08. Oktober 2008

Acht Gedanken Josef und seine Finanzbrüder

Ein Plädoyer zum wirklichen Handeln

Kapitel 1: Wettbewerb

Wettbewerber sind sich nicht grün. Seinen Wettbewerbern jagt man Kunden und Mitarbeiter ab. Das schließt nicht aus, dass man vereinzelt kooperiert, zum Beispiel um einen großen Auftrag zu kriegen. Bei der nächsten Ausschreibung verdirbt man sich wieder gegenseitig die Preise. Geht der Wettbewerber in Konkurs, gilt es schnell zu sein, die profitablen Kunden zu sich herüberzuziehen. Je nach Marktlage stellt man noch einige Mitarbeiter des Pleitiers ein.

Der (von Banken und Politikern lange verzögerte) Konkurs des General-Bau-Unternehmers Philipp Holzmann war ein Stück Marktwirtschaft. Unfähige Manager haben das Unternehmen vor die Wand gefahren. Bessere haben überlebt. Die Konkurrenz hat nüchtern von einer notwendigen Marktbereinigung gesprochen. Es dürfte bei den anderen großen General-Bau-Unternehmern mancher Sektkorken geflogen sein, dass es einen lästigen Preisdrücker weniger am Markt gibt. Fällt ein  Wettbewerber aus, ist dies für die im Markt verbliebenen Anbieter ein Vorteil.

Kapitel 2: Aus Schaden wird man klug

Das alte Ägypten wurde einmal im Jahr überflutet. Das musste man rechtzeitig wissen, um vorher seinen Besitz ins Trockene zu bringen. Kalender waren dazu hilfreich. Nach der Flut wollten die Bauern ihr Stück Land wiederfinden. Wenn Zäune und Grenzsteine nicht halten, helfen Aufzeichnungen. So wurde die Schrift erfunden und erlernt. Auf einer Tropeninsel, wo Kokosnüsse und Mangos rund ums Jahr vom Baum fallen, brauche ich keinen Kalender und keine Schrift. Selbst eine Sozialtechnik wie das Zählen ist manchen Völkern unbekannt, weil sie es nicht brauchen. Gelernt und erfunden wird primär gegen die Not.

Individuell ist das ähnlich. Eltern schicken ihre Kinder in die Schule, weil ohne das dort erlernte kein Bestehen am Markt ist. Eine Fremdsprache lernt man, um die Ferien zu überleben, oder um in einem anderen Kulturkreis Business zu machen. Und vielfach lernt man unbewusst. Kinder lernen an der heißen Herdplatte, Jugendliche lernen mit Hilfe von Rotwein, was ein Kater ist. Wenn uns die erste Stelle gekündigt wird, lernen wir besser zu arbeiten. Oder unserem nächsten Chef besser in den Arsch zu kriechen. Wenn wir unseren ersten Auto-Unfall überleben, lernen wir vorsichtig zu fahren.

Lernen ist teuer. Die Ergebnisse werden dafür bezahlt. Wer die Stellenanzeigen anschaut, sieht dort den Wunsch nach „Erfahrung“. Ein „Senior“ verdient schnell doppelt so viel wie ein „Junior“. Weil er seine Fehler schon woanders gemacht hat. Er wird für das unfreiwillige, oft unter Schmerzen Erlernte bezahlt. Wir alle lernen unter Druck, wir lernen aus Erfahrung. Wir lernen vieles unfreiwillig. Das Gelernte ist individuell wie kollektiv eine Bereicherung, auch wenn der Weg nicht angenehm war. Der Volksmund sagt, aus Schaden wird man klug.

Kapitel 3: I have a Dream

Im Traum gehen Ort und Zeit durcheinander. Mir erscheint Josef Ackermann. Ob er seine Attraktivität seinem Coiffeur, seinem Sonnenstudio oder seiner Macht verdank, sei dahingestellt. Ich träume anstelle dessen von einer Rede, die er 2007 vor seinen Aktionären hält: „Ihr zahlt mir 10 Millionen Euro im Jahr. Ihr zahlt mir dieses Geld für meine Erfahrung, für die Fehler, die ich woanders gemacht habe. Ich habe die Bank durch das Stahlbad der Depression 2002 geführt, ich habe bewiesen, dass ich die Bank profitabel machen kann. Jetzt mache ich die Bank krisenfest. Vor uns liegt Sturm, und als guter Kapitän werde ich Euch sicher hindurchführen. Ich weiß nicht, wie schlimm der Sturm wird. Sicherheitshalber fahren wir etwas langsamer. Ich halte das Geld der Bank zusammen. Wenn ein Konkurrent den Bach runtergeht, dann sind wir bereit, die profitabelsten Kunden und die besten Mitarbeiter zu übernehmen. Vielleicht können wir 2008 keine Dividende zahlen, aber die Bank wird auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen.“ Ich wache auf, beim Kaffee sortiert sich die Zeit wieder. Wir haben Anfang 2008, und im „Handelsblatt“ steht, dass Josef Ackermann gerade Staatshilfen für die Finanz-Branche fordert.

Da Ackermann ein integrer Mann ist, ist er nach wie vor seinen Aktionären verpflichtet. Und nicht der Branche. Wenn er also „für die Branche“ Geld vom Steuerzahler fordert, ist das seine Verbrämung für „wir haben ein Problem“. Die 10 Millionen Euro pro Jahr zahlen wir Aktionäre also für einen Schönwetter-Kapitän. Ackermann hat offenbar gelernt, dass die Bank in der Krise ist, und er hat es auf Kosten der Aktionäre gelernt.

Noch einmal. Die Deutsche Bank lebt von ihren Kunden. Die Konkurrenz der Deutschen Bank auch. Verschwindet ein Wettbewerber vom Markt, kann sich die Deutsche Bank hoffentlich einen Teil der Kunden sichern. Weniger Wettbewerb verbessert den Profit. Ackermann müsste sich über jeden Wettbewerber freuen, der vom Markt verschwindet. Als „last man standing“ hätte er den Markt für sich. Er könnte die Rendite auf hundert Prozent fahren, und die Aktionäre würden ihm gerne 100 Millionen Euro im Jahr dafür geben. Anstelle dessen hat er geschlafen, und bettelt jetzt die Steuerzahler an.

Kapitel 4: Unser täglich Brot gib uns heute

Fernreisen nach Ceylon, i-Phones und 7er BMWs sind etwas Feines. Wer (in Deutschland) Geschichten aus der Zeit 1945-48 hört, weiß, dass es damals andere Sorgen gab. Und gegen Ende des Ersten Weltkrieges sind in Deutschland Menschen verhungert. Die Notwendigkeit des Brotes will niemand wegdiskutieren. Darum steht dieser Satz im wichtigsten Gebet unserer größten Religion. Und im Handbuch der Bauernverbands-Lobbyisten.

Subventionen für die Landwirtschaft sind so alt, so verbreitet und so teuer, dass man schon gar nicht mehr darüber reden mag. Wenn nämlich die Landwirtschaft zusammenbricht, haben wir alle nichts mehr zu essen. Und schon wird Ur-Oma aus dem Grab geholt, damit sie noch einmal erzählt, wie „wir alle 1918 von Baumrinde gelebt haben“. Danach wird die Alte wieder abgeräumt, bevor jemand fragen kann, warum der Staat den Krieg nicht vermieden hat, der ja Ursache des Mangels war. Weil dieser Staat nämlich bis heute die produktiven Menschen beraubt, um unnützes Bauerngesindel wie Stimmvieh zu züchten.

Die gesunde bäuerliche Landwirtschaft muss bitteschön „als Ganzes“ erhalten bleiben. Bauern dürfen nicht in Wettbewerb treten, sondern werden als erhaltenswertes Kulturgut gesehen, das wir gemeinen Steuerzahler nicht hinterfragen dürfen. Sagt der Bauernverband, und das sind schließlich die Experten.

Kapitel 5: Wir kuscheln gern

Was die Bauern geschafft haben, nämlich die gemütliche Kuschelecke für den gesamten Berufsstand, das weckt Neid. Warum eigentlich soll man noch im harten Wettbewerb sein täglich subventionsverteuertes Brot verdienen, wenn man doch so wichtig ist, dass es ohne einen nicht geht?

Josef und seine Finanzbrüder sind am Ziel. Was wir dummen Steuerzahler nämlich nicht begriffen haben, ist, dass bei Banken ja alles ganz anders ist, als der kleine Muck sich das so vorstellt. Wettbewerb und Verdrängungen sind etwas böses, und wenn eine Bank wackelt, muss der Staat diese Bank retten. Denn das Bankwesen „als Ganzes“ muss erhalten bleiben. Vermutlich weil es Kulturgut ist. Damit die Banken weiter in der Kuschelecke bleiben können, anstatt sich dem Wettbewerb zu stellen. Das ist nicht ganz so wichtig wie das täglich’ Brot, aber ohne Banken gibt es bestimmt keinen iPod und keinen 7er BMW. Sagen Josef & Co. Und die sind schließlich die Experten.

Kapitel 6: Von der Coiffeuse lernen, heißt siegen lernen

Vor mir liegt das „Handbuch für den angehenden Friseurmeister“, Goslar, 1981. Dort lese ich, dass man langfristige Investitionen auch langfristig finanzieren soll, also die Trockenhaube zum Beispiel nicht aus dem Dispo zahlt.

Josef Ackermann ist nicht immer dumm, ich schließe das daraus, dass es anderen Banken in Deutschland schlechter geht. Georg Funke (ex-CEO und Terminator der HypoRealEstate) ist laut „Handelsblatt“ „einfach unfähig“. Diese Formulierung in einer ansonsten zurückhaltenden Wirtschaftszeitung übersetze ich mit „Vollidiot“. Ackermann hat offenbar seiner Coiffeuse zugehört. Er sollte sie gut bezahlen, denn seine Frisur ist auch o.k. Funke dagegen sieht auch scheiße aus.

Der Lerneffekt einer Bankenpleite wäre, dass die Anleger sich intensiver mit der Anlage ihres verbliebenen Geldes beschäftigen. Aus dem Trauerspiel der politischen Aktionen rund um die sogenannte Finanzkrise lernen wir auch: Es kommt nicht darauf an, sich um sein Geld zu kümmern. Lege alles aufs Sparbuch, der Staat garantiert.

Und die CEOs der Banken lernen sicher von Georg Funke, dass nämlich Wissen und Können überflüssig sind. Jeder andere Tölpel hätte die HRE genauso vor die Wand fahren können. Auf der nächsten Hauptversammlung der HRE werde ich beantragen, doch Knut den Eisbären zum CEO zu machen. Er versteht vom Kreditgeschäft immerhin so viel, dass er den Fisch erst fängt und dann frisst.

Kapitel 6: Neues vom Räuber Hotzenplotz

Als integrer Mann würde Ackermann nie rauben. Als guter Manager lässt er rauben. Nichts anderes ist es, wenn er Merkel und Co. um Hilfe bittet.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass manche Führer von Banken keine Strategie haben, und andere nicht wissen, was in ihrer Bank vorgeht. Auf Spezialisten wie Funke trifft wohl beides zu. Wie groß ist dann wohl die Wahrscheinlichkeit, dass Peer Steinbrück den Durchblick hat?

Kapitel 7: Tatü tata, die Feuerwehr ist da

Wenn es brennt, fragt man nicht nach der Versicherung, sondern löscht erst einmal. Mit dieser Argumentation verteidigen die Politiker ihre chaotischen Aktionen. Nach jeder Aktion gehen die Börsenkurse runter. Fragen stellen darf man jetzt nicht.

In Ihrem Aktionismus suchen Politiker nach Zinssenkungen, Konjukturprogrammen etc. Nach der 1929er Krise hat Franklin D. Roosevelt den „New Deal“ gestartet. Ein Konjunkturprogramm, das Millionen Tote und verstümmelte junger Amerikaner hervorbrachte, Europa verwüstete und Hiroshima vernichtete. Als Roosevelt 1945 starb, betrug die Arbeitslosigkeit immer noch 8 Prozent. Ob es das wert war?

„Wie es dazu gekommen ist, das wird Gegenstand späterer Untersuchungen sein“. Zunächst einmal hieße es, wehrfähige Männer als Soldaten für die Front freizumachen. Sagte Dr. Goebbels in seiner berühmten Rede vom Februar '43. Die Untersuchungen haben später wirklich stattgefunden, Goebbels war nicht mehr dabei. Ob wir diesmal das gleiche Glück haben?

Kapitel 8: Brandbekämpfung und Prävention – aber richtig

Wenn es so ist, wie Ackermann darstellt, dann darf eine Bank nicht pleite gehen. Damit fehlt ein wesentliches Element der Marktwirtschaft. Wenn ein Tölpel wie Funke von der HRE also das ganze System lahmlegen kann, und die Aktionäre ihn nicht stoppen konnten, dann ist das ein Freibrief für die Plünderung von Steuergeldern durch Vollidioten und Abzocker. Und dann sollte man diesen gefährlichen Wahnsinn stoppen. In der Brandbekämpfung spricht man von Gegenfeuer und Brandschneisen. Lassen wir also die Versager untergehen. Lassen wir eine Brandschneise entstehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass leistungsfähige Banken überleben, wenn wir die Harakiri-Künstler über die Klinge springen lassen. Lassen wir doch die Genossenschaftsbanken und den Mittelstand beweisen, dass sie auch ohne Großbanken leben können.

Geben wir den Unternehmen, die ihr Geld im Wettbewerb verdienen können und wollen, eine Chance. Lasst Merkel nicht die Kassen der Leistungsträger plündern, um ein verfaultes System zu retten!


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Julia Bug

Über Julia Bug

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige