10. Dezember 2008

Glühlampen Brüssel knipst das Licht aus

Die Stunde der Glühbirne hat geschlagen

Die älteste Glühbirne der Welt hängt in einer Feuerwache im Städtchen Livermore, Kalifornien, rund 60 Autominuten von San Francisco entfernt: Seit 107 Jahren leuchtet sie, mit Unterbrechungen in den ersten 75 Lebensjahren, seit 1976 jedoch ununterbrochen, nachdem sie unter Polizeischutz umgezogen und an einen Stromkreis mit integriertem Notstromaggregat angeschlossen wurde. Bald dürfte sie die meisten ihrer modernen Verwandten überlebt haben, denn im Zuge des „Energy Independence and Security Act“, den Noch-Präsident Bush vor fast einem Jahr unterzeichnet und somit zum Gesetz gemacht hat, wird der Verkauf von Glühlampen, die den verschärften Effizienzbestimmungen nicht genügen, ab dem Übergangszeitraum zwischen 2012 und 2014 in den USA untersagt sein. Nachdem Australien und Kanada vergleichbare Gesetze erlassen haben, ist man nun auch im zuständigen Fachausschuss der EU-Kommission übereingekommen, ab September 2009 alle Glühlampen schrittweise vom Markt zu nehmen, so dass ab Jahresende 2012 nur noch der Verkauf von Energiesparlampen im Europäischen Binnenmarkt zugelassen sein wird, wenn das Europäische Parlament den Plänen zustimmt.

Bei der Glühlampe fließt durch einen Glühfaden, der typischerweise aus Wolfram besteht, ein elektrischer Strom, dessen Energie über den metallischen Leiter in Form von sichtbarem Licht und Wärmestrahlung abgeben wird. Hier liegt auch der Schwachpunkt der Glühlampentechnik nach Thomas Edison: Gerade mal ein Zwanzigstel der eingesetzten Energie steht dem eigentlich Zweck der Glühlampe, der Beleuchtung, zur Verfügung, der große Rest, 95 Prozent, geht an die unsichtbare Wärmestrahlung verloren. Moderne Energiesparlampen vermindern den Verlust drastisch, arbeiten aber nach einem gänzlich anderen Prinzip: In einem Glaskolben, in dem ein Unterdruck besteht, werden Quecksilberatome mit Elektronen beschossen, die Löcher in die Elektronenhülle des Quecksilbers reißen. Dabei entstehen elektrisch geladene Quecksilberionen, die bei ihrer Wiedervereinigung mit Elektronen ultraviolettes Licht ausstrahlen. Ein Leuchtstoff auf der inneren Oberfläche des Glaskolbens wird durch dieses Licht zum Leuchten angeregt, das wir im Gegensatz zum UV-Licht wahrnehmen können.

Eine Energiesparlampe erreicht mit dieser Technik die gleiche Lichtausbeute wie eine herkömmliche Glühbirne, besitzt aber nur einen Bruchteil ihres Strombedarfs. So gesehen ist der Ersatz von Glühlampen durch Leuchtstofflampen ökonomisch rational: Die gesparten Stromkosten können den erhöhten Anschaffungspreis der Energiesparbirnen, der etwas das zehnfache beträgt, mehr als wettmachen und unterm Sprich Geld sparen helfen – etwa 50 Euro im Jahr und Durchschnitt wie uns Umweltminister Sigmar Gabriel vorrechnet. Fragt sich nur, wieso es dann erst die Europäische Kommission braucht, um den Verbraucher zum Umdenken zu zwingen. Marktversagen?

Tatsächlich wuchs der deutsche Markt für klassische Glühlampen zwischen 2000 und 2003 noch von 260 auf 280 Millionen Stück, was auf den ersten Blick nicht gerade für die Rationalität der Verbraucher spricht. Seitdem befindet sich jedoch die Glühbirne auf einem steten Rückzug. Im Jahre 2007 gingen nur noch 205 Millionen Glühlampen über die Ladentheken der deutschen Lichthäuser, für das laufende Geschäftsjahr 2008 erwartet der Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) sogar nur rund 170 Millionen verkaufte Exemplare. Im gleichen Zeitraum ist der Marktanteil der Energiesparlampen auf 15 Prozent gestiegen, ganz ohne Intervention der EU-Kommission oder seitens der Bundesregierung. Dass der Marktanteil nicht noch höher liegt, hat verschiedene Ursachen. In Kellerräumen oder Garagen, wo Licht typischerweise nur kurzzeitig eingeschaltet wird, rechnen sich Energiesparbirnen wirtschaftlich nicht, insbesondere da sie dazu neigen, vorzeitig auszufallen, wie die Zeitschrift „Öko Test“ in einem Vergleichstest bemängelte. Auch neigen Leuchtstofflampen zu einer stärkeren Alterung als Glühlampen: Im selbigen Warentest büßten billige Exemplare nach 2000 Betriebsstunden bis zu 43 Prozent ihrer Leuchtkraft ein. Ferner gab es bis vor kurzem keine geeigneten Energiesparbirnen, die mit marktüblichen Dimmern funktionierten.

Der verringerten Stromverbrauch und die damit verbundene Einsparung von Kohlendioxid durch den Einsatz von Energiesparlampen steht nicht unerheblichen ökologischen Risiken gegenüber: Etwa der Einsatz des hochgiftigen Quecksilbers als Leuchtmittel. Nur wenige Verbraucher wissen darum und entsorgen ihre defekten Energiesparlampen korrekt als Sondermüll. Stattdessen landen defekte Birnen meistens im Glasabfall, wo sie zerbrechen, und das Quecksilber als Umweltgift entweichen kann. Ein anderes Problem, das ausschließlich Energiesparbirnen betrifft, ist ihre mangelnde Tageslichtqualität. Das Licht, das insbesondere billigere Exemplare erzeugen, entspricht in seiner Zusammensetzung verschiedener Wellenlängen nicht dem natürlichen Sonnenlicht und fühlt sich daher kälter an. In britischen Studien beheizten Testpersonen daher ihre Wohnung tatsächlich um bis zu drei Grad stärker, nachdem ihre Wohnung mit Energiesparlampen ausgestattet wurden. Der vollständige Ersatz von Glühbirnen durch Energiesparlampen könnte also einen signifikant höheren Heizverbrauch bewirken – das eingesparte Kohlendioxid würde an anderer Stelle wieder freigesetzt. Fraglich ist auch, ob in dem kursierenden Einsparpotenzial von etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid auch der erhöhte Energieeinsatz bei der Produktion der technisch sehr viel aufwendigeren Leuchtstoffröhren eingerechnet wurde.

Der Nutzen eines staatlich verordneten Glühbirnenverbots, sowohl in gesamtwirtschaftlicher wie in ökologischer Hinsicht, erscheint unter diesem Licht mehr als fragwürdig. Natürlich wird es Gewinner des neuen Glühbirnenregimes geben, und einer von ihnen heißt Osram. Denn das Hauptgeschäft der Firma besteht bereits seit Jahren nicht mehr im Verkauf von klassischen Glühlampen. Mehr als 95 Prozent seines Umsatzes erzielt das Unternehmen aus dem Verkauf moderner Hightech-Beleuchtungsmittel, zu denen Leuchtdioden, Halogen- und Leuchtstofflampen gehören. Dazu passt, dass die europäische Union bereits seit vielen Jahren den Import von billigen Energiesparlampen aus China mit Strafzöllen sanktioniert, um inländische Produzenten wie Osram zu schützen. Dies geschieht natürlich zu Lasten der Verbraucher, die aufgrund der Handelsbeschränkungen bis zu 60 Prozent höhere Preise auf Energiesparlampen bezahlen müssen. Wenn die EU-Kommission also etwas für die Verbreitung von Energiesparlampen tun will, sollte sie vielleicht zunächst die Einfuhrzölle auf Energiesparlampen Made in China abschaffen, statt den ohnehin schrumpfenden Markt für Glühlampen.


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