26. November 2008

Konjunktur Konsumzurückhaltung erzeugt keine Rezession

Warum jetzt Steuersenkungen Gebot der Stunde sind

Die Angst vor der Rezession geht um in Deutschland. Seit Wochen vermelden Tageszeitungen die warnenden Worte weiser Wirtschaftspropheten, die von Unheil künden: sinkende Einkommen, Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit. Die Optimistischen unter ihnen befürchten eine „tiefe“ und „schwere“ Rezession für das kommende Jahr, andere sprechen von der „schwersten Rezession seit Jahrzehnten“, und die Dramatiker unter ihnen verwenden den Superlativ der „schwersten Wirtschaftskrise seit Kriegsende“. Wie auch immer: Die Fakten sprechen dafür, dass die Finanzkrise das Wirtschaftswachstum schmälern wird. Erste Betriebe, insbesondere in der Autobranche, drosseln ihre Produktion und haben Kurzarbeit angekündigt, und Opel bat jüngst um staatliche Beihilfen, um sich für die drohende Insolvenz des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors zu wappnen. Selbst die hochprofitable Chipschmiede Intel schockierte seine von Dividenden verwöhnten Aktionäre mit einem einbrechendem Umsatz und einer Gewinnwarnung für das laufende Quartal.

Der Schuldige ist bereits ausgemacht: Der Konsument, der angesichts stürmischer Zeiten in der Weltwirtschaft sein Geld lieber behalten will anstatt es auszugeben, und damit die Gewinne des produzierenden Gewerbes schmälert. Politiker und Wirtschaftsweisen beschwören uns jetzt, bloß nicht am falschen Ende zu sparen und auch in diesem Jahr unsere Weihnachtseinkäufe großzügig ausfallen zu lassen. Denn, so die Logik, wenn weniger Güter gekauft werden, sinken Unternehmensgewinne und damit die Einkommen der Arbeitnehmer – die wiederum weniger konsumieren können. Einhalt gebieten kann eine solche deflatorische Abwärtsspirale, so heißt es, nur eine „Stärkung der Binnennachfrage“. Deswegen überbieten sich Staaten jetzt weltweit mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen, die die Wirtschaft wiederbeleben sollen.

Die britische Regierung ist in Europa nun vorgeprescht und hat – allerdings befristet bis Ende 2009 – eine Senkung der Mehrwertsteuer zum ersten Dezember um zweieinhalb Prozentpunkte beschlossen, in der Hoffnung, einen vorweihnachtlichen Kaufrausch auszulösen. Mit diesem Schritt haben die Briten die amtierende Bundesregierung gehörig in Verlegenheit gebracht, hatte diese doch erst vor zwei Jahren den hiesigen Mehrwertsteuersatz von 16 auf 19 Prozent angehoben. Nun, da der Ruf nach Steuersenkungen auch in Deutschland lauter wird, insbesondere der vom kleinen Koalitionspartner CSU, sah sich Bundeskanzlerin Merkel genötigt, am vergangenen Montag in Paris ihr Nein zu schnellen (Mehrwert-) Steuersenkungen zu bekräftigen. Mit dem Hinweis, dass etwas, was gut für Großbritannien ist, nicht unbedingt sinnvoll für Deutschland sein muss.

Was dagegen gut für uns ist, hat die Bundesregierung in ihrem eigenen Konjunkturprogramm festgelegt: Beispielsweise sei es gut, wenn wir uns bis Sommer 2009 einen Neuwagen kaufen, der mit neuen Straßen und einem Erlass der Kfz-Steuer für die Dauer von bis zu zwei Jahren nach dem Kauf gefördert werden soll. Die Regierung sähe es auch gern, wenn wir mal wieder einen Handwerker legal beschäftigen, etwa, um unser Haus kohlendioxideffizienter zu machen, weshalb sie die steuerliche Abschreibungsmöglichkeit von Handwerkerstunden verdoppelt hat. Auch Kurzarbeit hält sie für förderungswürdig und erhöht vorübergehend die Bezugsdauer des Kurzarbeitergelds auf 18 Monate, natürlich, weil dieses Instrument hervorragend dafür geeignet ist, für die Zeit des Wahlkampfs die Arbeitslosenstatistik zu frisieren.

Der Konjunkturstimulus der Bundesregierung ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Aus mehreren Gründen: Erstens entsteht in der Summe kein Wachstumsimpuls, wenn der Wirtschaft an einer Stelle über Steuern Investitionsmittel genommen werden, um sie an anderer Stelle über öffentliche Investitionen wieder zurückfließen zu lassen. Zweitens maßt sich die Regierung in einem Anfall von Planwirtschaft an zu behaupten, sie wüsste besser als die individuellen Wirtschaftssubjekte, wo deren Geld sinnvoll angelegt ist – eine Vorstellung, die vor dem Hintergrund der Komplexität des Verteilungsproblems in modernen Volkswirtschaften absurd ist. Drittens, und das ist der wichtigste Grund, ist Kaufzurückhaltung nicht die Ursache einer Rezession, sondern lediglich ihre Wirkung.

Eine Rezession folgt immer einer kreditfinanzierten Boomphase, die, begünstigt durch inflatorische Geldpolitik, Wirtschaftssubjekte in risikoreiche und vergleichsweise unrentable Projekte investieren lässt. Dreht die Zentralbank den Geldhahn zu und steigen in der Folge die Zinsen, werden Fehlinvestitionen offenbar, die Überproduktion gedrosselt und verlustreiche Unternehmungen liquidiert – das nominelle Wirtschaftswachstum sinkt. Die Rezession ist also eine Übergangsphase, in der der Markt die falsche Verwendung von knappen Ressourcen korrigiert. Je länger der Boom angehalten hat, desto schmerzhafter werden die notwendigen Korrekturen, weil ein größerer Teil der Volkswirtschaft involviert ist. Das Verhalten der Konsumenten ist Teil des Prozesses, der den Markt wieder an die Realität anpasst. Beispielsweise müssen erstmal die alten Ratenkredite abbezahlt werden, bevor an Neuanschaffungen gedacht werden kann. Auch in Erwartung von Einkommensverlusten, etwa durch den drohenden Verlust des Arbeitsplatzes, entscheiden sich kluge Verbraucher in der jetzigen Situation, Geld für schwierige Zeiten zurückzulegen statt es auf den Kopf zu hauen.

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es sich dabei nicht um eine Entscheidung gegen den Konsum handelt, sondern lediglich für zukünftigen Konsum: Das Geld, das die Verbraucher also jetzt sparen, planen sie auch in Zukunft wieder auszugeben. Entsprechend muss sich ihr Konsumverzicht nicht zwangsläufig negativ auf die Beschäftigungsquote auswirken. Beispielsweise könnten viele jetzt auf die Anschaffung eines Neuwagens verzichten, um das Geld lieber für den nächsten Sommerurlaub zu sparen. Die gegenwärtige Nachfrage nach Autos sinkt also in dem Maße, wie die Nachfrage nach Pauschalreisen im kommenden Jahr steigen wird. Pfiffige Geschäftsleute antizipieren die veränderte Nachfragestruktur und bereiten sich schon jetzt auf den kommenden Touristenansturm vor, etwa, indem sie in zusätzliche Flugkapazitäten oder neue Ausflugsdampfer investieren – mit Geld, das sie sich von den Sparern leihen.

Was sollte die Bundesregierung also jetzt tun in der Krise? Etwa dem Beispiel Großbritanniens folgen und die Mehrwertsteuer, die in Deutschland gemessen am Steueraufkommen die wichtigste ist, zumindest wieder auf den Stand von 2006 senken. Denn statt Steuergelder sinnlos zu verschwenden, sollten Frau Merkel und ihre Kabinettskollegen diese lieber denjenigen in die Hand drücken, die noch am besten wissen, was damit zu tun ist: den rechtmäßigen Eigentümern. Denn ganz gleich, was der Bürger mit seinem Geld anfängt, es spart oder ausgibt, in beiden Fällen geht das Geld der Wirtschaft nicht verloren, sondern landet immer dort, wo es gerade am dringendsten benötigt wird. Und genau das ist es, was die Rezession schnell beenden kann.

Internet

Consumers Don't Cause Recessions


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