10. September 2013

Ein liberaler Anarchist Lysander Spooner

Er hätte die Drogenprohibition von heute sicher bekämpft

Die romantisch Veranlagten denken an finstere maskierte Gestalten im schwarzen Umhang, die in dunklen Nächten große runde Bomben mit brennender Lunte bei sich herumtragen. Realistischere Menschen denken vielleicht an Baader-Meinhof, RAF oder Geiselnahmen.

Nein, er hat kein gutes Image! Gemeint ist der Anarchismus. Dies gilt vor allem in Deutschland, wo das bloße Wort vom Anarchismus den meisten Menschen Schauer über den Rücken jagt. Die Idee, irgendeine Verbindung mit respektablen politischen Weltanschauungen zu vermuten, käme einem Sakrileg gleich. Die Liberalen machen da keine Ausnahme und die deutsche Geistesgeschichte gibt ihnen beinahe recht. Unter dem Etikett “Anarchist” findet man dort vor allem Denker wie Wilhelm Weitling, der in seinem Buch Garantien der Harmonie und Freiheit (1842) die kommunistischen Ziele von der Abschaffung des Privateigentums und der Geldwirtschaft nicht über ein allmähliches »Absterben des Staates« (wie Marx es vorhersah) erreichen wollte, sondern durch direkte gewalttätige Aktion. Zweifellos handelt es sich hier um einen großen Schwindel, denn Anarchie (griech.: Herrschaftslosigkeit) kann nicht Kollektivismus bedeuten - und schon gar nicht gewalttätiger Kollektivismus!

Ziviler Ungehorsam in Amerika

In den USA ist dies anders. Der Anarchismus hat sich dort von je her aus liberalen Wurzeln gespeist - ja sich bisweilen als deren konsequente Fortsetzung verstanden. Das ist noch heute so, wo die Bewegung der Libertarians (wie die radikal marktwirtschaftlich-individualistisch ausgerichtetcn Liberalen dort heißen) eine Fusion von Liberalismus, Kapitalismus und Anarchismus anstreben.

Auch das 19. Jahrhundert kennt ähnliches. Es besteht ja auch kein Zweifel, dass das Erbe Jeffersons und der Unabhängigkeitserklärung zu radikalen Formulierungen einlädt. Der Staat ist ein Kontrakt der Bürger zum Schutz ihrer Rechte - so heißt es 1776 in der Erklärung. Sobald Rechte verletzt werden, können, so die radikale Variante, sich die Bürger von ihm abwenden. Dies ist in der jungen Republik mit ihrem weiten und unerforschten Hinterland noch recht einfach. Der Schriftsteller Henry David Thoreau exerziert es in den 1840er Jahren vor. Er will keinen Staat unterstützen, in dem es Sklaverei gibt und der gerade einen Krieg mit Mexiko vom Zaune bricht. Er zieht in die wilde und abgelegene Natur und erklärt, dass er nicht mehr dazugehöre. Der Vertrag sei für ihn gekündigt. Als er sich 1849 konsequenterweise weigert, Steuern zu zahlen, muss er kurz ins Gefängnis, was ihm die Gelegenheit gibt, seinen Standpunkt in einer Schrift mit dem Titel On the Duty of Civil Disobedience zu erläutern. Sie wird zum Klassiker. Im Gegensatz zu Weitling, auf den sich heute kein Mensch mehr beruft, findet Thoreaus Schrift auch in diesem Jahrhundert eine Anhängerschaft, deren Respektabilität geradezu beeindruckend ist. Nur zwei Namen seien genannt: Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Beiden würde niemand eine Neigung zum Terrorismus nachsagen, obwohl - oder gerade weil - sie den großen amerikanischen Anarchisten zu ihrem Idol erklärten.

Hinter dem zweifellos heute immer noch bestehenden Ruhm Thoreaus ist derjenige Lysander Spooners ein wenig verblasst. Erst in letzter Zeit hat in Amerika eine bescheidene Wiederentdeckung eingesetzt. Diese ist auch überfällig. Denn was Thoreau in brillanter Polemik nur grob umreißt, das entwickelt Spooner zur durchdachten Theorie. Und diese Theorie ist nicht nur konkret und praxisorientiert, sondern hat - obwohl durch und durch anarchistisch - einen zutiefst liberalen Kern.

Ein anarchistischer Unternehmer

1808 wird er in Athol (Massachusetts) geboren. Als Sohn einer religiösen Familie in einem äußerst religiösen Umfeld beginnt er konsequent seine literarische Karriere mit einigen kleinen Schriften, die sich vor allem durch ihre freigeistige und unorthodoxe Haltung in Religionsfragen auszeichnen. Wichtiger für sein späteres Wirken ist jedoch eine gründliche juristische Ausbildung. Eher ungewöhnlich für einen Anarchisten, bleibt Spooner Zeit seines Lebens ganz und gar Jurist.

Aber dies ist nicht das einzig Ungewöhnliche. In den Vereinigten Staaten wird die Post als ein Staatsmonopol betrieben. Die Ineffizienz und die hohen Kosten werden zu einer enormen Bürde für die Bürger. Spooners Reaktion ist, obwohl der anarchistischen Logik entsprechend, aus europäischer Sicht schon deshalb ungewöhnlich, weil man hier Anarchismus nur selten mit freiem Unternehmertum assoziiert. Er gründet 1844 die American Letter Mail Company, die Briefe zwischen Boston und New York befördert. Nur fünf Cents kostet der Transport eines Briefes. Der Erfolg ist ungeheuer. Bald wird der Service nach Baltimore und Philadelphia ausgeweitet. Wie zu erwarten, lässt sich der Staat dies nicht gefallen. Es nutzt nichts, dass Spooner in einem Pamphlet unter dem Titel The Unconstitutionality of the Laws of Congress Prohibiting Private Mail juristisch unwiderlegbar argumentiert, dass laut Verfassung zwar dem Staat die Kompetenz gegeben ist, Postdienste zu betreiben, er aber nicht private Anbieter zwecks Erhaltung eines Monopols verbieten dürfe, weil dies dem Verfassungsgebot des Schutzes von Eigentum und freiem Handel widerspräche. Der Kongress überzieht Spooner mit so vielen Klagen, dass er innerhalb eines Jahres aufgeben muss. Als einziger Trost bleibt, dass seine Aktivitäten dazu führen, dass in den nächsten sechs Jahren die staatlichen Postgebühren zweimal deutlich gesenkt werden.

Spooner wendet sich anderen Gebieten zu. Die Sklaverei in den Südstaaten ist ihm seit langem ein Dorn im Auge. 1845 erscheint seine Kampfschrift The Unconstitutionality of Slavery, die sofort von der sich neu formierenden, abolitionistischen Liberty Party als Wahlkampfmaterial verteilt wird. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1861 erlebt die Schrift unzählige Neuauflagen. Indes, Spooner engagiert sich nicht parteipolitisch und strebt auch kein Amt an. Dass das Argument der Verfassungswidrigkeit der Sklaverei von ihm verwendet wird, heißt nicht, dass er die Verfassung und den durch sie konstituierten Staat befürwortet. Drastisch formuliert er seinen Standpunkt 1857 in seinem Plan for the Abolition of Slavery. Grund ist ein Urteil des Obersten Verfassungsgerichts unter Richter Roger B. Taney, das wohl in geheimer und illegaler Absprache mit dem pro-südstaatlichen Präsidenten James Buchanan zustande kommt. Das Urteil besagt nicht nur, dass geflohene Sklaven auch aus jenen nördlichen Staaten wieder ausgeliefert werden müssen, die die Sklaverei in ihrer Verfassung für rechtswidrig erklärt haben. Es besagt nicht nur, dass Schwarze - auch Freigelassene! - nicht als Bürger im Sinne der Verfassung und ihrer Rechte zu gelten haben. Es besagt auch im Präzedenzfall des schwarzen Sklaven Dred Scott, dass der Sklavenstatus dann erhalten bleibt, wenn Herr und Sklave längst vom Süden in den Norden umgezogen sind.

Das infame Urteil verschärft den Protest der Abolitionisten. Spooner fordert die Bürger zum zivilen Ungehorsam und die Geschworenengerichte zum Unterlaufen dieses Urteils auf. Die Verfassung hat nur Gültigkeit, insofern sie Rechte schützt. Tut sie dies nicht, was nach Taneys Urteil offenkundig der Fall ist, braucht sich niemand mehr an sie gebunden fühlen.

Die Frage der Sklaverei bringt Spooner in gefährlicher Weise in die Nähe dessen, was man hierzulande mit Anarchismus verbindet - jedenfalls, wenn man der Legende glauben will, die einige Zeitgenossen über ihn verbreiten. Als der radikale Sklavenbefreier John Brown bei dem Versuch, zwecks Waffenbeschaffung für eine Befreiungsaktion ein Militärdepot in Virginia zu überfallen, gefangengenommen und zum Tode verurteilt wird, soll Spooner sich angeblich an einem Plan beteiligen, den Gouverneur des Staates zu entführen, um Brown freizupressen. Falls dies stimmt, war es jedenfalls vergebene Liebesmühe, denn ein solcher Plan wird nie ausgeführt. Brown wird gehenkt und damit zum Märtyrer der Abolitionisten, dessen Nachruhm bis heute noch in der Filmmythologie Hollywoods weiterlebt.

Auch wenn Spooners Beteiligung an Plänen zur Freipressung Browns historisch eher fraglich ist, besteht jedoch kein Zweifel, dass er kein Vertrauen in den Staat und seine Gesetze hat und ihnen keine moralische Bindungskraft beimisst. Staat bedeutet für ihn immer Monopol. Ein Beispiel ist das Geld. Wo sich in den 1830er Jahren in der »offiziellen« Politik ein Streit darüber entwickelt, ob es auf der Bundesebene eine staatliche Zentralbank geben soll, oder ob zur Brechung von deren Monopol nur die Einzelstaaten solche Banken haben sollten (Präsident Jackson löst die Bundeszentralbank schließlich 1837 auf), da ist Spooner für die Auflösung sämtlicher staatlicher Notenbanken und fordert, die Notenemission in private Hände zu geben. Denn, so meint er 1843 in seiner Schrift Constitutional Law Relative to Credit, Currency and Banking, Geldausgabe und Kredit seien für jeden Menschen »so sehr ein natürliches Recht wie das, mit Baumwolle zu handeln.« Geld soll also nicht (wie bei Weitling) abgeschafft, sondern dem Markt überlassen werden. Spooner, so könnte man (stark verkürzt) sagen, ist deshalb Anarchist, weil er radikaler Marktwirtschaftler ist.

Wider den Zwangsstaat

In Bezug auf die Sklaverei bringt ihn sein antizentralistisches und antietatistisches Denken bald in ein Dilemma. So sehr ihm die Sklaverei verhasst ist, so wenig kann er sich mit den Vorstellungen Lincolns und dem Ergebnis des Bürgerkrieges anfreunden. Nicht ohne Grund bezweifelt Spooner, dass es in dem Krieg wirklich um die Befreiung der Sklaven geht. Lincoln selbst betont, dass ihm der Erhalt der Union gegenüber den sezessionistischen Südstaaten das eigentliche Ziel sei. Doch die Idee, Staaten oder auch Individuen in eine Union zu zwingen, der sie erklärtermaßen nicht angehören wollen, ist Spooner ein Greuel. Es widerspricht der Logik seiner radikalen Vertragstheorie, für die das Recht auf Sezession selbstverständlicher Kerninhalt ist. Zieht man noch in Betracht, dass der Norden (der eine Spooner zuwiderlaufende protektionistische Wirtschaftspolltik betreibt) bei seinem Streben nach Erhalt der Union durchaus wirtschaftliche Interessen gegenüber dem Süden (der den Kampf für den Freihandel als Grund für die Sezession angibt) verficht, dann leuchtet Spooners Position, dass der Staat hier eher ein Versklavungsinstrument ist, durchaus ein. Das 12 Jahre andauernde Kriegsrecht, die von oben aufgesetzte Diktatur der Republikanischen Partei im Süden, die als Reconstruction bezeichnete staatlich organisierte Umgestaltung der Gesellschaft des Südens (in Wirklichkeit der Versuch der Vernichtung des südlichen Wirtschaftspotentials) - alles dies bestätigt Spooner in seiner Ablehnung des Staates und seiner Verfassung, die das alles erlaubt.

Und es ist kaum zu bezweifeln, dass Spooners konsequent gemäß seiner Vertragstheorie formulierte Strategie zur Sklavenbefreiung weniger katastrophale Folgen gehabt hätte, wenn der Versuch gemacht worden wäre, sie umzusetzen. Sie hätte - verbunden mit einer Agitationskampagne - das Sezessionsprinzip auf den Süden angewandt. Die Gegner der Sklaverei im Süden hätten sich - ganz wie Thoreau in der Wildnis - herausoptiert aus dem Sklavenstaat. Die Sklavenhalter wären isoliert und der allgemeinen Ächtung ausgesetzt worden. Einen ungerechten Staat, so meint er konsequent, unterminiert man von innen, aber man löst ihn nicht durch einen größeren und mächtigeren Staat ab. Oder, wie er 1857 meint: »Es ist notwendig, dass private Personen den ersten Schritt unternehmen.« Spooners Bemühungen sind nicht von Erfolg gekrönt. Ein Punkt, der fast wie unbeabsichtigte Ironie wirkt, ist die Tatsache, dass die von Spooner so leidenschaftlich bekämpfte staatliche Post ihr Zwangsmonopol dazu nutzt, missliebige Broschüren zur Agitation gegen die Sklaverei nicht in den Süden zu befördern. So gehört Spooner im Gegensatz zu anderen Abolitionisten zu jenen, die den Sieg des Nordens nicht rückhaltlos begrüßen. Der Bürgerkrieg und nachfolgende Reconstruction des Südens etablieren einen ihm verhassten Zentralstaat. Darüber tröstet auch nicht das erfreuliche Ereignis der Abschaffung der Sklaverei hinweg. Abgesehen von dem Elend, das die Politik nach der Niederlage von 1865 dem Süden beschert (einige Südstaaten erreichen ihr ökonomisches Niveau von 1861 erst wieder nach dem 1. Weltkrieg!), hat sich das gesamte politische Gefüge verändert. Protektionismus statt Freihandel, staatliche Förderung von Monopolen (besonders beim Bau der transkontinentalen Eisenbahnen) statt Wettbewerb, schließlich gegen Ende des Jahrhunderts auch der Sieg des Imperialismus gegenüber dem Isolationismus der frühen Republik. Die Vertragstheorie wie sie einst Jefferson formuliert hatte, hat in der politischen Rhetorik nach 1865 jeden Stellenwert verloren. Obwohl sie die eigentliche Legitimationsbasis des Gemeinwesens ist, ist sie für lange Zeit als die Sprache der Sezession bei allen »Progressiven« verschrien.

Spooner, der große »Progressive« der Vorkriegszeit sieht die Gefahr mit Entsetzen. Er bekämpft die Nachkriegsordnung mit Vehemenz, wobei seinem störrischen Beharren auf der radikal individual-anarchistischen Vertragstheorie fast schon etwas Anachronistisches anhaftet. Mit seiner von 1867 bis 1870 in mehreren Folgen erschienenen Schrift No Treason: The Constitution of No Authority, dem wohl bekanntesten Werk aus seiner Feder, setzt er zum Generalangriff an. Die Eroberung des Südens und seine Unterdrückung seien nicht zu rechtfertigen. Die Heranziehung der Abschaffung der Sklaverei als Rechtfertigung sei ein »grober, schamloser und durchschaubarer Betrug - so durchschaubar, dass er niemand täuschen könne«, um Menschen zu »zwingen, eine Regierung zu unterstützen, die sie nicht wollen.« Die Verfassung sei nicht bindend, da sie dies nicht nur erlaube, sondern sowieso nur ein Vertrag sei, den eine kleine politische Elite 1787 für sich selbst geschlossen habe, und den andere Individuen (oder gar künftigen Generationen) nie unterzeichnet hätten. Diese Verfassung verstoße damit per se gegen alle Rechte, sie schütze sie nicht.

Nur ein Bücherwurm?

Aber zunächst einmal erscheint der alternde Anarchist eher ein Relikt aus vergangenen Zeiten vor 1861 zu sein. Als Spooner 1887 in Boston stirbt, schildert ihn Benjamin Tucker in einem liebevollen Nachruf fast wie einen alten, von der Welt vergessenen Bücherwurm: »An fast jedem Tage - außer an Sonntagen - konnte über so viele Jahre hinweg wie sich der Verfasser dieser Zeilen zurückerinnert, der Besucher der Bibliothek des Bostoner Athenaeums genau zwischen der neunten und dritten Stunde in einer der Nischen, von der aus man die Tremont Street auf der anderen Seite des Old Granary Friedhofs überblikken kann, die gebeugte Gestalt eines alten Mannes bemerken, der über Bergen verstaubter Bücher über Geschichte, Jurisprudenz, Politik und Verfassungsrecht versenkt war und eifrigst mit Studieren und Schreiben in Anspruch genommen war... In den letzten Monaten vermißte man die gewohnte Gestalt an dem gewohnten Ort, und die ständigen Besucher der Bibliothek werden ihn dort auch nie wieder sehen. Denn er ist tot. Sein Name war Lysander Spooner, ein Name, von nun an unvergessen unter den Menschen.«

Aber der alte Bücherwurm im Athenaeum erweist sich bald als weniger anachronistisch als man denkt. Schon die Überschrift des eben zitierten Nachrufs, Our Nestor Taken From Us, deutet auf eine stattliche Anzahl von begeisterten Schülern hin. Sie scharen sich um die von Tucker zwischen 1881 und 1908 herausgegebene Zeitschrift Liberty, Sprachrohr aller radikalen Individualanarchisten. Nicht nur Amerikaner sind dabei, doch ist im allgemeinen der Kontakt zu den europäischen »Namensvettern« nicht sehr gut entwickelt. Dagegen werden europäische radikale Liberale - allen voran Herbert Spencer und Auberon Herbert - begeistert diskutiert. Denn obschon Tucker und seine Anhänger sich für Industriearbeiter und Arbeitervereine stark machen und staatlich begünstigten Monopolkapitalismus bekämpfen, machen sie klar, dass sie mit kommunistischen Umtrieben (wie sie von einer großen Gruppe aus Deutschland stammender Anarchisten vor allem in Chicago und New York geplant werden) nichts zu tun haben wollen, obwohl sie selbstredend deren Verfolgung durch den Staat verurteilen. Diese zielten, so Tucker, nur »auf einen anderen Staat, während mein Prinzip der freiwilligen Kooperation überhaupt kein Staat ist.« Immer wieder warnen Tucker und andere Autoren in Liberty, dass der Staatssozialismus auch noch die letzten der verbliebenen Freiheiten vollständig auslöschen müßte - Warnungen, die sich als prophetisch erweisen sollen.

Das individualistische Erbe Spooners lebt also weiter. Woran liegt dies? Wohl daran, dass Spooner nicht nur konsequent der bloßen Theorie einer individualistischen Naturrechtslehre folgt, sondern auch tief über praktische Aspekte des Themas nachdenkt. Es ist leicht, anarchistischer Philosoph im Elfenbeinturm zu sein; es ist auch leicht, Anarchismus als bloße negative Lehre zur Rechtfertigung von Gewalt gegen Repräsentanten des Staates zu interpretieren. Es ist hingegen schwierig, die praktikable Alternative zum Staat als Form der Organisation menschlichen Zusammenseins zu formulieren. Spooner scheut, wie sein Engagement für die private Post zeigt, diesen schweren Weg nicht. Das für einen radikal denkenden Menschen geradezu kuriose daran ist, dass der Wegweiser dabei für ihn die Geschichte ist. Liest man einige seiner rechtsphilosophischen Schriften, zum Beispiel Trial by Jury, so fällt auf, dass Spooner wie besessen und über Seiten hinweg Dokumente der englischen Rechtsgeschichte (insbesondere des Mittelalters!) zitiert. Derartiges würde man normalerweise bei Konservativen vermuten, aber nicht bei einem Anarchisten!

Der Grund, weshalb Spooner sich so sehr in die Rechtsgeschichte vertieft, ist die Stützung eines an sich abstrakten und rein theoretischen naturrechtlichen Systems. Natural Law so heißt der Titel seines wichtigsten rechtsphilosophischen Spätwerkes von 1882. Er macht schon klar, dass für ihn der Begriff Recht nicht mit irgendeiner Form positiven - womöglich noch staatlich gesetztem - Rechts gleichzusetzen ist. Die »Wissenschaft von Mein und Dein - die Wissenschaft der Gerechtigkeit - ist die Wissenschaft aller Rechte des Menschen; vom Recht aller Menschen auf ihre Person und ihr Eigentum, von allen ihren Rechten auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück« - definiert Spooner die Jurisprudenz. Ihre Grundsätze sind »natürlich« und »unveränderlich «. Sie sind auch für jeden Menschen unmittelbar einsichtig und keineswegs kompliziert. Sie beziehen sich ausschließlich auf aggressive kriminelle Akte, mit denen - so Spooner in der Schrift Vices are no Crimes (1875), die ein einziges Plädoyer für Toleranz ist - »ein Mensch der Person oder dem Eigentum eines anderen Schaden zufügt.« Nur sie rechtfertigen Zwang zur Bestrafung oder Wiedergutmachung. Persönliche Laster hingegen fallen nicht in ihr Gebiet, weil durch sie nur »der Mensch sich selbst oder seinem Eigentum schadet«. Spooner hätte sicher die Drogenprohibition von heute ebenso bekämpft wie er den frömmelnden Alkoholprohibitionismus seiner Zeit bekämpfte.

Information

Dieser Artikel entstammt der im März 1998 erschienenen Ausgabe eigentümlich frei Nr. 1 


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