26. November 2009

„Wandel durch Annäherung“ zwischen Konservativen und Liberalen (Vol. 1) Strukturelle oder konjunkturelle Krisenbewältigung?

„Die Konservativen der Gegenwart sind nicht mehr als von der Demokratie misshandelte Liberale.“ (Don Nicolás Gómez Dávila)

Im rechts-konservativ geprägten Spektrum, rings um die sogenannte „Neue Rechte“, also die Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“, das Institut für Staatspolitik und die im Antaios-Verlag erscheinende rechts-intellektuelle Zeitschrift „Sezession“, gibt es eine relativ rege Debatte darüber, wie das Verhältnis der Konservativen und Rechten zum Liberalismus beziehungsweise zu einem seiner Steckenpferde, der Ökonomie, zu sein habe (nicht zuletzt wohl auch im Angesicht der derzeitigen Wirtschaftskrise).

In dem mittlerweile zum bundesdeutschen Leitmedium der klassisch Liberalen und Libertären gewordenen Magazin eigentümlich frei ist ebenfalls seit längerem eine Bewegung hin zur Debatte mit den Protagonisten und Ansichten „rechts der Mitte“ feststellbar. Bisher eher oder sogar vollständig konservativ besetzte Begriffe wie „Heimat“, „Vaterland“, „Familie“ oder „Religion“ halten Einzug in die liberale Diskussion, und werden hinsichtlich ihrer Vereinbarkeit mit als genuin liberal empfundenen Werten überprüft.

Der Autor selbst hält, um das Ansinnen etwas verständlicher zu machen, weder den Liberalismus noch den Konservativismus als dogmatisch verstandene Prinzipien für das „Maß aller Dinge“. Für ihn ergeben sie erst in einer merkwürdigen und doch stimmigen gemeinsamen Anordnung ein gedeihliches Abbild der verworrenen und komplizierten menschlichen Realität. Dieses Abbild ist dann erst „recht“ und „richtig“, also „rechts“ (so wie es uns nicht umsonst viele Sprachen der Welt lehren), wenn es wie ein Mosaik aus eigenständigen, „beseelten“, nicht-austauschbaren Teilen begriffen wird.

In diesem Sinne, und im Unterschied zur geistigen Konditionierung des Linken, leiden im Großen und Ganzen weder der Konservative noch der Liberale unter Geschichtsvergessenheit, noch sind sie „gezwungen“, ihr Haus auf dem Treibsand von Mittelmäßigkeit und Emotionalität zu bauen. Sie sind zum kühlen Blick fähig, sie sind „strukturell“ im Stande, die gegenseitigen Erkenntnisse anzuerkennen und in ihr eigenes Denken mit einzubeziehen, ihre Debatte kann also Früchte tragen.

Daher soll hier aus einer relativ unabhängigen Perspektive auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Liberalen und Konservativen eingegangen werden. Im Sinne dessen, dass sich ein stimmiges Bild nur dann ergeben kann, wenn zusammen wächst was auch zusammen gehört.

Als Aufhänger soll ein aktueller Beitrag in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Sezession“ dienen. Neben einigen regelmäßig zu lesenden Seitenhieben gegen den (wirtschaftlichen) Liberalismus erschien in der Online-Ausgabe der „Sezession“ am 23. November nun ein Beitrag des neuen Autors Claus Wolfschlag. Die folgende, kurze Auflistung der Vita des Autors sei deswegen angebracht, weil es verdeutlicht, mit was „man“ sich beschäftigt und mit was nicht.

Wolfschlag, Jahrgang 1966, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft in Frankfurt am Main und Bonn. Seit vielen Jahren ist er als Journalist, Kultur- und Geisteswissenschaftler für Magazine, Wochen- und Tageszeitungen tätig und veröffentlichte Bücher und Aufsätze zu den Themenbereichen Geschichte, Politik und Kunst. Er wird von Götz Kubitschek als einer beschrieben, der „viel weniger ‚einer von uns’“ ist „als andere, die hier mitschreiben.“ Nur ein „Anspitzer“ von links also? Man wird sehen…

In der Argumentation Wolfschlags, wie auch in den Beiträgen einer Vielzahl von Kommentatoren des Artikels, tauchen einige der speziell im rechts-konservativen Spektrum häufig anzutreffenden Vorurteile, Anwürfe und Halbwahrheiten über die liberale Auffassung der Marktwirtschaft auf. Eine kleine Auswahl soll hier und in weiteren Folgen thematisiert werden.

Wir wollen heute mit Wolfschlags erster These beginnen, die da vom Neomarxisten Robert Kurz aufgegriffen lautet: „Die derzeitige Krise ist eine Krise des Kapitalismus. Sie ist nicht konjunkturell, sondern strukturell bedingt.“

Bevor wir uns dieser These widmen muss bemerkt werden, dass bei allen Fragen zur Ökonomie ein leider bei vielen Konservativen grundsätzlich feststellbarer Mangel erkennbar wird: ihr Unwille, sich ausgiebig mit ökonomischen Fragen zu beschäftigen. Und ihre spürbare Abneigung gegen den „Kaufmann“ als einen der seit allen Zeiten prägenden Haupttypen jeder menschlichen Gesellschaft. Die Ökonomie erscheint dann in diesem Lichte betrachtet profan und nicht weiter untersuchenswert. Das Kapital soll möglichst dienen, und das kaufmännische Streben ist in jedem Fall niederer als alle anderen Künste anzusehen. Der Kaufmann wird – gerade im Hinblick auf die heutige Wirtschaftskrise – nicht nur pauschalierend mit einer Art „Schweinchen Schlau“-Mentalität in Verbindung gebracht, er ist geradezu ihr Sinnbild.

Nun zum ersten und stets gerne gemachten Vorwurf: Die derzeitige Krise sei eine Krise des Kapitalismus. Sie sei nicht konjunkturell, sondern strukturell bedingt.

Dass es sich bei der derzeitigen Krise weder um eine konjunkturelle noch gar um eine strukturelle Krise des Kapitalismus handelt, wird aus einer Fülle von Punkten heraus erkennbar. Einige davon seien genannt:

Der Kapitalismus respektive der freie Tauschhandel waren „von Anfang an da“. Der liberale Ökonom erfindet ihn nicht, er beschreibt lediglich seine Mechanismen. Man könnte sagen, er „entdeckt“, was offensichtlich zu Tage liegt (so wie auch der Konservative aus den Lehren der Geschichte seine Schlüsse zieht und diese zum Beispiel für seine „Lehre von den notwendigen Institutionen“ nutzt). Zu dieser Aufgabe des Ökonomen gehört, dass er aus den gewonnenen Erkenntnissen ableitet, welche Form des Wirtschaftens zu besseren Ergebnissen führt, ja führen muss. Im Zuge dieser Überlegungen treten nun die bekannten und sehr unterschiedlichen Ansatzpunkte zutage. Eine Art der Herangehensweise, um das bestmögliche ordnungspolitische System zu bestimmen, ist das theoretische Studium, eine andere die Beobachtung seiner praktischen Auswirkungen.

Im ersten Fall sollten die liberalen Grundaussagen über das individuelle Handeln für den Konservativen den Ausschlag zugunsten des (wirtschaftlichen) Liberalismus und gegen die „sozialisierenden“, kollektivierenden Ansätze geben, wird doch im liberalen Ansatz von einem Menschen ausgegangen, der unaufhebbar fehlerhaft und egoistisch ist. In der liberalen Beschreibung wird deutlich, dass das Leitmotiv individuellen Handelns nicht von utopisch anmutenden, „kollektiven“ Zielvorstellungen bestimmt wird, sondern in erster Linie dem Eigennutz und in zweiter Linie kleinen, klar bestimmbaren Gemeinschaften oder gewachsenen, bewährten Institutionen zu Gute kommen wird. Alle darüber hinausgehenden und den Menschen letztlich idealisierenden Vorstellungen sollten doch gerade den „geerdeten“ Konservativen stutzig machen! Der berühmte und gerne zum Vorwurf genutzte „homo oeconomicus“ passt dabei sehr wohl ins Bild, wird doch sein Drang zur Nutzenmaximierung keineswegs ausschließlich auf die rationale Ebene beschränkt: Seine ganz persönlichen Wünsche, Interessen oder Vorlieben können ebenso sehr auf irrationale Weise begründet sein. Um das sozusagen wirtschafts-liberale Pendant zum „neuen Menschen“ der Linken handelt es sich dabei also gewiss nicht.

Die wohl gerade für einen Konservativen (bezogen auf sein Interesse für die Geschichte) besonders interessante Studie der praktischen Auswirkungen spricht noch klarer für die Unanwendbarkeit der marxistischen Lehren. Je marxistischer, sagen wir verallgemeinernd: je sozialistischer, eine der real existierenden Gesellschaften war, desto größer waren die Verwerfungen. So sehr wie die (Handlungs-) Freiheit in der liberalen Marktwirtschaft geradezu unglaubliche Energien freisetzte, so sicher ebnete der sozialistische Planungs- und Sozialisierungszwang alle menschlichen Träume und Hoffnungen ein. Je sozialistischer, je sozial-demokratischer die westlichen Gesellschaften wurden, je mehr Forderungen der Apologeten der sozialen Gerechtigkeit sie erfüllten, desto größer wurden Bürokratismus, Gesetzesflut, Arbeitslosigkeit, lobbyistischer Einfluss, Sondergesetzgebung, Einzel- und Staatsverschuldung und Geldentwertung. Diese Zeitlinien sind klar zu erkennen, die Entwicklung war eben so und nicht umgekehrt, und kein Konservativer dürfte dies in irgendeiner Form bestreiten können, ohne sich auf die Diskussionsebene der Linken, also des Emotionalisierens, Ablenkens und Diffamierens herabzubegeben.

Es ist daher nicht einzusehen, wie nun ausgerechnet das dem (wirtschafts-) sozialistischen, dem staatskapitalistischen Großversuch diametral entgegengesetzte Wirtschaftssystem für Verwerfungen verantwortlich sein soll (auch noch strukturell!), die eindeutig erst nach Erfüllung der Forderungen der linken Ökonomen Schritt für Schritt, und in ihrer Heftigkeit zunehmend, zu Tage traten.

Nicht die Struktur des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft ist es, die uns in die derzeitige Krise geführt hat, ganz im Gegenteil. Auf die derzeitigen Probleme bezogen hätten gerade die kapitalistischen Mechanismen dafür gesorgt, dass bankrotte Unternehmen bankrott gehen, dass veraltete Strukturen nicht mehr aufrecht erhalten werden können, dass für spekulatives Verhalten mit echtem Geld und vollständig eigenem Risiko gehaftet und dass risikohaftes Verhalten auch von Konzernen und anderen „politisch aktiven“ Gebilden alleine ausgebadet werden muss.

Eine konjunkturell bedingte Krise des Kapitalismus, was ja dann im Grunde gar keine echte Krise mehr darstellen würde, ist ebenfalls nicht der Fall, geht es hier doch nicht um konjunkturelle Schwankungen, sondern um die schwerwiegenden Auswirkungen der jahrzehntelangen Eingriffe in die Mechanismen des Marktes. Behauptungen, wir befänden uns heute lediglich in einer der „typischen“ Phasen des wirtschaftlichen Abschwung, werden daher nicht nur von den Liberalen, sondern auch von einigen Konservativen zu Recht als starke Verharmlosung, ja als bewusste Irreführung betrachtet. Das Gespür Letzterer für das Wesen echter Krisen (und der damit zwangsläufig einhergehenden Beschwichtigungsversuche) und gesellschaftlicher Missstände eint die Konservativen mit den Liberalen, die vor allem die Ökonomie betreffend schon seit vielen Jahrzehnten die Missstände benennen. Das Beschwichtigungsgerede von dem regelmäßig eintretenden und damit relativ harmlosen konjunkturellen Abschwung ist lediglich ein ziemlich durchsichtiges propagandistisches Mittel der keynesianischen Wirtschaftslehre (und ihres wirtschaftlichen Interventionismus), deren gigantischen Anteil an der derzeitigen Krise sie möglichst verschweigen will.

Wenn der Konservative also sein skeptisches Menschenbild und sein Vertrauen auf die Anwendbarkeit von „erprobten“, tradierten Erkenntnissen auch auf die Bereiche der Ökonomie angewandt sehen will, und wenig bis gar nichts sollte dagegen sprechen, so ist er verpflichtet, den Aussagen der freimarktwirtschaftlichen Schulen der Ökonomie sein Ohr zu schenken. Er sollte sich im Falle des Falles ernstlich fragen, ob der in ökonomischer Hinsicht von ihm bisher vertretene Machbarkeitswahn wirklich mit seinen sonstigen Ansichten, mit seinem Gespür für politische „Sozialingenieursprosa“ in Einklang zu bringen ist.

So wenig wie Interventionismus von außen und Zentralismus von oben für das Gedeihen von Kultur, Tradition, Familie und Heimatgefühl förderlich sind, so wenig sind sie das auch für die Wirtschaft. Und wenn wir von „der Wirtschaft“ reden, sprechen wir nicht nur von einigen Managern, nicht nur von viel einfachem Volk, sondern vor allem auch von der größten volkswirtschaftlichen Kraft Deutschlands, dem mittelständischen Unternehmer.

[Fortsetzung folgt]

Internet

Der Artikel von Claus Wolfschlag in der „Sezession“: „Kapitalistische Amokfahrt“


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