20. September 2008

Marktkommentar Empire over!

Analyse der US-Verstaatlichungen

An der Wall Street knallt es derzeit kräftig. Da ist etwa der Bankrott der US-Investment-Bank Lehman Brothers am 15. September zu nennen. Am gleichen Tag flüchtete die ebenfalls stark angeschlagene Investment-Bank Merrill Lynch in die Arme der Bank of America. Kommentatoren schreiben, zusammen möchte man eine Bank „to big to fail“, also zu groß zum Sterben bilden, die dann der amerikanische Staat unbedingt retten muss. Diese Rechnung könnte aufgehen, wenn man sich die diversen Verstaatlichungen der letzten Zeit in den USA ansieht.

Lehman war hoffnungslos mit schlechten Wertpapieren, primär bestehend aus US-Hypotheken, überladen. Mit einer vorläufigen Schuldensumme von 613 Milliarden US-Dollar ist es der größte Bankrott in der US-Geschichte bisher. Für das reine Investment-Banking von Lehman gibt es Käufer, jedoch nicht für die Mistpapiere, die die „Assets“ dieser Bank darstellen. Der jetzt folgende, von der Branche so sehr gefürchtete Abverkauf wird den wahren Marktwert aufzeigen – vielleicht ein Drittel des Nominalwertes kommt zurück. Alle Banken müssen jetzt eigene Bestände entsprechend abwerten, was ihnen weitere Verluste einbringen wird.

Uncle Sam, der Notretter

Den Untergang von Lehman konnte man offenbar riskieren, ohne das Gesamtsystem implodieren zu lassen. Am 7. September kam die Meldung, dass die USA die beiden siechen Immobilien-Giganten Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlicht haben. Wie man heute weiß geschah dies auf Druck der chinesischen Regierung, deren Zentralbank ca. 360 Milliarden Dollar von den ausstehenden 5.300 Milliarden an Fannie & Fredde MBS (auch Agency Bonds genannt) als Währungsreserven hält. Auch in den USA gab es jede Menge zittriger Hände, wie die von Bill Gross, dessen PIMCO-Bond-Fond mit über 60 Proent in diesen Papieren steckt. Die US-Staatsschulden sind damit gleich um 50 Prozent auf ca. 15.000 Milliarden gestiegen, da die US-Regierung mittels Hank Paulson diese MBS garantiert. Das große Problem ist, dass der Staat selbst Geld borgen muss, um helfen zu können. Eine solche Aktion führt unweigerlich zum Abverkauf der Staatsanleihen und der Währung.

Draufgabe AIG

Am 17. September dann die Meldung, dass die US-Regierung über Nacht auch die größte US-Versicherung American International Group (AIG) verstaatlicht hat und sofort 85 Milliarden Dollar hineinsteckt. Warum? „Wenn AIG fällt, fallen wir alle“, erklärt ein Händler der „Financial Times Deutschland“.

Der Bankrott wäre noch am nächsten Tag erfolgt und hätte unabsehbare Auswirkungen auf die Finanzmärkte, die Derivatenmärkte und die Versicherungsbranche weltweit gehabt. Kurz gesagt: Das Gesamt-System wäre in wenigen Tagen zusammengebrochen. Wie bei Fannie & Freddie wird man auch AIG nicht für ewig retten können, aber einen Aufschub des System-Crashs hat man offenbar wieder einmal erreicht. Für eine wirkliche Rettung sind die Schäden im System bereits viel zu groß. Selbst Alan Greenspan, der Vorgänger von Helicopter-Ben als Zentralbank-Chef spricht von einer „Jahrhundert-Krise“. Eijne solche ist es!

Extrem-Manipulation der Märkte

Seit Mitte Juli werden alle Finanzmärkte in einem nie gesehenen Ausmaß manipuliert, um einen groß angelegten Dollar-Abverkauf zu verhindern. Dazu müssen Ölpreis und Goldpreis herunter und der Dow Jones Index muss hochgehalten werden. Auch ein kleiner Krieg (Georgien) wird benutzt, wie im letzten Marktkommentar erwähnt.

Auch während der Turbulenzen um Lehman hat man diesen Kurs aufrechterhalten. Die gigantischen US-Not-Verstaatlichungen sind der Grund für diese Manipulationen. Diese werden zusammen mit der Tatsache, dass die USA derzeit von der Rezession in die Depression gehen, trotzdem zum Dollar-Crash und Gold-Höhenflug führen. Dann heißt es: Empire over!

Information

Die aktuellen Marktkommentare von Walter K. Eichelburg erscheinen zweiwöchentlich im Rohstoff-Spiegel und jetzt auch auf ef-online. Eichelburg ist Consultant und Investor in Wien. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Investment- und Geldfragen. Er kann unter walter@eichelburg.com erreicht werden. Er betreibt die Gold-Website Hartgeld. Dieser Artikel ist als völlig unverbindliche Information anzusehen und keinerlei Anlageempfehlung. Jegliche Haftung irgendwelcher Art für den Inhalt oder daraus abgeleiteter Aktionen der Leser wird ausdrücklich und vollständig ausgeschlossen.


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