20. Juli 2010

Wieder gelesen – Heute vor zehn Jahren in eigentümlich frei Nr. 11 (Juli 2000) Tierrechte?

Was halten Tierschützer eigentlich von Menschenrechten?

Die Idee scheint unaufhaltsam auf dem Vormarsch – die Idee der Rechte des Tieres. Die Lobbies, die sich diesem Anliegen verschrieben haben, sind mittlerweile so stark und wohlorganisiert, dass die Politik schon eifrig mit legislativen Liebesbezeugungen reagiert, um ihre Herzen zu gewinnen. In einigen Bundesländern wurde bereits der Tierschutz als Verfassungsziel verankert. Im Bundestag verfügt die Idee immerhin schon über die einfache Mehrheit; lediglich der Umstand, dass für Verfassungsänderungen eine qualifizierte Mehrheit nötig ist, hat die Verankerung auch auf Bundesebene verhindert. Und es sind nicht nur „linke Spinner”, die zu den Befürwortern im Bundestag gehören, sondern auch bürgerliche Politiker.

Die Gegner scheinen schon innerlich kapituliert zu haben. Nicht mehr so recht an die Macht der eigenen Argumente glaubend, ziehen sie sich in der öffentlichen Diskussion auf verfassungstechnische Positionen zurück – etwa, dass man Verfassungen nicht mit Staatszielen überfrachten sollte (zweifellos richtig) oder, dass man dadurch ja nicht viel erreichen würde (was gar nicht gesagt ist).

Ist dieser Defaitismus angebracht? Könnte es nicht sein, dass die Gegner von „Tierrechten” auch über gute Argumente in der Sache verfügen? Lässt sich nicht vielleicht manch einer von der Wucht und der Emotionsgeladenheit des Auftretens der Befürworter einschüchtern? Wer will schon im Rufe stehen, ein Tierquäler zu sein?

Die Frage nach den Rechten des Tieres verdient, dass man ihr nachgeht. Dabei sollte man zunächst einmal klären, was denn überhaupt „Rechte” sind und wie man sie begründet – bevor man sie den Tieren verleiht. Bei Rechten handelt es sich um die allgemeine Definition jener Sphäre, die Eigentum des betreffenden Lebewesens (bisher aber jedenfalls nur Menschen) ist, die durch das Handeln anderer unantastbar sein soll.1  Im Grunde sind sie mit dem Begriff „Freiheit” zu identifizieren. Man hat diesen Rechten bisweilen auch das Prädikat „natürlich” zugestanden, was aber – wie sich zeigen wird – gerade in der Diskussion um Tierrechte Konfusion erzeugen muss. Rechte sind nicht notwendig gültig wie physikalische „Naturgesetze”: Im rein biologischen Sinne sind sie ebenfalls kaum als „natürlich” – etwa im Sinne von „angeboren” – zu bezeichnen, weil der Evolutionsprozess, unter dem das Instinktleben von Kreaturen entstanden ist, sich nicht unbedingt und immer an normative Kriterien hält.

Rechte sind also zu allgemeinen Handlungsimperativen gewordene rationale Beurteilungen über gut und böse. Wer den rationalen Moraldiskurs haben will, muss das Eigenrecht der Träger dieses Diskurses respektieren. Dies ist kein Beweis für ihre Gültigkeit. Zyniker und Gewaltmenschen können schlichtweg die Notwendigkeit einer über dem Egoismus stehenden Moral leugnen. Es handelt sich daher bei der Idee von „Rechten” eher um eine Setzung oder Abmachung von Menschen untereinander, sich gegenseitig die maximale und gleiche Freiheits- und Eigentumssphäre zuzugestehen.

Es ist zu fragen, ob diese Idee in irgend einer Form tatsächlich auf Tiere anwendbar ist. Der wohl anspruchsvollste Verfechter dieser Idee, der australische Philosoph Peter Singer, meint in seiner „Praktischen Ethik” (Practical Ethics, 1979), dass Tiere, um Träger von Rechten zu sein, als Einzelwesen zwei Bedingungen erfüllen müssten. Erstens: Sie müssen Schmerz empfinden können, d.h. durch Gewalt leiden. Zweitens: Sie müssten in Zeithorizonten denken und sich selbst als personale Existenz begreifen können.

Diese beiden Argumente klingen auf den ersten Blick tatsächlich wie die klassische (christliche) Naturrechtslehre, die allerdings solches nur dem Menschen zugestand. Rechte hätte man demgemäß, weil man prinzipiell der Vernunft zugänglich sei. Man fragt sich also in der Tat, warum intelligente Tiere (Schimpansen, Delphine etc.) nicht auch Träger von Rechten sein könnten. Eine genauere Betrachtung dieses naturrechtlichen Argumentes zeigt allerdings deutlich auf, warum dies nicht der Fall sein kann. Die alten Naturrechtler hatten eine wesentlich umfassendere Konzeption von Vernunft als wir sie in unserem auf technische Rationalität hinauslaufenden Denken verfechten. Sie ging auch über Singers Kriterium der „Personalität” hinaus, denn sie beinhaltete bereits die Erkenntnis der göttlichen und unabänderlichen Moralgesetze. Die Vernunft befähigte uns demnach, überhaupt erst Rechte als solche zu erkennen. Die Menschen wurden ganz generell „idealtypisch” als wesensmäßig moralfähig definiert – und damit insgesamt als Träger von Rechten.

Auch wenn wir heute nicht unbedingt mehr an die Göttlichkeit von Moral glauben, so bleibt doch als wesentlicher Punkt bestehen, dass jede Definition von Rechten nur dann sinnvoll ist, wenn man der Spezies generell die Fähigkeit zusprechen kann, dass sie zu verstehen in der Lage ist, was Rechte sind. Auch hier genügt bloße „Personalität” nicht. Sie müssen ihre Entscheidungsverantwortung gegenüber den Rechten erkennen können und diese Rechte müssen in irgend einer Form justitiabel sein. Ihre Durchsetzbarkeit muss universell wünschbar sein. Man muss in irgendeiner Form Schuld oder Unschuld bei Rechtsbrüchen als solche ahnden können.

Ob eine solche Konzeption bei Tieren greift, ist – gelinde gesagt – höchst zweifelhaft. Dies hat nichts mit krudem „Anthropozentrismus” zu tun. Man könnte sich etwa friedliche und intelligente Wesen aus dem Weltall vorstellen, deren Rechte man demgemäss respektieren müsste. Aber Tiere? Hat der Löwe, der ein Kleinkind tötet, eine Idee, dass er dabei „Rechte” verletzt? Es kann im Einzelfall Menschen geben, die das auch nicht wissen; die Spezies Mensch ist aber dennoch zur Setzung von Rechten fähig. Schon allein, weil der Idee der „Tierrechte” jede Möglichkeit des Gedankens einer gegenseitigen möglichen Anerkennung von Rechten fehlt, scheint sie absurd. Sie hat keinerlei Abmachungscharakter.

In Wirklichkeit könnte es sogar sein, dass sich die Verfechter von „Tierrechten” genau dessen schuldig machen, was sie ihren Gegnern vorwerfen, nämlich des vielgeschmähten „Anthropozentrismus”. Das Moralkonzept von „Rechten” in Tiere hinein zu projizieren, läuft jedenfalls genau darauf hinaus. Dabei hatten nicht ohne Grund Tierfreunde etwa dafür plädiert, den moralisch wertenden Begriff „Raubvogel” aus dem Gebrauchsvokabular zu nehmen, um statt dessen den Begriff „Greifvögel” einzuführen. Ein Vogel weiß schließlich nicht, was „Raub” ist. Es wäre zum Beispiel eine abstruse Idee, ihn wegen eines Hühnerdiebstahls gerichtlich zu belangen.

Dass Tiere selbst keine Vorstellung von Rechten haben, hat eine unerwartete Konsequenz. Es macht „Tierrechte” zu einem rein innermenschlichen Konzept. Nicht Tiere sind Rechtsträger, sondern Menschen beschränken einander ihre Rechte im Namen der Tiere (jedenfalls hat man noch nie gehört, dass etwa Tierfreunde Tiere der Tötung anderer Tiere beschuldigen, obwohl hier manchmal ein erhebliches Maß an Grausamkeit ins Spiel kommt, wie jeder weiß, der einmal Katzen mit ihren gefangenen Mäusen „spielen” sah). Tatsächlich geht es also darum, Menschen bestimmte Optionen zu verbieten, obwohl sie mit der Ausübung dieser Optionen nicht die Freiheits- und Eigentumssphäre anderer Menschen verletzen. Das raubt dem Begriff von Rechten fast jeden klar erkennbaren Sinn. Es könnten ungeheuere Eingriffe in die Rechte von Menschen so gerechtfertigt werden. Selbst wenn man die Folgen in abstruser Überspitzung darstellt, sind sie immer noch durch die Idee der „Tierrechte” abgedeckt: Sollte man einem Menschen im Namen des Tieres die lebensrettende Transplantation einer Schweineniere (durchaus medizinisch denkbar) verweigern? Brauchen wir eindeutige Hinweise des Konsenses der Kühe, um sie melken zu dürfen? Dürfen wir keine Lederschuhe tragen? (Dass gegen das Tragen von Lederschuhen so wenig Protest zu hören ist, liegt wohl eher daran, dass sich Pelzmäntel-träger(innen) besser als Feindbild eignen, weil man dabei noch an niedrige Neidinstinkte appellieren kann. Das gleiche gilt für die Kampagne gegen Fuchsjagden in England.) Sind alle Nichtvegetarier Mörder oder Mordkomplizen? Sollten sie entsprechend mit lebenslanger Haft (bei uns) oder gar durch Hinrichtung (in den USA) bestraft werden? Sollten auch die Händler, die einem Metzger das Messer verkauft haben, als Handlanger verfolgt werden? Eindeutig: Wer es mit „Tierrechten” konsequent ernst meint, hat ein gebrochenes Verhältnis zu Menschenrechten.

In der Tat gibt es bereits extreme Tierschützer, die verkünden, dass die Menschheit ein bösartiger Fremdkörper in der Natur sei, und daher besser aussterben solle.2  Tierschutzaktivisten nehmen bei „Befreiungsaktionen” zunehmend die Beschädigung von Eigentum und Personen in Kauf. Nur die wenigsten Tierfreunde würden indes so weit gehen. Sie würden abstufen. Dies tut auch Peter Singer mit seinen beiden Grundbedingungen für „Rechte” – Schmerzempfinden und Personalität. Daraus, so meint er, ergäben sich Abstufungen. Tiere mit Schmerzempfinden dürften zwar getötet werden, aber möglichst schmerzfrei und nicht sinnlos. Tiere, die schon Personalität entwickeln, genießen bereits höheren Lebensschutz. Singer hat sich das – leider oft in Intoleranz ausartende – Missfallen vieler Kritiker zugezogen, weil er meint, hochentwickelte Tiere hätten ein vergleichbares Lebensrecht wie etwa Babys, die ohne Aussicht auf Heilung behindert geboren wurden, und die zu einem vegetierenden (vernunftunfähigen, mit geringer Personalität ausgestatteten) und schmerzhaften Leben verurteilt seien. Obwohl der Vergleich zur Euthanasiepolitik der Nationalsozialisten, den Singer-Gegner gerne als Kritik anführen, sicher über das Ziel hinausschießt, ergeben sich gerade aus dieser differenzierten Abstufung neue Probleme.

Beginnt man erst einmal mit der Abstufung von Rechten, so verschwimmen die Grenzen zwischen legitimer und illegitimer Erzwingbarkeit von Rechten. Es macht durchaus Sinn, die Idee von Rechten als eine an die Spezies Mensch gebundene Vorstellung zu setzen. „Anthropozentrismus” ermöglicht hier eine klar definierte Grenze zwischen nicht rechtsfähigen und idealtypisch rechtsfähigen Wesen. Dass man den Menschen dabei „idealtypisch” (als Spezies) definiert, verhindert, dass Lebensrechte erst nach einer Prüfung des individuellen Mündigkeitskoeffizienten willkürlich festgelegt werden.3 

Das unterscheidet auch Singer, der Rechte an die Fähigkeiten spezifischer Individuen knüpft, von den klassischen Naturrechtlern, die sie immer als kollektive Rechte sahen. Rechte machen nur Sinn, wenn nicht willkürlich über sie verfügt werden kann. Außerdem müssen sie universell sein. Damit soll nicht geleugnet werden, dass es de facto unterschiedliche Intelligenzen, Personalitäten oder Mündigkeitsgrade gibt. Sogenannte „Geisteskranke” bedürfen meist wirklich der Betreuung (wobei Zweifel an der Legitimität der Zwangspsychatrie angemeldet werden sollten). Es spricht auch nichts gegen das Erziehungsrecht der Eltern über Kinder. Es beinhaltet im Übrigen auch keinen Verstoß gegen ein idealtypisch für alle Menschen gesetztes Menschenrecht. Kinder nutzen das Eigentum der Eltern, die daran durchaus  Bedingungen knüpfen können. Der von der 68er-Generation gehasste Ausspruch ist in Wirklichkeit das Fundament des Erziehungsrechts: „Du tust das nicht, solange du die Füße unter meinem Tisch hast!”.4 

Eine vernünftige Theorie der Rechte kann nicht Abstufungen im Sinne Singers hinnehmen. Auch wenn es innerhalb der menschlichen Spezies de facto Abstufungen im realen Mündigkeitsgrad gibt (es ist sogar wahrscheinlich, dass es Niemanden gibt, der immer und jederzeit vollständig urteilsfähig und tugendhaft ist), so bleibt es dennoch eine rationale Strategie, den Menschen allgemein als prinzipiell moralbegabt zu definieren. Auch bei faktischer Ungleichheit persönlicher Moralität unter den Menschen kann und muss die Theorie von Rechten eine normative Gleichheit und Allgemeinheit aufweisen, um so nicht zum Gegenstand „konsequenzialistischer” Erwägungen zu werden (kein Wunder, dass Singer zum Beispiel bekennender Konsequenzialist ist). Es ist dann möglich, ja wohl unvermeidlich, dass sich dann der Schutz durch Rechte auch auf Individuen erstreckt, denen man de facto ein eingeschränktes moralisches Auffassungsvermögen attestieren muss. Immanuel Kant hat es präzise erfasst, als er meinte, dass ein Recht nur gültig sei, wenn alle  Menschen ihm zustimmten könnten. Es handelt sich also um einen hypothetischen Konsens, der seine Allgemeinheit nicht als Faktum, sondern als Postulat erhält. Deshalb sind Rechte nur als Verallgemeinerungen denkbar, die nicht durch „praktische” (d.h. auf die vermeintliche Logik von Einzelfällen basierende) Vernunft permanent relativiert werden dürfen, ohne ihre Funktion als strikte normative Maßstäbe zu verlieren. Eine Diskussion um den Ausschluss von individuellen Menschen oder Menschengruppen5  aus dem „consensus juris”, die bei der Aufnahme von Tieren in die Gemeinschaft der Rechtsträger notwendigerweise aufkommen muss, widerspräche diesem Gedanken. Es müsste ein ständiger Vergleich mit den Personalitäten, Schmerzempfindsamkeiten und moralischen Qualitäten zwischen Menschen untereinander und Menschen mit Tieren erfolgen, um festzustellen, wie die Rechte des Einzelnen konstituiert werden müssten. Man muss sich nur fragen, was für ein Bild vom Staat und seinen Kompetenzen am Ende solchen Denkens stehen müsste, um Zweifel an der Liberalität des ganzen Vorhabens zu bekommen. Es liegt in der Logik der Sache, dass Singer einen recht umfangreichen globalen Umverteilungsstaat favorisiert. Überhaupt ist antikapitalistisches Ressentiment ein wesentliches Charakteristikum der Tierrechtsbewegung. 

Bei Tieren würde eine allgemeine Setzung von Rechten keinen Sinn machen. Zumindest bis heute würde ein solches Postulat nicht zu den rationalen Erwartungen gehören, die man an Tiere richten könnte.  Entwickelten sich zu unser aller Überraschung innerhalb der nächsten Zeit eine Reihe von Individuen einer bestimmten Tierspezies in dem Sinne, dass sie mit uns in einen moralischen Diskurs und eine gegenseitige Rechtsbeziehung treten könnten, dann sollte man auch diese Spezies als solche in ihre Rechte einsetzen – und nicht nur einige Einzelexemplare. Theoretisch sind Tierrechte also vielleicht denkbar, praktisch aber gibt es auf dieser Welt keinen Grund, sie konkret zu postulieren.

Das Fazit lautet: Wer Tiere quält oder tötet, verletzt nicht per se Rechte, wer „Tierrechte” postuliert, hat zumindest eine unklare Haltung zu Menschenrechten. Dies ist kein Plädoyer für Grausamkeit (immerhin gilt: Nicht alles, was man darf, muss man tun). Es gibt außerhalb der Diskussion über „Rechte” Möglichkeiten für Milde. Der von vielen Tierfreunden als Gegensatz zu ihren Anliegen wahrgenommene „Anthropozentrismus” könnte hier hilfreich sein. Menschliche Interessenlagen und erzieherische Kulturideale wirken als Kräfte zugunsten von Tieren. Ökonomisch betrachtet ist das Tier für den Menschen schon längst nicht immer nur bloßer Nährwert – man denke an Haustiere, Tierparks, Naturschutzgebiete, Vereine zum Artenschutz und Ähnliches. Dies ist Ausdruck von kulturellen Werten, die sich langsam entwickelt haben. Sie sind völlig anthropozentrisch in sofern, als sie das Wohl des Menschen primär im Auge halten. Die Idee des Tierschutzes entsprang genau diesem Motiv.6 

Als im Jahre 1656 in England Oliver Cromwell die Bärenkämpfe verbot (eines der ersten Tierschutzgesetze überhaupt!), tat er dies nicht, weil er an „Tierrechte” glaubte. Vielmehr meinte er, Bärenkampfe trügen zur Verrohung bei und lenkten von der Liebesbotschaft Gottes ab. Auch in unserem säkularisierten Zeitalter sehen wir, dass eine Selbstbindung in Bezug auf Gewalt bei Tieren eine Schule des zivilisierten und friedvollen Umgangs der Menschen untereinander sein kann.

Diese Erkenntnis wird aber wohl den militanten Teil der „Tierrechte-Szene” kaum befriedigen. Sie lenkt im Übrigen auch nicht von der eigentlichen Erkenntnis ab: Vor dem Postulat der „Tierrechte” sollten wir weiterhin Vorsicht walten lassen. Die Befürworter müssen sich fragen lassen: Was haltet ihr eigentlich von Menschenrechten?

Fußnoten:

1 Es gibt natürlich noch andere Konzeptionen von Rechten, die sogar sinnvoll sein können. Dazu gehören „pragmatische” Rechte, die einfach feste und traditionelle Erwartungen an politische Macht darstellen, was aber keine brauchbar inhaltliche Definition beinhaltet (theoretisch gibt es in traditionellen Sklavenstaaten dann auch das Recht auf Sklavenhaltung). Auch hört man oft etwas über „positive” politische Rechte, etwa das Wahlrecht. Sie befinden sich, da sie eigentlich Machtsphären erweitern, oft in einem Spannungsfeld mit den oben genannten individuellen (liberalen) Abwehrrechten. Für die Debatte um Tierrechte spielt dies indes keine Rolle. Kein Mensch hat bisher das Wahlrecht für Kanarienvögel gefordert.

 2 So meinte vor einigen Jahren der amerikanische Biologe und Umweltaktivist David Graber: „Bis zu der Zeit, in der der Homo sapiens sich entschließt, zur Natur zurück zu kehren, können einige unter uns nur auf das richtige Virus hoffen.”

 3 Eine „idealtypische” (allgemeine/normative) Setzung zu Gunsten der menschlichen Spezies zur Vermeidung von übermäßigen juristischen Ermessensspielräumen würde auch Vorteile gegenüber einer anderen Argumentation gegen Tier- und für Menschenrechte haben. Diese Argumentation sieht etwa in Kindern, die noch einen unterhalb des bei hoch entwickelten Tieren üblichen Personalitätsgrad aufweisen (besonders bei ungeborenem menschlichen Leben), bereits das „Potenzial” zu einem mündigen Bürger. Abgesehen davon, dass es nach medizinischen Kriterien möglich ist, einem Menschen (z.B. einem unheilbar „Geisteskranken”) dieses „Potenzial” abzusprechen – und damit auch seine Rechte -, gibt es auch noch eine andere Schwierigkeit dabei. Da der Begriff „Potenzial” Annahmen über die Zukunft voraussetzt, ist er notwendigerweise sehr unscharf. Ein Beispiel: Baumsatzungen schützen etwa Bäume mit mehr als einem Meter Stammumfang. Müssten wir damit nicht auch zugleich den nur wenige Zentimeter kleinen Sprössling schützen, der ja auch „potenziell” ein großer Baum ist?

 4  Dies wirft die Frage nach der Haftfähigkeit von Kleinstkindern auf. In England galt noch bis tief ins 19. Jahrhundert eine Strafrechtspraxis, bei der sogar 2-jährige Kinder wegen eines Kleinstdiebstahls hingerichtet wurden. Solch barbarische Sitten sind gottlob zumindest in Europa vorüber. Abgesehen von der moralischen Fragwürdigkeit der Todesstrafe, die hier angeführt werden sollte, kann man natürlich das Verhältnis Eltern/Kind als eine freiwillige (quasi-vertragliche) Übernahme der Verantwortung der Eltern für die Untaten ihrer Kinder betrachten. Eine durch den Fußball des Kindes zerbrochene Scheibe wird dann von den Eltern bezahlt. Dies setzt aber ein libertäres Rechtsverständnis voraus, bei dem nicht Vergeltung durch den Staat, sondern die Restitution der Opfer im Mittelpunkt steht.

 5  Man bedenke, dass die Umdefinition bestimmter ethnischer Menschengruppen als „Untermenschen” zum Standardrepertoire rassistischer Argumentationen gehört.

 6 Zumindest in Deutschland ist dies letztlich im weitesten Sinne immer noch so. Selbst das geforderte Verfassungsrecht auf Tierschutz wird nicht als Tierrecht begründet, sondern als Staatsziel. Das menschliche Kollektiv zeigt damit lediglich, was es kollektiv für sich wünschenswert hält. Man könnte es in diesem Sinne mit dem Denkmalschutz vergleichen, der ja auch nicht Denkmalsrechte postuliert, was zweifellos ein absurdes Konzept wäre.  Hier mag sich allerdings immer noch ein Spannungsfeld zu Individualrechten auftun.


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