17. Februar 2009

Kirche und Kollektiv Christus gegen die Söhne der Gnosis

Ein reaktionär-katholischer Einwurf

Die heutige politische Welt ist dominiert durch die Ideen der Moderne, den Ideen, die bereit sind, uns die Welt vollends und letztgültig zu erklären.

Eine beinahe messianisch anmutende Endzeitstimmung scheint weite Teile der intellektuellen Welt erfasst zu haben, sie hat sich sogar in früher rein private Bereiche ausgedehnt. Das Ziel dieser, mit staatlichen Geldpressen, militärischen Einsatzkommandos und weltweit agierenden Massenmedien ausgerüsteten Weltkirche, ist das von Francis Fukuyama formulierte Credo vom „Ende der Geschichte“. Ihre Chöre stimmen den Anbeginn der ewigen Gleichheit an.

Die demokratische Forderung an Mensch und Geschichte ist dabei gleichzeitig privat wie öffentlich, sie kennt weder Rassen- noch Klassenschranken, Dogmen bestehender Religionen sind ihr ein Gräuel. Sie greift, sobald aus Einem zwei Menschen werden, sie ist wahr (orthodox) und allgemeingültig (katholisch), sie sieht sich in radikaler Gegnerschaft zu den „rest-reaktionären“ Elementen unserer Gesellschaft, welche bisher diese Bezeichnung für sich beansprucht hatten.

Die politischen Parteien, die politisierenden, ja sogar die boulevardisierenden Medien teilen diese demokratische Überzeugung, sie laben sich an der Mediokrität, an der ökonomischen Massennutzbarkeit dieser Weltanschauung. Streit entsteht höchstens in Detailfragen.

Ob zum Beispiel eine Demokratie möglichst demokratisch, also durch möglichst große Partizipationsmöglichkeiten für die Bürger geprägt sein solle, oder ob nicht doch ein demokratisch gewähltes Parlament, ein Rat oder eine einzelne Person ausreichend Legitimation habe, um im Namen der Masse zu regieren. Wie stark man sich auch untereinander befeinden sollte, gleich ob man es für nötig erachtete ganze Völkerschaften gegeneinander aufzuhetzen, war man sich doch immer bewusst, dass man zur Not, zur Wahrung des äußersten Zusammenhaltes, sich auf ein gemeinsames Feindbild, auf den herrschaftlichen Ausdruck von „Finsternis“ und „Knechtschaft“ kaprizieren konnte: Nennen wir dies der Einfachheit halber die „ewige Reaktion“, und in realer Ausformung die katholische Kirche (inklusive der östlichen Bruderkirche) und ihre Monarchien.

Sinn und Zweck der Anstrengungen von Massenmedien, Parteien, Regierungen und Geheimdiensten ist das Erreichen einer umfassenden und alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Gleichheit, und der dazu notwendigen totalen Kontrolle. Die Demokratie ist dazu nach der moralischen Delegitimierung der radikal-sozialistischen Regime das am ehesten geeignete politische Mittel der internationalistischen Internationale und ihrer machtbewussten ökonomischen „Parteigänger“.

Für die Ausgrenzung der „reaktionären“ Kräfte aus diesem „Kreis der Anständigen“ hat man gleichwohl gute Gründe, stand und steht doch die katholische Auffassung von der Legitimität gesellschaftlicher Verhältnisse und Institutionen (allen voran die des Staates, der Staatsführung) dem Diktat der Masse, der Fundamentierung der gesellschaftlichen Ordnung auf Meinung, Gefühl, Unerfahrenheit, Mangelbildung und Gleichheit wie ein nicht unterzukriegender Anachronismus gegenüber.

Scheinen diese kalten Analyse-Techniken der menschlichen Natur, diese aus unzähligen geschichtlichen Ereignissen gewonnenen Einsichten momentan auch weitestgehend unbeachtet durch Politik, Medien und Gesellschaft, ja sogar durch den größten Teil des Klerus selbst, so sind sie doch nicht tot zu kriegen. Sie mäandern seit Jahrhunderten auf verborgenen Pfaden durch die intellektuelle Welt, sie finden immer wieder geistige Inseln, treffen auf widerständige Köpfe, eigentümliche Formate, nisten sich ein, werden durch das Meer der Zeit getragen, ohne jemals der Verfolgung, der Gefahr der vollständigen Vernichtung, entgehen zu können. Die von ihr errichteten Sakralbauten, ihre Hierarchien und Symbole sind mindestens verpönt und geächtet, wenn nicht sogar mit brutaler Gewalt zerstört worden. Wer etwas auf sich hält, wer „etwas werden will“ in der Welt der Einförmigkeit, der muss sie melden, meiden und verachten.

Die weltliche Dienerin dieser „zurückgebliebenen“ Prinzipien, die, die einst von Vorrecht war, ist zutiefst gedemütigt, ja scheinbar vollständig besiegt worden. Auf hochmütige Weise gönnerhaft und gleichzeitig so naiv wie es nur Herrscher in der absoluten Gewissheit ihres endgültigen Sieges, wie es nur geschichtslose Menschen sein können,  lässt man ihr – vor allem in den früher protestantischen Gebieten – die harmlosen kleinen Räume in den medialen und gesellschaftlichen Irrenanstalten, kurze Auftritte im Boulevard, niedere Dienste zur Belustigung des Pöbels, der Medienkonsumenten.

Ihre sakrale Dienerin, die, die von noch größerem Vorrecht war, ist nach den jahrhunderte langen Attacken angeschlagen, aber noch immer nicht besiegt. Sie ist ausgespäht, überprüft, unterwandert und korrigiert worden, sie ist mit allen erdenklichen Flüchen, mit geradezu grotesken Exorzismen belegt worden. Ihre Hirten und Heerführer sind verweichlicht, verwirrt, verängstigt oder schon längst „überführt“, ihre Lehren sind verspottet, ignoriert und vergiftet worden, ihre Kinder aufmüpfig, ignorant und selbstgerecht. Und doch, denn die Wege des Herrn sind unergründlich, ihr Puls schlägt weiter.

In ihren prunkvollen inneren Kreisen ebenso wie in den Feldlagern der Ausgestoßenen, regt sich Widerstand, ein Widerstand der Starrsinnigen, Ewiggestrigen, der alten Garde des „ewigen“ Geistes. Hier werden still und heimlich die Waffen der Rebellion geschmiedet, hier werden alte Schilde poliert und mit neuen Krumm-Dolchen ergänzt.

Was aber steckt hinter diesem, wohl endgültig in der Moderne ausgebrochenen Konflikt? Woher kommt die abgrundtiefe Feindschaft, die wunderliche Unversöhnlichkeit derjenigen die doch eigentlich alles im Namen der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Toleranz denken, die im Namen dieser Prinzipien bereit sind alle Ketten zu sprengen, die das Menschengeschlecht ins Licht führen wollen?

Die Zeit der letzten Weltanschauung

Die katholische Kirche sieht diese „Postulate der horizontalen Befreiung“, diesen Wahlspruch „gleicher, freier Brudermensch“ als der gnostischen Lehre und den verschiedenen Strömungen des Tempels der radikalen Aufklärung, entsprungen. Er markiert für sie den endgültigen Dammbruch, der zu den anschwellenden Strömen anti-katholischer, anti-feudaler Philosophie und Literatur geführt hat, der die Loslösung der denkenden, und später sogar der herrschenden Schicht, von den göttlichen Verboten ausgelöst und in zunehmendem Maße befördert hat.

Vormals transzendent legitimierte Werte werden mit immer geringerer Scheu umgedeutet, jahrhunderte lang bestehende Einrichtungen gnadenlos der utopischen Kritik unterworfen. Immer mühsamer unterdrückte Vorstellungen von herrschaftsfreier Brüderlichkeit und klassenauflösender Gleichheit zirkulieren frei in den Salons, die abseitigsten Perversionen werden mit geradezu kindlicher Freude an der Sünde zelebriert. Das Menschengeschlecht, voran die Kinder des Bürgertums, ist im revolutionären Rausch, im Gefühl einem „Weltenneubeginn“ beizuwohnen. Man ist nicht nur bereit, diesem irdischen Paradies alles unterzuordnen, man hat nun auch, dank dieser „letzten Weltanschauung“, das Werkzeug, alle Feinde eindeutig zu identifizieren und mit bislang nicht gekannter zentralisierter Perfektion zu bekämpfen, ja zu vernichten. Früher, in religiös oder privat motivierten Konflikten, meist sporadisch und wenig organisiert aufgetretene Gräuel werden nun in eine Art gesellschaftlichen Normalzustand überführt, und mittels ideologisch motivierter Milizen exzessiv gesteigert. Ganz im Gegensatz zu der postulierten „allumfassenden Brüderlichkeit des Menschengeschlechts“ wird die pure menschliche Masse nun anhand ideologischer Vorgaben gesiebt und gezielt in „wert“ und „unwert“ eingeteilt.

Der bisher in seiner egoistischen Motivation überführte Gegner, der Konflikte meist zur Erweiterung seiner persönlichen Macht vom Zaun brach, und von eigenem wie fremdem Volk genauso verehrt wie verspottet werden konnte, wird nun zum Feind der Menschheit, zum Unterdrücker aller „fortschrittlichen“ und „humanistischen“ Errungenschaften, und verliert damit generell sein Recht auf Existenz. Der ideologische, der totale Krieg mit dem – möglichst proletarischen – Volkstribun an der Spitze und dem Volksheer als ausführendes Organ ist endgültig seinem Ei entschlüpft.

Mit dieser proklamierten totalen geistigen Revolution gehen zwangsläufig andere Vorstellungen, andere Wünsche von gesellschaftlicher Organisation, Herleitung der eigenen Herkunft und der rechtmäßigen Eigentumsverteilung einher. Sie sind geradezu zwangsläufig erforderlich, um die „alten Zöpfe“ abzuschneiden. Auf die aristokratische Republik folgt mit der Zeit die Forderung nach „gesamt-gesellschaftlicher Teilhabe“, die niedergeschriebene Verfassung, das allgemeine Wahlrecht und das gesetzliche Verbot aller „antiquierten“ Vorrechte. Die Völker emanzipieren sich von der Knute ihrer adeligen Herren und der „gesunde Menschenverstand“ zieht ein in die hohen Regierungshäuser.

Wo aber gewachsene, den Menschen ins gesellschaftliche Gefüge einordnende Strukturen mit staatlich verordneter Horizontalität aller Gesellschaftsteile, wo Heimat- und Nächstenliebe mit xenophobem, chauvinistischem Taumel und institutionalisiertem Neid ersetzt werden, herrscht ein Klima, in dem der katholische Glaube nicht gedeihen kann, welchem die katholische Lehre auch fundamental gegenübersteht. Das hat die sehr frühe Kirche erkannt und deswegen massivst verurteilt, ja bekämpft auf allen ihr zur Verfügung stehenden Ebenen. Denn Demokratie, Nationalismus und Sozialismus konnten aus katholischer Sicht nur als Häresien, als bösartige und exzessive Verirrungen des menschlichen Geistes bezeichnet werden.

Bei der näheren Beurteilung muss natürlich gesagt werden, dass aus katholischer Sicht alle diese Weltanschauungen schon alleine deswegen abzulehnen sind, weil sie der „Erhitzung der Masse“, der zügellosen – wenigstens gedanklichen – Raserei, der Ausschaltung aller bisher gewonnenen Einsichten „über den Menschen“ Vorschub leisten. Sie sind somit ein Sinnbild für das Chaos, den Zustand des ständigen gesellschaftlichen Ausnahmezustandes und der Abwesenheit von Gott.

Der Nationalismus als die den nicht-linken Kräften vielleicht größte Versuchung sei hier zuerst genannt. Er kann als eine Verabsolutierung und wahnhafte Steigerung einer eigentlich gesunden menschlichen Regung gesehen werden, der Heimatliebe, des Patriotismus. Er ist nicht nur dazu geeignet, Völker dazu zu animieren, bisher gemischt bewohnte Gebiete im Sinne der völkischen Reinheit zu säubern, er ist vor allem auch der übernationalen Herrschaft eines Fürsten oder Monarchen feindlich gesinnt, und verhindert damit, dass völkisch motivierte Konflikte durch eine sich selbst nicht völkisch definierende und oft nicht einmal irgendeiner vorhandenen völkischen Gruppe zugehörigen Identifikationsperson glimpflich beigelegt werden können. Die katholische Kirche, die sich als Weltkirche begreift und zur Mission aller Völker im Namen Christi aufruft, die die ethnische Kategorisierung ihrer Gläubigen ablehnt, fürchtet somit zu Recht, dass durch nationalistische Bestrebungen die Einheit und Eintracht des orbis catholicus gefährdet wird. Sie muss befürchten, dass vor allem in nicht-katholisch dominierten Staaten, und sei diese Situation auch „nur“ durch ökonomische oder politische Dominanz nicht-katholischer Kräfte gekennzeichnet, ihre Gläubigen dem Vorwurf des „Ultra-Montanismus“ ausgesetzt werden, also einer, die staatliche Autorität unterhöhlende Haltung zugunsten des Vatikans. Des Weiteren muss der Nationalismus spätestens zum Zweck der Vereinheitlichung von Stamm und Sippe hin zur Einheitsnation zwangsläufig im Laufe seiner Entwicklung zu einer gewissen Entmachtung der Regionen führen. Dies bedeutet eine Stärkung der weltlichen Zentralmacht und führt somit zwangsläufig zur Minderung des Einflusses der Kirche. Aufgrund des ständigen Konkurrenzverhältnisses zwischen Kirche und Monarchie trifft dies natürlich auch auf eine katholische Zentralmacht zu.

Die atheistische Gesellschaft als zentrale Forderung des Sozialismus muss nicht näher erläutert werden, ebenso wenig wie die daraus resultierende Feindstellung gegenüber der katholischen Kirche. Ihre Grundprinzipien der Zentralisierung aller Bereiche im Sinne der Partei, und damit gegen die internationale Kirche und ihre „ultramontanen“ Gläubigen, die Vergesellschaftung bestehenden Eigentums, die Verneinung „transzendenter Wahrheiten“ und tradierter Erkenntnisse, die Abschaffung aller Standesrechte, die von ihr ausgerufene permanente Revolution gegen christliche Sitte, Anstand und Moral sind praktisch so konträr zum katholischen Glauben, dass es schon als ein Anzeichen des tiefsten Niederganges gewisser Priesterschichten zu betrachten ist, dass diese sich im Namen einer „Befreiungstheologie“ mit den sozialistischen Zielen gleich gemacht, ja gar Christus als den ersten Sozialisten dargestellt hatten.

Viele zuvor genannte Merkmale finden sich, oft in weicherer Form, auch in der Demokratie, und gleichwohl kann diese ebenfalls als mit dem katholischen Staatsverständnis unvereinbar betrachtet werden. Meist erscheint sie als relativ willkürliche Kombination aus nationalistischen und sozialistischen Prinzipien, leichte Schwankungen um einen Pol sozusagen.

Besonders auffällig an den gealterten Demokratien, welche ja eigentlich nach demokratischem Selbstverständnis nur zu kontinuierlichem Fortschritt führen können, ist aber das Aufkommen des „schwachen Typus“, des intellektuellen Wohlfahrtszöglings, des „letzten abendländischen Menschen“, der alles was mit der eigenen Geschichte, mit der Schicksalsgemeinschaft „Abendland“ zu tun haben könnte, wild von sich stößt. Der bereit ist, wirklich jede andere Ideologie, jedes andere Glaubensbekenntnis zu unterstützen, solange es nur das Verschwinden der eigenen Identität (der eigenen Sprache, Kunst, Kultur, Hautfarbe) in irgendeiner Weise beschleunigt.

Die Bundesrepublik Deutschland hatte natürlich mit ihrer wohlfeilen Fokussierung auf die Bösartigkeit des Deutschen in der westlichen Welt lange Zeit eine mitleidig belächelte Ausnahmestellung, ist aber im Laufe der Zeit mehr und mehr zum Vorbild derer geworden, die getreu dem demokratischen Prozess die geistige Degeneration der westlichen Länder vorantreiben. Die starke Verschiebung hin zu (international)-sozialistischen Prinzipien ist dabei eher ein Sonderfall der westlichen Demokratien und trifft auf den restlichen Teil der demokratischen Welt so nicht zu.

Man könnte die moderne Demokratie also dahingehend interpretieren, dass sie nach dem unermesslichen menschlichen und geistigen Aderlass der im Namen „des Guten“ geführten Weltkriege I und II, nach dem Zusammenbruch der radikal-sozialistischen Systeme, nun eine Herrschaft der geistigen Krüppel, der ausgezehrten Kinder der großen Auflehnung darstellt. Jedenfalls übertrifft sie in dieser Hinsicht noch die Übelkeit, die einen beim Studium der Ergebnisse der radikal-sozialistischen Großexperimente übermannt.

Nüchtern betrachtet bleibt an dieser Stelle wohl die schmerzhafte Erkenntnis für jeden Katholiken, in keiner der genannten dominierenden Strömungen einen Verbündeten, oder wenigstens einen „Feind des Feindes“ sehen zu können. Wie dies bezüglich des unverfälschten oder klassischen Liberalismus zu beurteilen ist, wäre eine eigene Beurteilung wert.


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