30. Juni 2011

Frauenfußball-Weltmeisterschaft Die Entdeckung der Langsamkeit

Unsere Mädels verdienen mehr Fürsorge und Liebe

Nach einem anstrengenden Abend im Fitness-Studio holte ich mir zu Hause eine Dose Apfelschorle aus dem Kühlschrank, schaltete den Nachttischfernseher ein und warf mich davor ins Bett. Mein Herz hüpfte vor Freude, als auf der Mattscheibe ein Fußballspiel mit der Einblendung „GER-NDL 3:0“ auftauchte. Zufrieden lehnte ich mich zurück, machte meine Schorle auf und lugte beim ersten Schluck über den Dosenrand hinweg auf das Spielgeschehen. Mein erster Gedanke war, dass der Fernseher schwächelte, und ein paar Sekunden später schob ich es auf meinen Kreislauf: Die Spieler bewegten sich wie in Zeitlupe. Aber vielleicht schonten sich die beiden Mannschaften ja bloß etwas, weil das Spiel schon gelaufen war.

Doch dann kam die Wiederholung des 3:0, und erst jetzt entdeckte ich den Grund für die gähnende Langsamkeit: Der Torschütze hieß Alexandra Popp und war eine Frau! Da wurde tatsächlich ein Spiel von Menschen live übertragen, die geschlechtlich herausgefordert sind, von Menschen, die zwar ihr bestes tun, stromlinienförmig auszusehen und sich auch sonst sehr männlich zu benehmen, denen man und frau es aber doch allzu deutlich ansieht, dass es sich um Menschen mit XX-Chromosom handelt: zu unathletisch und geschnörkelt die Bewegungen, zu rund und weich die Konturen und zu kraftlos die Tritte gegen den behäbig zwischen verschiedenen Frauenzehen mäandrierenden Ball. Und statt ritualisierter und nackenhaarsträubender Kampfgesänge auf den Tribünen gab es helle und sanfte Oooh- und Boaah-Rufe.

Ist es das, was die moderne Frau sehen möchte oder sehen soll? Ist es nicht extrem sexistisch und frauenverachtend, wenn einem auf so drastische Weise die weibliche Unterlegenheit in einem bestimmten Bereich vor Augen geführt wird? Frauen können sich nun mal im Sport nicht auf gleicher Augenhöhe mit Männern messen, da ist die Biologie brutal und unerbittlich. Da kann frau ihr Gender bis zum Abwinken auf Mann trimmen: Ihre anatomische Weiblichkeit zeigt ihr unerbittlich ihre Grenzen auf, will die beste Frau einer sportlichen Disziplin mit dem besten Mann derselben wetteifern. Im Weitsprung ist der beste Mann 20 Prozent besser als die beste Frau, bei Kurz- und Langstreckenläufen beträgt die Differenz etwa 10 Prozent.

Aus gutem Grunde werden direkte Vergleiche zwischen Männern und Frauen fast immer vermieden. Als einmal im Jahre 2003 die B-Jugend des VfB Stuttgart gegen die bundesdeutsche Frauennationalmannschaft spielen durfte, zeigten die Knaben den gestandenen Profidamen mit einem Ergebnis von 3:0, wo der Barthel den Most holt. Danach hieß es auf Seiten der Frauenfußballfunktionäre, man habe kein Problem mit dem Resultat, man solle diesem Spiel keine Bedeutung beimessen und doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Warum eigentlich soll ich nicht? Nur Vergleiche befördern Unterschiede zutage. Äpfel sind vielleicht kerniger, knackiger und vitaminreicher als Birnen. Und Männer sind schneller, kräftiger und testosteronhaltiger als Frauen. Wenn Zuschauer also von einem Spiel schnelle Läufe, kraftvolle Torschüsse und Kampfgeist erwarten, dann dürften sie sich eher Männer als Frauen ansehen, genauso wie sie einen Lauf edler Araberstuten einem Wettrennen von Shetland-Ponys vorziehen.

Warum also soll man das gleiche Vergnügen für Frauenfußball wie für Männerfußball empfinden? Wozu dient diese Demütigung des weiblichen Geschlechts? Ist es der weibliche Humor, über sich selbst zu lachen, wenn man die Schwäche des eigenen Geschlechts demonstriert, ein Humor, der wie jene Lachnummer funktioniert, bei der zufällig ausgesuchte Zuschauer einen Profi-Clown imitieren müssen? Wenn man allerdings den Bierernst betrachtet, mit dem die Staatsmedien die gerade angelaufene Weltmeisterschaft promoten und uns belehren, dass die Frauen-WM genauso wichtig und sehenswert sei wie die der Männer, dass mithin Namen wie Silvia Neid, Anne Trabant und Birgit Prinz genauso legendär klingen sollen wie Helmut Rahn, Franz Beckenbauer und Olli Kahn, dann scheint dieser Wahnsinn doch Methode zu haben.

So vermutet Ellen Kositza in der Zeitschrift „Sezession“, dass wieder einmal die Agenda von Alice Schwarzer durchgesetzt werden solle: „Der abermals aufflackernde Hype ums Frauenspiel ist kein Wunder – was das Frauenmagazin ‚Emma’ einmal mit Nachdruck auf die Agenda setzte, steht mit größter Wahrscheinlichkeit einige Jahre später auf dem gesamtgesellschaftlichen Erziehungsplan. Schwarzer und ihre Frauschaft haben sich auf so vielen Feldern durchgesetzt, dass es anscheinend Zeit wird, auch Nachrangiges wie die Männerbastion Fußball zu entern. Schon 1998 fuhr die ‚Emma’ eine sich über mehrere Ausgaben erstreckende Kampagne unter dem klugen Motto ‚Die Hälfte vom Ball für Frauen’.“

Somit hätte die altbewährte Trappatoni-Doktrin, wonach es nur einen Ball geben dürfe, langsam aber sicher ausgedient. Den Ball nach Sankt-Martins-Art aus Gerechtigkeitsgründen paritätisch zwischen Mann und Frau zu teilen, dürfte dem Fußballspiel eine ganz neue Bedeutung verleihen. Es bleibt zu hoffen, dass Konrad Lorenz nicht recht hatte mit seiner Vermutung, dass Sport und hier vor allem der Fußball ein verdrängt-ritualisierter Männerkrieg sei und somit echten Krieg verhindere. Dann würde die Verweiblichung des Sports schlimme Folgen zeitigen. Es wäre ratsamer, Frauenbewegungen als separate Disziplin zu begreifen, bei denen nicht Kraft, Schnelligkeit und Aggressivität im Vordergrund stehen, sondern Schönheit, Anmut und Eleganz. Dann endlich könnte man Äpfel mit Äpfeln vergleichen und Birnen mit Birnen. Das scheinen auch viele andere Frauen so zu sehen: Als der Schriftsteller Michael Klonovsky in der SWR-Talkshow „Nachtcafé“ meinte, Frauenfußball sei „eine langweilige Art, Fußball zu spielen, die man sich nicht aufzwingen lassen sollte“, schrieen seine Gesprächspartnerinnen entsetzt auf: „Nein, Frauenfußball ist wunderschön!“ Bei so viel Schönheit, Grazie und Schutzbedürftigkeit kommen selbst bei beinharten Diktatoren väterliche Gefühle auf. So meinte der Trainer der nordkoreanischen Nationalfrauschaft: „Unser Staatsoberhaupt liebt unsere Fußballerinnen. Er schaut nach den Spielerinnen wie nach seinen eigenen Töchtern und schenkt ihnen all seine Liebe.“

Mehr Fürsorge für unsere anmutigen Fußmallmädels tut wirklich not, so wie es ja auch schon die Hammer- und Diskuswerferinnen mit ihren weitaus niedrigeren Gerätegewichten vorgemacht haben: Ein Frauenspiel sollte also maximal zwei mal fünfunddreißig Minuten dauern. Alternativ könnte man auch einen verpflichtenden Zeitraffer bei WM-Live-Übertragungen einführen, auch wenn das nach Science Fiction klingt. Aber das sollte eine leichte Übung sein im Vergleich zur modernen Gender-Technik, die es sich schließlich zum Ziel gesetzt hat, die Unterschiede zwischen Mann und Frau bis zur Unmenschlichkeit einzustampfen.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 1. Juli erscheinenden Juli-August-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 114


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Naomi Braun-Ferenczi

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