02. Dezember 2009

Der „Global Hunger Index“ und die Marktwirtschaft Die Ursachen des Hungers erkennen

Eine Nachlese zum Gipfel der FAO in Rom

Ohne sichtbare Erfolge endete vor kurzem der Hungergipfel der FAO in Rom. Kann es sein, dass dies auch an den Analysen liegt, die dabei über die Ursachen des Hungers zirkulierten?

Gerade rechtzeitig vor dem Gipfel erschien der „Global Hunger Index 2009“ (GHI), der in einigen Ländern eine Zunahme von Hungersnot, aber in sehr vielen Ländern auch eine Verbesserung der Lage attestiert. Die Daten lassen zumindest einige Schlüsse zu, wenn man sie richtig interpretiert. Ist der Hunger in der Welt wirklich nur eine Folge von fehlender Umverteilung in einer von Gier geprägten Marktwirtschaft, wie viele der Redner in Rom meinten? „Wir müssen dem internationalen Handel die Grundlage des reinen Profitdenkens entziehen“, meinte der Papst, so als ob es besser wäre, wenn Lebensmittel in Zukunft nur noch vom Staat oder katholischen Suppenküchen für die Armen verteilt werden würden.

Hunger weltweit gemessen

Schon seit einigen Jahren misst das in Washington ansässige „International Food Policy Research Institute“ (IFPRI) die Nahrungsversorgung der Menschen in 121 Ländern. Als Messkriterien gelten erstens der Anteil der Unterernährten in der Gesamtbevölkerung, zweitens der Anteil untergewichtiger Kinder und drittens die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren. Die Daten werden in einer Skala von 0 (kein Hunger) bis 100 (katastrophale Hungersnot) eingestuft. Aufgeführt werden nur 84 der gemessenen Länder, nämlich die, bei denen der Wert über 5 Punkte liegt, was heißt, dass in der Regel nur Entwicklungsländer als relevant betrachtet werden.

Der diesjährige Index zeigt eine Reihe von Veränderungen seit 1990 an. Mit Ausnahme von Nordkorea liegen alle Länder, in denen sich die Lage verschlechterte, in Afrika. Besonders in der Demokratischen Republik Kongo ist die Zunahme des Hungers (53,3 Punkte!) geradezu dramatisch. Andere Länder wie Vietnam (eine Abnahme von 52 Punkten) oder Kuwait (eine Abnahme von 76,8 Punkten) haben hingegen atemberaubende Fortschritte gemacht. Im folgenden Diagramm sind die „Winner“ und die „Loser“ dargestellt.

Die größten zehn Gewinner sind im Einzelnen: Vietnam (-52,0), Brasilien (-52,5), Saudi Arabien (-53,4), Mexiko (-54,6), Nikaragua (-55,1), Türkei (-56,7), Malaysia (-58,0), Fiji (-58,3), Tunesien(-62,7) und Kuwait (-76,8).

Die größten zehn Verlierer sind im Detail: Demokratische Republik Kongo (53,3), Burundi (20,2), Komoren (18,5), Simbabwe (9,4), Liberia (7,0), Guinea Bissau (6,9), Nordkorea (3,4), Gambia (3,3), Siera Leone (2,1), Swaziland (1,8).

Warum Hunger?

In dem neuen Report werden vor allem zwei Ursachen von Hunger näher analysiert, die gewiss auch Sinn machen. Zum einen werden die Folgen der Finanzkrise beobachtet, deren Wirkungen sich aber noch nicht voll entfaltet haben (die Daten stammen nicht aus 2009). Sicher scheint, dass gerade die armen Länder dadurch besonders schwer getroffen werden. Zum Zweiten geht es um die „gender gap“, das heißt die Benachteiligung und Entrechtung von Frauen. Diese erweist sich tatsächlich als eine ungeheuere Bürde und als wirtschaftlicher Nachteil (abgesehen von der moralisch verwerflichen Seite des Ganzen). Aber handelt es sich hier nicht um einen Teil eines Gesamtproblems, das die Frage nach dem Recht auf Teilnahme an der Marktwirtschaft betrifft?

Wirtschaftsfreiheit und Hunger

Seit 1996 erscheint jährlich ein anderer Index, nämlich der „Economic Freedom of the World“. Hier wird in 141 Ländern anhand von 42 Kriterien der Grad der Wirtschaftsfreiheit gemessen, dessen sich ein Bürger in seinem Land erfreuen kann. Dazu gehören Steuerquote, Zolltarife, Rechtstaatlichkeit, Arbeitsmarktregulierung und vieles mehr. Die Ergebnisse werden auf einer Skala von 0 (unfrei) bis 10 (völlig frei) bewertet. Zu den grundlegenden Erkenntnissen dieses Index gehört, dass die freiesten Wirtschaften im Allgemeinen für höhere Einkommen, größeres Wachstum, höhere Lebenserwartung und Bildung sowie weniger Armut sorgen als es die unfreien Wirtschaften tun.

Was passiert nun, wenn man die Ergebnisse des „Global Hunger Index“ mit denen von „Economic Freedom of the World“ korreliert?

Die Gewinner des Hunger-Index wiesen bezüglich ökonomischer Freiheit 1990 durchschnittlich einen Wert von 4,8 auf. Im Jahr 2007 stieg dieser Wert in diesen Ländern um 1,16 Punkte auf 5,96 an.

Die Verlierer des Hunger-Index kamen bezüglich ökonomischer Freiheit 1990 nur auf einen Wert von 4,06. Bis 2007 betrug der Anstieg nur 0,69 auf dann 4,75 Punkte. Das Ergebnis ist eindeutig.  Die Länder, die den Hunger besonders effektiv bekämpft haben, sind nicht nur markant marktwirtschaftlicher in ihrer Politik, sondern haben im Zeitraum 1990 bis 2007 auch eine klarere Zunahme an Wirtschaftsfreiheit für sich durchgesetzt. Diese Zunahme fiel fast doppelt so hoch aus wie bei den „Losern“ im GHI.

Fazit

Das gängige Klischee erklärt fast immer den „Turbokapitalismus“ und die „entfesselte Marktwirtschaft“ zum Schuldigen, wenn es um die Not der Menschen geht. Die Realität ist eine andere. Die wirtschaftliche Entrechtung von Menschen, die unter den Bedingungen kleptokratischer und autoritärer Regime leiden müssen, wird als Problem nur allzu gerne ausgeblendet. Es sind die Schariamilizen in Somalia, der Diktatur Robert Mugabe in Simbawe (der in Rom das große Wort führte), das dubiose Kabila-Regime in Kongo und unzählige andere Herrscher und Warlords, die den Fortschritt behindern – und nicht der „Westen“ und der „Kapitalismus“. Davon abzulenken, ist dem Ernährungsgipfel leider gelungen.

Wer den Hunger in der Welt bekämpfen will, muss mehr Marktwirtschaft wagen.

Internet

Hunger-Index

Freiheits-Index


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