17. Dezember 2008

Der Fall Madoff Carlo Ponzi und sein Vermächtnis

Die Geschichte des Schneeballsystems

Charles „Carlo“ Ponzi ging als bekanntester Anlagebetrüger in die Wirtschaftsgeschichte ein. Er wurde im Jahre 1882 in Lugo, Italien geboren und emigrierte als junger Mann, nachdem er sein Studium an der Universität von Rom La Sapienzia abgebrochen hatte, in die Vereinigten Staaten. Nach verschiedenen Jobs als Tellerwäscher und Kellner nahm er eine Stelle als Kassierer bei einer kleinen Bank namens „Banco Zarossi“ in Montreal, Kanada, an, die jedoch bald pleite ging. Der Inhaber der Bank setzte sich mit dem verbliebenen Geld nach Mexiko ab, während Ponzi sich mit Scheckbetrug an einem ehemaligen Kunden seine Rückreise in die USA zu finanzieren suchte. Nach drei Jahren im Gefängnis betätigte er sich als Schlepper, der italienische Einwanderer über die kanadische Grenze in die Vereinigten Staaten schaffen wollte, wobei er erwischt wurde und erneut ein paar Jahre im Gefängnis verbringen musste – diesmal in einer US-Einrichtung. Hier lernte er einen gewissen Charles Morse kennen, der mittels Korruption, Preismanipulationen und Betrügereien ein erkleckliches Vermögen gemacht hatte und nun eine 15-jährige Haftstrafe wegen seiner Verstöße gegen US-amerikanische Bankengesetze verbüßte – die er jedoch niemals absitzen musste, da es ihm gelang, den Behörden eine schwere Erkrankung vorzutäuschen, die ihm eine Begnadigung einbrachte.

In Morse hatte Ponzi offenbar seinen Mentor gefunden. Ein paar Jahre später, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und wieder auf freiem Fuß, gründete Carlo Ponzi in Boston seine berühmt-berüchtigte „Securities Exchange Company“. Sie basierte zunächst tatsächlich auf einem, wenngleich wackligen, Geschäftsmodell: Ponzi kaufte internationale Rückantwortscheine billig in Europa, und löste sie in den USA gegen Briefmarken ein, die er wieder verkaufte. Die Tatsache, dass die europäischen Währungen infolge der Kriegswirtschaft massiv an Wert gegenüber dem Dollar verloren hatten, ermöglichte es Ponzi, einen Gewinn aus diesen Arbitrage-Geschäften mit unterbewerteten Rückantwortcoupons zu erzielen. Das Geld für die Beschaffung der Coupons erhielt er von Anlegern, denen er eine Rendite von 50 Prozent innerhalb von nur 90 Tagen versprach – und die kamen bald in Scharen, um ihre gesamten Ersparnisse in den Händen eines Ex-Sträflings zu geben (was sie zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wussten). Angesichts der steil wachsenden Zahl von Kunden war er auf den Verkauf von Briefmarken nicht mehr angewiesen – Ponzi bezahlte die Zinsen einfach mit dem frischen Geld neuer Anleger. Solange er mehr Kunden akquirierte als verlor, ging das auch gut. Es blieb genügend Geld übrig, um das luxuriöse Leben der Familie Ponzi zu finanzieren: Innerhalb von nur einem halben Jahr nach seiner Geschäftsgründung Ende 1919 war Ponzi vom Habenichts zum Millionär aufgestiegen, mit Geld, das er sich erschlichen hatte.

Tatsächlich beruhte sein „Vermögen“ auf einer wachsenden Summe von Zahlungsverpflichtungen, die in Hinblick auf das Versprechen einer monströsen Rendite vorerst nicht eingefordert wurde. Weder produzierte Ponzi Güter irgendwelcher Art, noch investierte er das Geld seiner Anleger in produktive Unternehmungen. Eine Analyse seines Geschäftsmodells, die in einem Zeitungsartikel Ende Juli 1920 erschien, offenbarte schließlich, dass angesichts der Höhe der Einlagen bei der „Security Exchange Company“ rund 6000 mal mehr Rückantwortscheine zirkulieren mussten als nach Auskunft der amerikanischen Postbehörde tatsächlich im Umlauf waren. Ein paar Tage später, nach dem Kassensturm, war Ponzi – wie seine größten Anleger – pleite. Nach 13 Jahren im Gefängnis wurde Carlo Ponzi, der immer noch nicht amerikanischer Staatsbürger war, schließlich des Landes verwiesen. Er verstarb, völlig verarmt, im Jahre 1949 in einem wohltätigen brasilianischen Krankenhaus in Rio de Janeiro. Als Namensgeber für das nach ihm in englischer Sprache benannte „Ponzi scheme“, was im Deutschen als Pyramiden- oder Schneeballsystem bezeichnet wird, wurde er jedoch unsterblich.

Ponzis Idee fand viele Nachahmer. Spektakulär ist der aktuelle Fall um Bernard Madoff. Er ist ein berühmter Fondsmanager an der Wall Street, war zeitweise Vorsitzender der NASDAQ und bekannt für sein humanitäres Engagement. Nicht nur spendete seine private Stiftung Millionenbeträge für diverse gemeinnützige Zwecke, beispielsweise der Leukämie-Forschung, Madoffs Vermögensverwaltung verwahrte auch das Geld vieler namhafter amerikanischer Charity-Organisationen. Wie sich gerade herausstellte, operierte sein Unternehmen, die „Bernard L. Madoff Investment Securities LLC“, bereits seit den neunziger Jahren nach dem Ponzi-Modell und erleichterte seine Anleger, zu denen sogar seine eigenen Söhne gehörten, in der Summe um 50 Milliarden Dollar. Weder europäische Geschäftsbanken wie die HSBC oder Santander, die Milliardenbeträge an Madoff verloren haben, noch die amerikanische Bankenaufsicht haben offenbar etwas davon geahnt. Madoffs Firma gab vor, seine Renditen mit Termingeschäften zu erzielen, allerdings überstieg ihr vorgebliches Handelsvolumen der Summe aller gehandelten Optionsscheine in ihrem Markt.

Fünfzig Milliarden sind vielleicht eine ganze Menge Geld, aber verglichen mit der Deutschen Rentenversicherung, die jährlich rund 200 Milliarden Euro von ihren „Anlegern“ auf unsere Rentner umverteilt, und in dieser Form seit 1957 besteht, sind das Peanuts. Vielleicht mag es den ein oder anderen Leser überraschen, aber auch das Rentensystem beruht auf dem Ponzi-Modell, das im Grunde genommen nichts anderes als ein Umlageverfahren ist. Die ausgezahlten Renten werden direkt durch die laufenden Versicherungsbeiträge finanziert, und nicht aus etwaigen, mit „eingezahlten“ Versicherungsbeiträgen erwirtschafteten Kapitalvermögen. Das geht nur solange gut, wie Einzahler und Leistungsbezieher sich die Waage halten. Seit geraumer Zeit ist das nicht mehr der Fall, weshalb das System nur durch milliardenschwere Steuerzuschüsse, die letztlich auch der Arbeitnehmer tragen muss, am Leben gehalten wurde. Die Tatsache, dass unser Rentenschneeballsystem bereits seit über fünfzig Jahren bestehen konnte, lässt sich nur dadurch erklären, dass seine Anleger zur Zahlung gesetzlich verpflichtet worden sind – auch wenn sie den Betrug längst durchschaut haben. Davon dürften Carlo Ponzi oder Bernard Madoff wohl geträumt haben.

Internet

The Life of Carlo Ponzi

Will the other Ponzi schemes please stand up


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