08. Juni 2009

Gerichte und Geschichte Der Fall Demjanjuk

Über Religion und Recht

1941 startete die deutsche Regierung den Krieg gegen die Sowjetunion. Und während deutschen Landsern Hände und Füße abfroren, begann die massive Unterdrückung der vom Bolschewismus befreiten Russen und Ukrainer. Die Auseinandersetzung ging, so der Schriftsteller Ernst Jünger, „ins Zoologische“, wobei Menschen „Wolfsrudeln gleich in ihren Wäldern zur Ausrottung umstellt“ wurden. Ob die Vernichtung von Zivilisten oder Kriegsgefangenen kurzfristig-ökonomischem Zweckdenken oder völkischem Vorurteil der Regierung Hitler entsprochen hat, spielt für die Opfer keine Rolle. Um noch ein wenig Colorit der Zeit zu vermitteln, hier noch eine Passage von Ernst Jünger (Kaukasische Aufzeichnungen): „russische Gefangene wurden auf einem Bahnhof durch die fechtende Truppe als Träger requiriert. Es waren fünfhundert Mann, von denen dreihundertfünfzig an den Wegrändern umkamen. Von den übrigen starben nach der Rückkunft noch einhundertundzwanzig an Erschöpfung, so dass nur dreißig zurückblieben.“

Im Mai 1942 gerät Iwan Demjanjuk in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er ist nur einer von Millionen Opfern des Krieges, er ist ein Sklave, der im Kampf zweier Herren vom einen zum anderen gewechselt wurde. Seine Lage war unverändert aussichtslos, und wenn er es nicht vorher wusste, merkt er es nach einigen Tagen ohne Verpflegung. Immerhin gibt es auf deutscher Seite noch hinreichend ökonomischen Sachverstand, dass „wichtigen“ Menschen die Brotration soweit erhöht wurde, dass das Überleben gesichert war. Demjanjuk hat die Hungersnöte der Ukraine überlebt, den Terror der Kommunisten, die Zeit in der Roten Armee (die selbst in Friedenszeiten jährlich tausende eigene Tote produzierte) und vermutlich manche Schlacht. So konditioniert erkennt Demjanjuk schnell, was den Deutschen wichtig ist, er verpflichtet sich als Hilfswilliger. Was er genau gemacht hat, wird wohl immer im Dunkeln bleiben. Nach Kriegsende weiß Demjanjuk recht eindeutig wo er nicht hin will, in die UdSSR nämlich, wo die bloße Tatsache, in Kriegsgefangenschaft gewesen zu sein, ein Grund für langanhaltende Hinrichtung im sozialistischen Gulag wäre. Er heuert an, wo das Brot ist, bei den Amerikanern. In den 50ern siedelt er in die USA.

In der Vita Demjanjuks überrascht vor allem, dass er überhaupt in die USA gekommen ist. Die Wahrscheinlichkeit, durch Hunger, Folter, Krieg und Terror seiner jeweiligen Herren umzukommen, war größer als die des Überlebens all dieses Grauens. Doch Ruhe lässt man ihm nicht. Menschenjäger wollen herausgefunden haben, dass er zwischen 1942 und 1945 in deutschen Konzentrationslagern bei der Ermordung anderer Menschen mitgewirkt hat. In den 80ern wird Demjanjuk nach Israel ausgeliefert, dort in einem langen Prozess zum Tode verurteilt, in der Berufung jedoch freigesprochen. Er geht zurück in die USA, dort interessieren sich wieder Gerichte für ihn, auch hier erfolgt keine Verurteilung. Den Amis wird die ganze Sache peinlich, sie wollen Demjanjuk nur noch loswerden, doch wohin? Man erinnert sich, wo Demjanjuk von den Amerikanern rekrutiert wurde, doch seine Tätigkeit als Hilfswilliger verleiht ihm keine Aufenthaltsberechtigung für die Freiheit in Deutschland, lediglich für einen deutschen Knast. Was USA und Israel nicht gelungen ist, will ein Münchener Gericht nun schaffen: Demjanjuk „Kriegsverbrechen“ nachweisen. So kommt Demjanjuk im Mai 2009 zum zweiten Mal in deutsche Gefangenschaft. Immerhin liegen „Inhaftierung eins“ und „Inhaftierung zwei“ 67 Jahre auseinander.

Die staatstragende „FAZ“ berichtet in diesem Zusammenhang, es werde seit langem gegen einfache SS-KL-Aufseher kaum noch ermittelt. Der entscheidende Faktor der Beurteilung sei die Position in der Befehlskette. Es war ein langer Weg zu der Erkenntnis, nicht mehr die Befehlsempfänger und die Sklaven zu bestrafen, sondern die Befehlsgeber. Schauen wir uns diese Befehlskette oder Hierarchie genauer an, so steht Demjanjuk sicher unter dem deutschen SS-Aufseher, der ohne weiteres der Justiz entgeht. Wenn die deutsche Justiz also die „Hierarchie-Frage“ im Falle Demjanjuk aufhebt, warum nicht gleich weitergehen auf die überlebenden jüdischen Häftlinge?

Wikipedia, Volkslexikon für politisch korrekte und staatstreue Geschichtsschreibung, bezeichnet das KL Sobibor (in dem Demjanjuk angeblich Wächter war) als „Vernichtungslager“, das heißt anders als  Auschwitz, wo die Gefangenen in Landwirtschaft und Industrie produktiv eingesetzt wurden, diente Sobibor ausschließlich der Tötung amtlich geschätzter 200.000 Menschen durch die amtlich festgestellte Tötungsmethode „Motorabgase“. Wer also als Gefangener überlebte, kann sich nicht damit herausreden, in der Landwirtschaft, der Chemie oder Rüstung halt unentbehrlich gewesen zu sein. Es gab nur einen Zweck des Lagers, Mord. Und somit gab es auch nur einen Job: Mordhelfer. In einem Vernichtungslager ist jeder Überlebende zwangsläufig Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen, ein Täter. Wenn ich also Demjanjuk einbuchte, warum nicht gleich auch die anderen Überlebenden, die sich sogleich als Zeugen nach vorne drängen, obwohl sie zum Fall nichts zu sagen haben?

Die Vorstellung, einen Juden, der als Internierter andere Juden zur Exekution geleitet hat, heute vor einem deutschen Gericht wegen Beihilfe zum Mord anzuklagen, diese Vorstellung tönt absurd. Kaum weniger absurd ist das Gerangel um Iwan Demjanjuk.

Worum geht es also wirklich in dieser Justizposse? Wie immer, wenn grober Unfug und menschenverachtende Zustände herrschen, geht es um Politik. Das ist 2009 nicht anders als 1942. Zitieren wir aus dem Artikel der „FAZ“: „So will der 82 Jahre alte Thomas Blatt, der beim Aufstand 1943 aus Sobibor entkommen konnte, im Verfahren als Nebenkläger auftreten; der Zeitschrift „Spiegel“ sagte er, die Welt solle erfahren, wie es in Sobibor war. An Demjanjuk selbst erinnere er sich nicht.“ Es geht bei dem Beitrag Blatts also nicht darum, irgendwelche Erkenntnisse zur Schuld Demjanjuks beizutragen, denn das gibt er zu, genau das kann er nicht. Der Forschungsgegenstand „KL-Sobibor“, der immerhin bei sehr breiter Auslegung Prozessgegenstand sein könnte, unterliegt seit 64 Jahren der amtlich-politischen Forschung, und was dort abgegangen ist, darf vor Gericht nicht hinterfragt werden, denn es ist „offenkundig“. Blatt darf also gegebenenfalls seine im Falle Demjanjuk unrelevanten Äußerungen vorbringen, und da diese mit der staatlichen Wahrheit kompatibel sind, ist jeder Widerspruch nicht nur zwecklos, sondern auch strafbar. Die Relevanz der Aussage ist unwichtig, wichtig ist die Show. Deutsche Gerichte machen sich so zur Bühne der Holocaust-PC-Religion. Denn dass es überhaupt nicht um Demjanjuk geht, bestätigt Nebenkläger Blatt gerne; „die Welt solle erfahren, wie es in Sobibor war“. Und für so einen Schauprozess müssen eben Opfer gebracht werden.

Im Interesse eines möglichst langen Prozesses, indem man die gesamte, amtliche Geschichte des Holocausts ausbreiten kann, sollte Herrn Demjanjuk die beste medizinische Versorgung zuteil werden. Vielleicht sponsert die israelische Regierung ja ein Sauerstoffzelt, so billig gibt es zukünftig keine PR mehr. Denn wenn die Regierung Merkel zuwege bringt, was die Regierung Hitler nicht geschafft hat, dass nämlich Iwan Demjanjuk in deutscher Gefangenschaft stirbt, dann ist die Show vorbei.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Völkermord an Juden, vollzogen unter deutschen Staatsgewalt, war eine traurige Realität in einem traurigen Krieg. Ob es die Opfer dieses Völkermordes wirklich begrüßen würden, dass von der deutschen Staatsgewalt heute Opfer der Holocaust-Religion geschaffen werden?

Internet

Der falsche Iwan?


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