01. Juni 2010

Köhler Horst Wer? oder die Lafontaineisierung der Politik

Eine Nachlese zum Rücktritt des Staatsoberhaupts und Euro-Architekten

Anfang 2004 zauberten Guido Westerwelle und Angela Merkel einen gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aus dem Hut, der so unbekannt war, dass die Bild-Zeitung ihre Titelseite am nächsten Tag mit „Horst Wer?“ überschrieb. Dieser Horst Wer sollte als erster gemeinsamer Coup von FDP und Union sozusagen das Vorspiel für eine spätere schwarz-gelbe Koalitionsregierung sein.

Obwohl es in der folgenden Bundestagswahl anders kam, machte sich der Kandidat gut und avancierte schließlich sogar zum beliebtesten Funktionsträger unserer politischen Kaste. Auch seine Wiederwahl wurde von den Deutschen nicht nur wegen seiner bizarren Gegenkandidatin Gesine Schwan begrüßt, präsentierte er sich in der Öffentlichkeit doch sehr geschickt als eine Mischung aus Harry Callahan und Hans Rosenthal, der den ungeliebten Politikern auch mal politisch unkorrekt den Marsch blies und gleichzeitig sympathisch ungelenk volksnah war.

Die andere Seite des Horst Wer war aufgrund der guten Arbeit seines Pressebüros unter Pressesprecher Martin Kothé eher unbekannt. Der Präsident galt intern als launisch, ja jähzornig und ungerecht – das passte so gar nicht zu dem jugendlichen Lächeln vor der Kamera und wurde eine zeitlang perfekt wegretuschiert. Die Fassade begann denn auch folgerichtig zu bröckeln, als es zwischen Martin Kothé und dem neuen Chef des Bundespräsidialamtes Hans-Jürgen Wolff zu einem Machtkampf kam, der zu einem tiefen Zerwürfnis innerhalb des gesamten Mitarbeiterstabes des Präsidenten führte.

Nachdem die Vorgänge in Schloss Bellevue zunehmend an die Öffentlichkeit durchsickerten, eskalierte die Situation weiter, so dass Kothé schließlich seinen Hut nahm. Mit ihm gingen viele seiner Mitarbeiter, so dass der Präsident genau den Teil seiner Truppe verlor, der sein Medienimage aufgebaut und gepflegt hatte.

Folgerichtig zog sich der Präsident zurück und vermied es in den Wochen, die auf den Abgang von Kothé folgten, weitgehend, in der Öffentlichkeit Angriffsflächen zu bieten. Sein beredtes Schweigen in den schweren Turbulenzen der Euro-Krise ist sicher zum Teil dadurch zu erklären. Zumal er sich hier auch persönlich in ein Minenfeld begeben hätte. Mehrmals ist ihm in den letzten Wochen sein Zitat aus dem Jahre 1992 unter die Nase gehalten worden: "Es wird nicht so sein, dass der Süden bei den sogenannten reichen Ländern abkassiert. Dann nämlich würde Europa auseinanderfallen. Es gibt eine 'no bail out rule'. Das heißt, wenn sich ein Land durch eigenes Verhalten hohe Defizite zulegt, dann ist weder die Gemeinschaft noch ein Mitgliedsstaat verpflichtet, diesem Land zu helfen.“

Damals war er maßgeblich an der Schaffung der Kunstwährung beteiligt und beteiligte sich durchaus ambitioniert daran, Kritiker mundtot zu machen. Der Mann, der auch als Präsident gerne Kritik an seiner Kaste übte, war nun seltsam still als es um einen für dieses Land existentiellen Vorgang ging, den auch er mitverschuldet hatte.

Die Größe, auch an sich selbst Kritik zu üben und demütig einzugestehen, dass auch er sich damals geirrt hatte, vermisst man nun bei ihm. Es ist mehr als eine Vermutung, dass er sich dieses Versagens durchaus bewusst ist. Ein Kothé hätte ihm vielleicht sagen können, wie er selbst aus dieser Misere einen PR-Coup hätte machen können. Aber der ist weg und das Restpersonal im Präsidialamt unerfahren oder zerstritten.

Die Kritik an seiner Afghanistan-Rede war dann endgültig zuviel für den dünnhäutigen Mann – er warf die Brocken hin. Fatal erinnert das an die erbärmliche Flucht eines gewissen Oskar L. aus Amt und Würden und vermittelt einmal mehr den Eindruck, dass unsere Politkaste entweder aus Leuten besteht, die lieber ihre Oma verhökern würden als auf ein Pöstchen zu verzichten oder aus solchen, die selbstverliebt ihre Narzissmen pflegen und bei Wind von vorn beleidigt schlapp machen. Man fragt sich, was erbärmlicher ist.

Was nun kommt ist das übliche widerwärtige Geschacher um den Posten mit den üblichen Einlassungen der Verlierer, die andere Seite habe dadurch „die Würde des Amtes“ beschädigt.
Als ob das bei einer Position, auf der sich zumeist abgehalfterte Politrentner ihren Lebenstraum als Gruß- und Reiseonkel erfüllen überhaupt noch möglich wäre. Der ermüdete Beobachter jedenfalls ertappt sich schließlich dabei, wie er sich eine konstitutionelle Monarchie unter Georg Friedrich Prinz von Preußen herbeisehnt, damit das alles endlich ein Ende hat.

Mit Horst Wer jedenfalls hat einmal mehr ein hoher Funktionsträger und Repräsentant gezeigt, dass er seine eigene moralische Messlatte beim ersten Versuch reißt. Und er hat damit nicht nur dem Amt, seinem Ruf und seiner Kaste schweren Schaden zugefügt: Angesichts der desolaten Lage der Regierungskoalition wäre es durchaus möglich, dass das jetzige Ende des Anfangs des gelb-schwarzen Projekts zugleich auch den Anfang vom Ende der Koalition selbst markiert.


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