Pleite der US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac Ende Juli 2008 geschehen plötzlich wundersame Dinge in der Welt: Zeitgleich mit Beginn der olympischen Spiele in China beginnt der US-Vasall Georgien einen Krieg gegen ein mit Russland verbündetes, abtrünniges Gebiet (Süd-Ossetien), den sie „glorreich“ gegen die russische Armee verlieren. Seitdem zieht diese russische Armee plündernd durch Georgien. Zeitgleich beginnt plötzlich der US-Dollar gegen alle Währungen zu steigen (der Index steigt von 71 auf 78), der Goldpreis fällt um 200 Dollar pro Unze auf 800 Dollar, der Ölpreis fällt von 147 Dollar pro Barrel auf derzeit 107 Dollar, die USA scheinen plötzlich von der Finanzkrise geheilt zu sein. Und Polen unterzeichnet einen Beistandspakt mit den USA, der auch die Aufstellung von amerikanischen Abwehrraketen in Polen irgendwann ab 2011 vorsieht.

Außerdem beginnt in Russland eine Kapitalflucht, so dass die Firmen über mangelnden Zugang zu Krediten klagen. Die Moskauer Börse stürzt ab, die Zentralbank muss den Rubel stützen. Das wird mit der Unsicherheit der Investoren über die neue „Kriegslage“ erklärt.

Nach meinem Dafürhalten sind das zu viele Zufälle. Hier läuft offenbar eine groß angelegte strategische Umorientierung der USA ab. Man will den bisherigen Feind Islam, der sich in der öffentlichen Meinung abgenützt hat, durch einen neuen, besser gesagt uralten Feind – Russland ersetzen. Und die Russen spielen eifrig mit, denn mit ihren militärischen Drohungen treiben sie besonders die früheren Ostblockländer, die die Pranke des russischen Bären real gespürt haben, in die Arme der USA.

Das „eurasische Schachbrett“ des alten US-Strategen Zbigniew Brezezinski, scheint wieder Bedeutung zu erlangen. Seiner Meinung nach „müssen“ die USA  den eurasischen Kontinent und besonders Europa „kontrollieren“, um die ganze Welt beherrschen zu können.

Zuviel der Zufälle?

Meiner Meinung nach ist das alles koordiniert, um den USA und dem US-Dollar zumindest noch einige Monate Leben zu ermöglichen. Denn der Realkollaps der US-Wirtschaft ist bereits im vollen Gang. Zumindest bis zu den US-Wahlen am 4. November oder noch besser bis zur Amtsübergabe am 20. Januar 2009 möchte man es noch schaffen, damit der bisherige US-Präsident George W. Bush nicht zu viel Gesicht verliert. Die reichen Republikaner möchten auch nicht von Obama und Co. von den Futtertrögen vertrieben werden, die US-Banken die eigentlich schon bankrott sind, möchten weiterleben, und die Banker möchten Bonusse kassieren, statt auf der Straße zu stehen. Kurz gesagt, man will die Finanzbubble und das Imperium (das mit einem Kollaps des Dollars fällt) möglichst lange erhalten.

Die Schwächen des russischen Bären

Die Russen sind trotz ihres Rohstoff-Reichtums und ihrer 600 Milliarden Dollar an Devisenreserven nicht so unverwundbar, wie sie es glauben: „In zwei Jahren gehört uns die ganze Welt“ – so die Aussagen der Eliten dort. Eigentlich gibt es kaum Industrie, fast alle Güter werden importiert, die Infrastruktur ist marode, die Lebenserwartung russischer Männer liegt immer noch unter 60 Jahren, die Geburtenrate ist enorm gering, Sibirien fällt wegen der Abwanderung der Russen langsam in chinesische Hand.

Und dann wäre da noch die vermutlich schlimmste Kreditbubble, die die Welt bisher gesehen hat: Preise für Eigentumswohnungen in Moskau und St. Petersburg von 30.000 Euro pro Quadratmeter sind üblich, selbst in Provinzstädten liegen die Preise noch über unseren. Das alles bei einem monatlichen Durchschnittsseinkommen von ca. 450 Euro. Also wahrlich eine Superbubble, die einmal platzen muss. Dazu kommt eine immense Auslandsverschuldung der Banken und Firmen von ca. 500 Milliarden US-Dollar.

Wurde diese Bubble jetzt vom Westen angestochen, um den russischen Bären auf den Boden der Realität zurückzuholen? Einiges spricht dafür. Und der Bär spielt mit seinen Drohungen eifrig mit. Dass dies aber Uncle Sam ein viel längeres Leben geben wird, ist unwahrscheinlich.

Information

Die aktuellen Marktkommentare von Walter K. Eichelburg erscheinen zweiwöchentlich im Rohstoff-Spiegel und jetzt auch auf ef-online. Eichelburg ist Consultant und Investor in Wien. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Investment- und Geldfragen. Er kann unter walter@eichelburg.com erreicht werden. Er betreibt die Gold-Website Hartgeld. Dieser Artikel ist als völlig unverbindliche Information anzusehen und keinerlei Anlageempfehlung. Jegliche Haftung irgendwelcher Art für den Inhalt oder daraus abgeleiteter Aktionen der Leser wird ausdrücklich und vollständig ausgeschlossen.


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