07. Januar 2009

Spice Modedroge droht Verkaufsverbot in Deutschland

Gesetzestreue Rauschgiftkonsumenten müssen sich mit Alkohol und Nikotin begnügen

Seit einigen Monaten sorgen kleine Silbertütchen in Kifferkreisen für Furore: Die Londoner Firma Psyche Deli vertreibt darin unter dem Markennamen „Spice“ eine als Rauchware getarnte Kräutermischung, die bei den Konsumenten einen ähnlichen Rauschzustand erzeugen kann wie Marihuana, den getrockneten Blüten der weiblichen Hanfpflanze. Da bis vor kurzem kein Betäubungsmittel in dem Kräutertütchen nachgewiesen werden konnte, durfte das Spice im Gegensatz zum Hanf frei gehandelt werden und fand daher unter Jugendlichen rasch Verbreitung als legaler Ersatz für Marihuana, obwohl für drei Gramm der Modedroge in Internet-Headshops rund 30 Euro verlangt werden. Damit ist Spice teurer als das nur am Schwarzmarkt erhältliche Cannabis, das 2005 zum Durchschnittspreis von neun US-Dollar in Deutschland gehandelt wurde (Zahl von „The Economist“), und dürfte dem Hersteller traumhafte Gewinnspannen beschert haben.

Nun hat ein Frankfurter Pharmaunternehmen im Auftrag der Stadt Frankfurt allerdings eine genaue Analyse der Kräutermischung vorgenommen und dabei in einigen Proben die bekannte synthetische Verbindung JWH-18 gefunden, die, wenn auch chemisch nicht verwandt, die gleiche Reaktion im Körper verursacht wie das Cannabinol im Hanf, aber mit einer potenteren Wirkung. Die Biokräutermischung entpuppt sich also als Designerdroge, was sofort die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, auf den Plan rief, die dann auch umgehend eine Eilverordnung zum Verbot von Spice ankündigte, welche noch Ende Januar in Kraft treten soll – wegen „des Ausmaßes der missbräuchlichen Verwendung und der unmittelbaren und mittelbaren Gefährdung der Gesundheit“, wie in ihrer Presserklärung betont wird.

Allerdings ist praktisch nichts über die gesundheitsschädliche Wirkung der Substanz bekannt. Es gibt weder toxikologische Untersuchungen noch dokumentierte Fälle von Abhängigkeit oder Drogentoten durch den Konsum von Spice, obwohl die Droge als „Insidertipp“ schon seit einigen Jahren die Runde macht. Man kennt einige biologische Abbauprodukte von JWH-15, einem nahen chemischen Verwandten des JWH-18, von dem einige krebserregend sind – allerdings atmet man schon beim Rauchen von bloßem Tabak diverse Substanzen ein (etwa Nitrosamine und Benzol), die im Körper zu krebserregenden Verbindungen umgebildet werden können. In dieser Hinsicht geht von der geringen Menge der psychogenen Chemikalie im Spice kein höheres Risiko aus als von dem vor dem Rauchen beigemengten Tabak. Dennoch mag sich angesichts der offenbar synthetischen Zusätze im Spice der konservative Kiffer in seiner Entscheidung, bei der guten alten Biodroge Marihuana zu bleiben, bestätigt fühlen. Denn Cannabinol verursacht, entgegen aller gestreuten Mythen, nachweislich keine gesundheitlichen Schäden außer den bekannten Langzeitfolgen durch das Rauchen. 

Ganz im Gegensatz zum Alkohol übrigens, der ein äußerst wirksames Zell- und Nervengift ist, gewaltsame Aggressivität fördert und dessen regelmäßiger Genuss zur körperlichen Abhängigkeit führen kann. Da verwundert es, dass einerseits harmlose Kiffer mit aller Härte des Gesetzes verfolgt werden, andererseits aber führende Politiker dem jährlichen Massenbesäufnis auf dem Oktoberfest einen medienwirksamen Besuch abstatten müssen. Der Drogenpolitikerin Bätzing kann man immerhin eine stringentere und weniger widersprüchliche Linie attestieren als dem Gesetzgeber, wenn sie sich für eine schärfere Regulierung der Volksdroge einsetzt, etwa für die Herabsetzung der Promillegrenze von 0,5 auf 0,3 im Straßenverkehr, ein nächtliches Verkaufsverbot oder die Einführung von Warnhinweisen für Schwangere auf den Flaschen von Alkoholika.

Die Hysterie um psychogene Drogen und die europäische Tradition der Drogenprohibition geht im Grunde auf den Mythos Absinth zurück, der Großmutter aller Modedrogen. Absinth ist eigentlich nur ein Kräuterschnaps, der aus in Weinalkohol eingelegten Wermut und weiteren Kräutern destilliert wird. Nicht zuletzt wegen seiner angeblich halluzinogenen und aphrodisierenden Eigenschaften wurde er im 19. Jahrhundert zum Kultgetränk der französischen Kunstszene, eine Mode, die sich auch im Ausland verbreitete. Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Oscar Wilde waren nur einige der berühmtesten Fans der Spirituose. Absinth stand bald im Verruf, schwere gesundheitliche Schäden zu verursachen, wie Gewaltbereitschaft, Wahnvorstellungen und Abhängigkeit. Nicht etwa der hohe Alkoholgehalt wurde als Ursache des um sich greifenden „Absinthismus“ ausgemacht, sondern – fälschlicherweise, wie man heute weiß – das in Spuren enthaltene Nervengift Thujon des Wermuts.

Nach einem spektakulären Mordfall im Jahre 1905, bei dem ein betrunkener Familienvater im Schweizer Kanton Waadt nach angeblichen Genuss von Absinth bei einem Wutanfall seine Familie tötete, wurde 1908 Absinth durch einen Volksinitiative zunächst in der Schweiz und danach schließlich in den meisten Ländern Europas und den USA verboten, zuletzt 1914 auch in Frankreich. Obwohl man im Laufe des 20. Jahrhunderts zu verstehen lernte, dass sich hinter dem Absinthismus nichts anderes als eine Alkoholkrankheit verbarg, fiel das letzte Absinthverbot erst 2007 (in den USA), nach rund 100 Jahren Absinthprohibition. Seit 1998 sind thujonhaltige alkoholische Getränke auch hierzulande wieder erlaubt, zumindest, wenn die Konzentration des Pflanzengifts 35 mg/l nicht übersteigt.

Konsequenterweise sollte Drogengenuss eigentlich Privatsache sein, ganz gleich, ob gesundheitsschädlich oder nicht, schließlich handeln erwachsene Menschen auf eigene Verantwortung. So gesehen ist auch der Drogenhandel ein „Verbrechen“ ohne Opfer, denn der Dealer zwingt seinen Kunden nicht zum Drogenkonsum und würde ohne Nachfrage auch kein Geschäft machen können. Der Handel geschieht in beiderseitigem Einverständnis und gereicht sowohl Verkäufer als auch dem Käufer zum subjektiven Vorteil. Mit welchem Recht greift der Staat hier also in die Vertragsfreiheit seiner Bürger ein?

Internet

Spice & JWH-18 – Worte der Warnung


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