07. Mai 2009

Weltwirtschaftskrise Marx und Rand im Aufwind

Atlas zuckt nur in Amerika

Ein befreundeter deutscher Ebay-Buchhändler erzählte mir unlängst, dass „das Kapital“ zur Zeit der absolute Renner sei. Daher freue er sich stets, wenn er Exemplare dieses Marxwerks bei Haushaltsauflösungen ergattern könne. Offenbar gebe es immer mehr Menschen, die in diesem Buch Antworten auf die Probleme unserer Zeit suchten. Auch auf der deutschen Amazon-Seite belegt eine der vielen Ausgaben der antikapitalistischen Hasspredigt zur Zeit einen ähnlich hohen Verkaufsrang wie die meistverkaufte Ausgabe der Bibel.

Ganz anders das Bild in den USA. Hier hat ein anderes Buch Hochkonjunktur, nämlich der Roman „Atlas Shrugged“ (dt.: „Wer ist John Galt?“) der russischstämmigen US-Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand (1905-1982). Schon vor der Zweiten Weltwirtschaftskrise war der Roman in Amerika laut einer Umfrage das zweiteinflussreichste Buch nach der Bibel. Im Februar 2009 lag das Buch bei Amazon in den USA auf Platz 127 aller verkauften Bücher und damit weit über seinem Durchschnitt-Verkaufsrang der letzten beiden Jahren (Platz 542). Aktuell (07.05.2009) belegt allein die Penguin-Taschenbuchausgabe des Romans der englischsprachigen Amazon-Seite Platz 155. Wohlgemerkt bei einem Buch, das 52 Jahre alt ist!

Der „Economist“ erklärt dieses Phänomen folgendermaßen: „Immer wenn der Staat in den Markt eingreift, greifen die Leser zu Rands Buch. Warum? Der Grund liegt bereits in der Bezeichnung einer neulich gegründeten Gruppe auf Facebook: ‚Heute schon Zeitung gelesen? Es ist als ob Atlas Shrugged nun im richtigen Leben stattfindet.’“ Das beziehe sich auf die dem Plündererstaat zuarbeitenden Wissenschaftler, aber auch auf das Auftauchen von Piraten, die Frachtschiffe überfallen, auf Politiker, die Unternehmer drangsalieren, auf Unruhen in Europa und den jähen Abschwung des Welthandels. All das hat Ayn Rand in ihrem Roman bereits vorweggenommen.

Da bleibt nur zu hoffen, dass das mittlerweile leider offenbar eingeschlafene Projekt einer Verfilmung des Romans mit Angelina Jolie und Brad Pitt wieder Auftrieb bekommt. Gerüchteweise kommt der Film erst im Jahre 2011 in die amerikanischen Kinos. In den Zelluloidpalästen der Europäischen Räteunion dagegen wird dann sicher „Das Kapital – der Film“ zu sehen sein.

Internet:

Artikel im „Economist“ vom 26.02.2009

Facebook-Gruppe von Stuart Hayashi über unser tägliches „Atlas Shrugged“


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Naomi Braun-Ferenczi

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