20. September 2009

Thema Gewalt Hast Du’n Problem, Mann!?

Zur Debatte über Notwehr und Zivilcourage

Samstagnacht. Ein heftiger Schrei reißt mich aus dem Schlaf. Dann höre ich ein verzweifelt flehendes „Bitte nicht schlagen!“ Darauf eine tiefe Stimme im Befehlston: „Nimm den Kopf!“ Noch ein Schrei – dann ist Ruhe. Es ist 4.42 Uhr. Ich springe aus dem Bett und gehe auf den Balkon, obwohl ich weiß, dass nichts zu sehen sein wird, denn die Passage neben meinem Haus, aus der die Schreie vermutlich gekommen sind, liegt acht Stock tiefer und ist von mir aus nicht einsehbar. Ich wohne direkt an der Münchner Theresienwiese, wo das Oktoberfest stattfindet. Gestern, 19. September, war der erste Tag. Seit 18 Uhr tönten ununterbrochen die Sirenen von Polizei und Krankenwagen. Das ist immer so. Einen Schrei wie den gerade eben habe ich aber in den zwanzig Jahren, die ich hier wohne, noch nie gehört.

Ich versuche, wieder einzuschlafen. Doch es geht nicht. Der Tote vom S-Bahnhof München Solln geht mir durch den Kopf, Argumentationsfetzen aus Andreas Tögels ef-Artikel dazu sowie aus Udo Ulfkottes Buch „Vorsicht Bürgerkrieg!“, in denen ich am Nachmittag gelesen hatte, schwirren mir durch den Kopf. Ich schwitze, mein Herz rast. Irgendwann muss ich doch weggedämmert sein; als ich wieder erwache, ist es Viertelsieben. Dieses verstörende Erlebnis treibt mich an die Tastatur.

Bei Debatten über Gewalt und Gewalterfahrung ist die Gefahr sehr groß, dass Blinde über Farben reden. Die meisten kennen Gewalt nur medial vermittelt. Doch reale Gewalt ist vollkommen anders als das, was wir im Kino oder Fernsehen sehen. Sie gehorcht anderen Gesetzen als denen der Drehbuchsoftware, bei deren minutenlangen Prügeleien der Angreifer nach seinem ersten Schlag stehenbleibt und in aller Ruhe den Gegenschlag abwartet. Echte Schlägereien dauern fast immer nur wenige Sekunden, und der erste Treffer ist der entscheidende. Wenn der sitzt, ist der Kampf vorbei.

Damit jeder Leser weiß, auf welcher Erfahrungsgrundlage ich urteile, erlaube ich mir deshalb, biografisch zu werden. Drei Gewalterfahrungen haben meine Sicht der Dinge geprägt.

Erfahrung eins: Mit siebzehn, es war 1979, fuhr ich in Stuttgart mit der Straßenbahn und las ein Buch. Plötzlich, ohne jegliche Vorankündigung, bekam ich von der Seite einen heftigen Schlag ins Gesicht. Im selben Augenblick hielt die Bahn an einer Haltestelle, und die Person, die mich geschlagen hatte, sprang hinaus und verschwand. Ich war vor Angst gelähmt und so überrascht, dass ich völlig unfähig war, irgendwie zu reagieren, ja noch nicht einmal hätte sagen können, wie die Person ausgesehen hat, obwohl meine Augen sie haben aussteigen sehen.

Erfahrung zwei: Hamburg, 1983. In einem Kino im Karolinenviertel war die lange Kinonacht, in der drei Filme hintereinander liefen, man saß von 22 bis 3 Uhr im Kino. Mitten im zweiten Film stürmten vier Skinheads mit Bierflaschen in den Saal, setzten sich in eine Reihe und machten Spektakel. Ein Zuschauer in der Reihe vor ihnen forderte sie auf, ruhig zu sein. Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da schlug ihm einer der Skins die volle Bierflasche über den Kopf. Mit einem Satz sprangen die vier auf und zum Kino hinaus. Und wieder waren alle wie gelähmt; es dauerte eine ganze Weile, bis der erste sich erhob und das Kinopersonal informierte, das Notarzt und Polizei rief.

Erfahrung drei: Wieder Hamburg, 1986, diesmal der Jungfernstieg an einem Samstagnachmittag. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich drei, vier Lederjacken, die sich wie ein Eisbrecher ihren Weg durch die Menschen auf dem Bürgersteig bahnen. Plötzlich stoßen sie einen Mann zu Boden und treten auf ihn ein. Bevor jemand etwas tun kann, rennen sie davon. Niemand hält sie auf.

Meine Schlussfolgerung aus diesen Erfahrungen: Die Gewalt ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und wer keine Übung im Umgang mit ihr hat, hat keine Chance. Eine praktische Konsequenz habe ich daraus allerdings nicht gezogen.

Die kam erst viele Jahre später, als ich mit meiner Tochter einen Selbstverteidigungskurs für Kinder besuchte. Wer einmal gesehen hat, wie schwer es normalen Kindern fällt, nur zur Übung den gut gepolsterten Trainer wirklich heftig und mit aller Gewalt zu treten, der wundert sich nicht mehr, dass der Schläger stets überlegen ist.

Keith R. Kernspecht, Kampfsportler, Polizeibeamter, Leibwächter, Professor für Pädagogik und Autor des Buches „Blitzdefense – Angriff ist die besten Verteidigung“ bringt die prinzipielle Überlegenheit des Angreifers einem unvorbereiteten Gegner gegenüber auf den Punkt: „Der Schläger sucht sich meistens ein Opfer aus, das ihm nicht wirklich gewachsen oder zum Kampf bereit ist. Er bringt sich durch Reden und Körpersprache so in Rage, dass er dem anderen schon auf Grund der in ihm wütenden Kampfhormone überlegen ist. Das Oper ist schon besiegt und nicht selten im Zustand der Angststarre, bevor der physische Kampf begonnen hat, so dass der Schläger ein leichtes Spiel mit ihm hat. Wenn der Schläger dann seine Verwandlung in ein werwolfartiges Adrenalinmonster vollzogen hat und zuschlägt, ist es zu spät für jede Abwehr“.

Ich habe mich in den letzten Tagen über all die „Experten“ gewundert, die, noch bevor Details über das Geschehen in der Münchner S-Bahn bekannt waren, allüberall verkündeten, der brutal totgeprügelte Dominik Brunner habe „alles richtig gemacht“. Nein, sage ich: Wer am Ende tot ist, kann nicht alles richtig gemacht haben. Und je mehr Einzelheiten jetzt bekannt werden, desto deutlicher wird, dass Dominik Brunner leider nicht alles richtig gemacht hat – und auch die Jugendlichen, denen er geholfen hat, haben einen gravierenden Fehler gemacht.

Das wird deutlich aus dem Interview der Münchner „Abendzeitung“ vom 19. September mit dem dreizehnjährigen Mädchen Sarah aus der Gruppe Jugendlicher, der Dominik Brunner geholfen hat. Sie wartete mit drei anderen an einer S-Bahn-Haltestelle, als die Schläger zu ihnen kamen und Geld von ihnen verlangten. „’Gebt uns Geld, sonst gibt es Schläge!’ Er hat unsere Jungs dann auch geschlagen, erinnert sich Sarah. Trotzdem nimmt sie die Situation anfangs nicht sehr ernst“, heißt es im Artikel.

Das ist der erste entscheidende Punkt im Verlauf der Geschichte. Hätten die bedrohten Jugendlichen ihr Geld hergegeben, wäre die Sache mit großer Wahrscheinlichkeit zu Ende gewesen. Eine der wichtigsten Verhaltensregeln, die die Kinder im Selbstverteidigungskurs lernen, lautet: „Kommt jemand daher, der dir kräftemäßig klar überlegen ist, dann gib ihm, was er will. Zwanzig Euro, ein MP3-Spieler oder eine Jacke sind es nicht wert, sich dafür verprügeln zu lassen.“  Das widerstrebte den Kindern sehr, und man sah, wie schwer es ihnen fiel, in den Rollenspielen danach zu handeln und etwas herzugeben. Aber dieses Verhalten bewahrt sie im Ernstfall vor ausgeschlagenen Zähnen und gebrochener Nase.

Dann geht die Geschichte weiter: Die Schläger bedrängten die Jugendlichen in der S-Bahn erneut; daraufhin schaltete Dominik Brunner sich ein und forderte sie auf, die Jugendlichen in Ruhe zu lassen. Das taten sie auch. Die schlimme Wendung der Dinge erfolgte nach dem Aussteigen am S-Bahnhof Solln. Die dreizehnjährige Sarah berichtet, Brunner habe nach dem Aussteigen aus der S-Bahn einem der Bedroher einen Schlag versetzt. Das war der zweite, noch fatalere Fehler, denn der Schläger „ist daraufhin total ausgetickt“ (Sarah) und hat Dominik Brunner totgetreten.

Der Schlag Brunners bedeutete für den Schläger keine Gefahr, sondern löste bei diesem die schlagartige „Verwandlung in ein werwolfartiges Adrenalinmonster“ (Kernspecht) aus. Und dagegen hatte der in Schlägereien ungeübte Dominik Brunner keine Chance. Hätte er Kampferfahrung gehabt und den Gegner mit einem richtigen Schlag kampfunfähig gemacht, dann wäre er noch am Leben, stände aber wahrscheinlich bald vor Gericht, da der Schläger ihn wohl verklagt hätte. Von einem Augenblick auf den anderen wäre Dominik Brunner zum Täter geworden, denn, so Kernspecht, „es genügt nicht, in Notwehr zu handeln, das Gericht muss einem das auch abkaufen“. Und das einem Richter verständlich zu machen ist extrem schwer, denn „Richter haben nicht die geringste Vorstellung davon, unter welchen Voraussetzungen eine erfolgreiche Notwehrhandlung überhaupt machbar ist“. Das zeigt besonders augenfällig der in ef-Kommentaren schon erwähnte Prozess gegen einen Münchner Informatikstudenten, der wegen Notwehr letztes Jahr zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde, weil seine Verteidigung mittels eines kleinen Messers von den Richtern als übertrieben bewertet wurde. Ohne Verteidigung mit dem Messer wäre er wohl im Krankenhaus gelandet, so sitzt er im Gefängnis. Das sind die traurigen Alternativen in diesem Staat ...

Unser Nachbar hatte kürzlich eine Auseinandersetzung mit einem anderen Nachbarn, der ihn bedroht hat. Dabei hat er seinen Schlagstock geholt, um sich zu wehren. Er musste den Schlagstock gar nicht einsetzen, weil allein dessen Vorzeigen beim anderen seine Wirkung tat. Doch was war das erste, das die Polizei tat, nachdem sie da war? Sie hat ihm, dem Angegriffenen, den Schlagstock abgenommen. Nun ist er dem rabiaten Nachbarn wieder wehrlos ausgeliefert.

Dominik Brunner ist tot, und die Jugendlichen, denen er geholfen hat, sind schwer traumatisiert, wie die „Abendzeitung“ berichtet: „Es sind diese entsetzlichen Bilder, die immer wieder auftauchen. Bilder, die Sarah (13) wahrscheinlich nie mehr vergessen kann: Das Gesicht des Mannes, der sie und ihre Freunde beschützt hatte, ist voller Blut. Es quillt aus seinem Mund, seiner Nase. Aber die brutalen Jugendlichen schlagen immer wieder zu. … Die Angst und das Grauen verfolgen Sarah bis in den Schlaf. ‚Ich wache dauernd auf, ich höre Stimmen. In meinem Zimmer schleicht ein Mann rum.’“

Solange dieser Staat uns Bürgern keine effektive Selbstverteidigung mit Waffen gestattet, hat er auch kein Recht, von uns Zivilcourage zu verlangen, weil wir sonst entweder vom Pöbel ins Krankenhaus oder ins Grab geprügelt werden oder selbst zum Täter gemacht werden. Und solange dem so ist, sollten Eltern ihre Kinder – und auch sich selbst – auf solche Situationen vorbereiten, so weit das möglich ist, damit sie sich selbst helfen können und wissen, wie sie andere so zum Helfen bringen, dass niemand zu Schaden kommt, denn bis der Inhaber des Gewaltmonopols in Gestalt der Polizei da ist, ist es oft zu spät.

„Wie können Menschen so etwas tun?“ – das sei laut einem Kommentar der „Süddeutschen Zeitung“ der Kern des Problems. Falsch. So etwas haben Menschen schon immer getan. Es kommt darauf an, auf solche Situationen vorbereitet zu sein – damit Menschen wie Dominik Brunner für ihren Mut belohnt werden und nicht mit dem Leben bezahlen müssen.

Internet

Abendzeitung

ef-Artikel von Andreas Tögel

Ulfkotte: Vorsicht Bürgerkrieg!: Was lange gärt, wird endlich Wut

Keith R. Kernspecht: Blitz-Defence - Angriff ist die beste Verteidigung

TZ

WO-DE Sicherheitsschulungen


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