18. September 2012

Mohammed-Film Die geplante Empörung

Wem nützt es?

Da sind sie wieder, die hassverzerrten Gesichter, die Fahnenverbrenner, Botschaftsplünderer und Mörder. Wie ein Flächenbrand zieht es – mal wieder – durch die gesamte islamische Welt und die Bilder gleichen sich, sei es die aus Tunesien, die aus Libyen, aus Islamabad, Kairo oder Jakarta: überall der gleiche wütende Mob. Die islamische Welt ist, so scheint es, einmal mehr geeint im Hass auf den Westen.

Worum geht es diesmal? Ein Video ist der Stein des Anstoßes, ein auch in den deutschen Leitmedien in einer Art vorauseilendem Gehorsam katzbuckelnd als „Machwerk“ tituliertes Filmchen, in welchem offenbar der Prophet des Islam beleidigt wird. Abgesehen davon, dass diese Leitmedien überhaupt kein Problem damit haben, wenn herausragende Repräsentanten anderer Religionen geschmäht werden, übernehmen sie nur allzu gern einmal mehr die offizielle Version der Geschehnisse und versagen daher erneut bei ihrer Aufgabe, die Hintergründe zu erhellen.

Die offizielle Version geht so:

Ein kleinkrimineller Totalversager in den USA habe, verblendet von Hass auf den Islam, ein – offenbar handwerklich einigermaßen passables – Schmähvideo über den Propheten gedreht, wobei er sämtliche Darsteller über den Inhalt des Films getäuscht hat. Treuherzig berichtet der „Spiegel“, wie entsetzt die Darsteller nun über den Inhalt des Films sind, von dem sie angeblich nichts gewusst haben.

Der Leser solcher Artikel fragt sich unwillkürlich, was armseliger ist: die Ausreden der Darsteller oder ein Redakteur in einem selbsternannten Sturmgeschütz-Leitmedium, der so etwas unkommentiert und unhinterfragt veröffentlicht.

Von dem Produzenten des „Machwerks“ ist also lediglich bekannt, dass er vor allem eins gut kann: scheitern. Sei es als Krimineller, sei es als Tankstellenpächter, immer ging es schließlich schief, so dass der Mann bereits eine beträchtliche Liste kleinerer und größerer Vergehen auf dem Kerbholz hat – zu einem wirklich großen hatte es bisher allerdings auch nicht gereicht.

Selbst die Islambeleidigung drohte zunächst in die Hosen zu gehen, weil keiner das „Machwerk“ sehen wollte. Aber es gibt ja heutzutage YouTube und so hat es schließlich ja doch noch geklappt. So weit, so schlecht.

Wer glaubt eigentlich so einen – mit Verlaub – Mist?!

Fangen wir doch mal ein wenig früher an. Zum Beispiel im Jahre 2005. Am 30.09.2005 veröffentlichte die dänische „Jyllands-Posten“ ein paar Karikaturen von Kurt Westergaard.

Die offizielle Version der folgenden Ereignisse geht so: die Karikaturen stellten eine massive Beleidigung des Propheten dar, was eine Protest- und Gewalteruption in der gesamten islamischen Welt auslöste, deren Nachbeben noch heute spürbar sind.

Was damals nur am Rande erwähnt war, stellt sozusagen den inoffiziellen Hintergrund, die reale Version der Geschehnisse dar: Als die Zeichnungen veröffentlicht wurden, tat sich zunächst einmal gar nichts. Es gab allerdings in Dänemark einen Imam, dem das nicht behagte und der zunächst versuchte, mit diesen Zeichnungen Stimmung bei seinen Kollegen in den islamischen Ländern zu machen. Die Resonanz fiel allerdings mehr als mau aus, so dass der Imam zu einer kleinen List griff: Er selbst ließ den Propheten als Schwein zeichnen, die größtmögliche Beleidigung des Religionsstifters, und behauptete dann einfach, diese Zeichnung sei ebenfalls in der Zeitung erschienen.  

Dann reiste er mit einer Mappe voller Zeichnungen durch die arabische Welt und konnte sich endlich an den Reaktionen seiner Kollegen erfreuen: Jedesmal, wenn sie das Schwein sahen, bliesen sie zum Angriff. Der Rest ist bekannt.

Was hat aber nun diese kleine und von den Sturmgeschützen damals eifrig beschwiegene Episode mit unserem aktuellen Fall zu tun?

Die Antwort auf diese Frage liefert ein kleines, aber entscheidendes Detail des aktuellen Falles: Der Urheber des filmischen „Machwerks“ ist koptischer Christ mit ägyptischen Wurzeln.

Jeder halbwegs aufmerksame Fernsehzuschauer konnte in den vergangenen Monaten immer wieder die unschönen Begleiterscheinungen des vielgepriesenen „Arabischen Frühlings“ verfolgen: die Zusammenstöße zwischen den Kopten und Angehörigen der muslimischen Mehrheit in Ägypten. Wenn man sich das zahlenmäßige Kräfteverhältnis zwischen Kopten und Muslimen vor Augen hält (etwa sechs Prozent gegen 94 Prozent) wird deutlich, dass es sich bei diesen Zusammenstößen wohl eher um einen Überlebenskampf der Kopten und ihrer Kultur handelt. Während die radikalislamischen Kräfte unter Mubarak gewaltsam im Zaum gehalten wurden, können sie sich nun dank der tatkräftigen Hilfe des Westens weitgehend ungebremst in Ägypten und anderswo entfalten. Erklärtes und wichtigstes Ziel dieser Kräfte ist es, die islamische Welt von den Ungläubigen zu reinigen. Daher nimmt die Gewalt auch gegen die 2000jährige Kultur der Kopten seit der Entmachtung Mubaraks exzessiv zu.

Wem also spielt solch ein Film, hergestellt von einem koptischen Christen, in die Hände?

Selbst wenn man tatsächlich gewillt ist, zu glauben, dass so ein Totalversager in der Lage ist, überhaupt so einen Film auf die Beine zu stellen und damit dann auch noch die Welt in Brand zu setzen, so müsste einem doch auffallen, dass koptische Christen bislang noch nie mit derlei Propaganda in Verbindung zu bringen waren. Warum auch – sie schaden sich damit doch nur selbst.

Vielleicht sollte man sich selbst in den bundesdeutschen Medien wieder einmal darauf besinnen, nicht einfach Meldungen aus dem Ticker abzuschreiben, sondern dabei auch mal sein Gehirn anzuschalten.

Dann würde einem vielleicht auch der offensichtliche Zusammenhang zu der Westergaard-Affäre auffallen. Hilfreich dabei ist dann auch immer die Frage, wem das eigentlich wirklich nützt.

Nun, wem nützt es, wenn der Mob gegen die Kopten aufgehetzt wird? Und wem nützt es, wenn die Umma einmal mehr in Rage gerät, so dass winselnde Politiker und Journalisten im Westen wieder einmal schnell bei der Hand sind mit Entschuldigungen und Selbstgeißelungen, die der islamischen Welt wieder einmal die Schwäche des Westens präsentieren?

Jedenfalls nicht einem kleinkriminellen Totalversager oder den Kopten in Ägypten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Yorck Tomkyle

Über Yorck Tomkyle

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige