09. Juni 2009

Terminplanung einer Auslandsreise Obama on Tour

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

Vor vielen Jahren stand ein junger Deutscher im Terminal des Ben Gurion Airport in Tel Aviv und wartete auf seinen Rucksack. Zu Hause in Deutschland hatten die Semesterferien begonnen und er hatte sich aufgemacht in das Land des Volkes Israel, das durch seine Vorfahren so viel Leid erfahren hatte. Weil er mit eigenen Augen sehen wollte.

Er hatte eine Praktikantenstelle im Hadassah-Krankenhaus bei Jerusalem in der chirurgischen Abteilung und trat seinen Dienst dort mit sehr gemischten Gefühlen an, da er wie die meisten anderen jungen Deutschen eine tiefe Scham empfand über das, was den Juden von Deutschen angetan worden war.

Um so überraschter war er, als er von den meisten Israelis mit offenen Armen empfangen wurde – Juden wie Palästinensern.

Eines Tages – er war nun schon länger hier und fühlte sich wohl – wurde eine neue Patientin auf der Station aufgenommen. Eine freundliche alte Dame.

Wie zufällig rutschte ihr während ihres Aufenthalts einmal der Ärmel ihres Krankenhaus-Hemdchens hoch und was der junge Mann sah ließ ihn erstarren: eine große Tätowierung prangte auf ihrem Unterarm, eine Nummer, der ein Buchstabe vorangestellt war. Es war ein Buchstabe, bei dem er sofort begriff: ein A.

Stundenlang drückte er sich in den Ecken herum und wagte es nicht, die Dame anzusprechen. Wie gerne hätte er mit ihr gesprochen und – ja auch das: geweint. Aber etwas hielt ihn zurück.

Plötzlich rief sie ihn auf Englisch an: „Junger Mann, sind Sie Deutscher? Sie sehen so deutsch aus? Kommen Sie doch mal her!“

Er schlich ins Zimmer, sie bedeutete ihm, sich an den Rand ihres Bettes zu setzen. Was dann geschah wird der junge Mann nie vergessen.

Er wusste nicht, was er sagen sollte und so begann sie, ihm ihre Geschichte zu erzählen. Von ihrer Kindheit und Jugend als Jüdin in Rumänien. Vom Kriegsausbruch, dem Abtransport, von Auschwitz und davon, dass sie mit einer  Schwester die Einzigen der vielköpfigen Familie waren, die das überlebt haben.

Als sie schließlich geendet hatte sah sie die Verzweiflung in den Augen des jungen Mannes – die Verzweiflung darüber, dass sein Volk ihr das angetan hatte.

Da legte sie sanft ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise: „Junger Mann, bitte schämen Sie sich nicht dafür. Sie sind doch so jung. Sie können doch gar nichts dafür.“

Viel später sitzt der junge Mann von damals vor dem Fernseher und sieht einen selbstgefälligen smarten Präsidenten, der dem von ihm und seinen Beratern aufgebauten messianischen Nimbus unbedingt gerecht werden möchte.

Ein neues Kapitel möchte er aufschlagen, die Welt möchte er verändern.

Er redet in Kairo und schlägt Töne an wie noch kein Präsident vor ihm. Seine Berater haben ihm das gesagt. Seine Berater haben ihm auch gesagt: „Das ist heikel und Du musst etwas tun, um die Juden danach wieder zu besänftigen.“ Sie haben sich lange den Kopf darüber zerbrochen, was das sein könnte, denn die Anbiederung des Präsidenten an die islamische Welt verstört Israel zutiefst.

Dann kam der rettende Gedanke: ein Besuch im Land des Bösen gleich nach der Rede sollte es sein. Am besten noch an einem Kristallisationspunkt des Bösen in diesem Land: einem Konzentrationslager. Ein wunderbares Signal an Israel, das da meint: „Keine Sorge, ich bleibe bei Euch!“ Mit so einem Besuch kann man tiefe Emotionen wecken und die Deutschen werden ja wie immer bußfertig und voller Demut die nötige Staffage für dieses großartige Stück liefern. Insgesamt ein PR-Meisterstück der Berater des Präsidenten!

Der junge Mann von damals denkt bei den Fernsehbildern an die alte Dame und betet, dass sie dort, wo sie jetzt ist, ihren Frieden gefunden haben möge.

Wie würde sie es wohl finden, wenn sie wüsste, dass ihr Leid von PR-Beratern und einem selbstgefälligen Präsidenten dazu benutzt wird, politische Schachzüge zu decken und dessen Popularität zu steigern?

Wahrscheinlich würde sie diesem Präsidenten sagen, dass er sich schämen soll.


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