15. Juni 2010

Staatsoberhaupt Verwöhnen statt schalten

Christan Wulff, der ehrlichere Präsident

Präsident der BRD könnte auch mein Hund werden. Ich stehe mehr auf Katzen. Kurz: Zu sagen hat der Bursche eh nichts, der Präsident ist lediglich ein teurer Grüß-August. Dennoch wollen viele Deutsche einen Ersatz-Kaiser und machen sich ernsthaft Gedanken, ob nun Wuff oder Gauck der bessere Präsident wäre. Dank des akuten Kasperle-Theaters der Regierung ist die Wahl sogar offen, wenn der Präsident nicht so unwichtig wäre, könnte man sogar „spannend“ sagen. Orakeln wir also mit, nicht wer gewählt wird, sondern wer besser wäre.

Der gemeine Deutsche ist den Parteienhader schon lange leid, und anders als beim letzten mal hat er auch einen Grund: Die Programme aller Parteien sind identisch. Die reale Umsetzung auch. Das Gezänk ist dermaßen offensichtlich ein Schaukampf, dass es täglich mehr Leute anekelt. Was der Deutsche nun für seine Seele braucht, ist der vom organisierten Polit-Betrieb unbefleckte Deus-ex-machina, der aus den Wolken herabsteigt und mit ruhiger Hand Sicherheit verheißt. Jemand, der versöhnt und beruhigt. Jemand von hoher Integrität, der diese Integrität in das höchste Amt einbringt. Dass so jemand Chancen im Klüngel-Zirkus der Parteien hätte, ist selten genug. Lediglich aus der Chancenlosigkeit der Rest-Volkspartei heraus konnte Joachim Gauck aufs Panier gehoben werden. Er ist der Mann, den der Deutsche zur Beruhigung und Versöhnung heute braucht. Wer den gemeinen Deutschen heute wieder mit dem Staat versöhnen will, der braucht Gauck, und Gauck wäre in der Lage, die Volksseele zu streicheln.

Dummerweise wäre diese Tünche so viel wert wie frischer Lack auf einem verrosteten Trabbi. Wer als Untertan und Steuersklave auf das Heil aus dem Schloss Bellevue hofft, dem ist schlicht nicht mehr zu helfen. Am Tag nach der Wahl von Joachim Gauck wäre die Regierung noch die gleiche Gurkentruppe wie heute, die Staatsschulden wären nicht kleiner und der Euro nicht stärker. Und selbst wenn Zonen-Angie darob in die Knie ginge, dürfte ihr Nachfolger genauso sozialdemokratisch sein wie sie, und noch mehr „sparen“, was ja wohl das neue Wort für Steuererhöhung ist. Wer also Zuspruch braucht, dem seien geistlicher Zuspruch und der Verweis auf das Heil im Jenseits als die ehrliche Alternative empfohlen. Wer auf die Geistlichkeit nicht mehr anspricht, dem seien geistige Getränke empfohlen, aufgrund der geringeren Steuerlast bevorzugt Wein. Joachim Gauck wäre lediglich Opium fürs Volk.

Anders dagegen Christian Wulff. Nachdem er jahrelang in Niedersachsen den damaligen Ministerpräsidenten Schröder angebellt hat, hat dieser sich vor Schreck ins Berliner Kanzleramt verabschiedet. Rasch konnte Wulff danach Chef der niederen Sachsen werden. Und da er auch nicht schlechter war als die anderen, ist er es heute noch. Durch irgendwelche inhaltlichen Aussagen hat er sich nie exponiert, so dass er selbst der konturlosen Angela das Wasser reichen kann. Von Christian Wulff erwartet niemand etwas anderes, als ein ebenso konturloser Präsident zu sein wie vorher ein konturloser Ministerpräsident, und ebenso unwichtig wie Carstens und Scheel, nur dass er weder wandern noch singen kann. Ein Pöstchenkleber, der schon vor seiner Wahl die Verfassung vergewaltigt, um ja nicht vor der Stimmauszählung in der Bundesversammlung seine Pfründe in Hannover abgeben zu müssen. Ein Kandidat aus der Politshow, abgeschoben auf eine neue Pfründe, wo er einen Maulkorb trägt, und so wenigstens die Kanzlerin nicht mehr beißen kann.

Gönnen wir Joachim Gauck also seinen Ruhestand, und schicken wir den relativ ehrbaren Mann nicht in das fruchtlose Abenteuer als Pausen-Clown. Die Deutschen wünschen sich Gauck, doch sie verdienen Wulff. Wulff repräsentiert das System mit einem Erfolg wie kaum ein anderer, er ist eine Gallionsfigur des Parteien-Staates. Er passt ins System. Christian Wulff ist der ehrlichere Präsident. Da weiß man, was man hat.


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