05. Juli 2010

Afrika Hakuna Matata

Die Bürde des gelben Mannes

Es ist schon eine Zeitlang her, da saß ich mit meinem alten Freund Dawie van Zyl auf der Veranda einer kleinen Lodge am Ufer des Sambesi. Dawie ist Südafrikaner und Ingenieur. Er arbeitete damals im Straßenbau des wirtschaftlich aufstrebenden Sambia. Er hatte gerade wieder einige Wochen im Busch verbracht und war heilfroh, jetzt mal ein wenig ausspannen zu können.

„Die Zeiten sind hart“, grummelte er und starrte in seinen Sundowner. „Unten am Kap hast Du als weißer Mann kaum noch eine Chance – dort herrscht jetzt die Affirmative Action, die eigentlich nichts anderes ist als eine umgekehrte Apartheid. Und hier machen die Chinesen Probleme.“

„Die Chinesen?“, fragte ich erstaunt, woraufhin er mir einen kleinen Exkurs darin gab, wie man in Afrika einen lukrativen Staatsauftrag an Land zieht. Es sei völlig normal, dass dem entsprechenden Entscheidungsträger – der mit Sicherheit mit „ganz oben“ verwandt sei – zum Beispiel ein nagelneuer Mercedes G vor die Tür gestellt werde, um ihm, nun ja, die Entscheidung etwas leichter zu machen. Das sei Usus unter allen Bewerbern – egal ob sie aus Afrika, Asien oder aus dem korruptionsscheuen Mitteleuropa kämen.

Aber die Chinesen, die setzten noch einen drauf: Die würden Angebote abgeben, bei denen einfach niemand mehr mithalten könne. Und so immer mehr Terrain gewinnen. Er habe schließlich mal nachgeforscht, wie die Chinesen zu diesen Konditionen Straßen bauen könnten, die qualitativ gar nicht schlecht seien. Das chinesische Modell sei etwas unkonventionell, aber dafür umso effektiver: Die Chinesen beschäftigten nämlich nicht wie eigentlich für alle ausländischen Firmen vorgeschrieben einheimische Arbeiter. Nein, sie flögen chinesische Strafgefangene ein, die sozusagen bei Wasser und Brot umsonst arbeiten müssten. Moderne Sklavenarbeit also. Hakuna Matata – kein Problem.

Seit dem WM-Start wird sie uns wieder in die heimischen Wohnzimmer gebracht, die exotische Idylle am Kap. Und natürlich werden für die etwas Interessierteren die einschlägigen Geschichtskonserven aus der Giftküche des Guido Knopp geöffnet, deren Mantra nicht nur auf Deutschland gemünzt lautet: Früher war alles schlechter.

Für Nuancen und Schattierungen aller Art ist in solchen pseudohistorischen Fernsehbeiträgen kein Platz. Eine schmerzvolle Erfahrung gerade von uns Deutschen. Vielleicht ärgern mich diese volksbelehrenden Plattheiten auch genau deshalb so. Es ist nämlich nicht so, dass die Gegenwart gut sein muss, nur weil in der Vergangenheit etwas schlecht war.

Diese Erkenntnis trifft nirgendwo mehr zu als in Afrika, vor allem in Südafrika. Es gibt dort unten am Kap viele und bei weitem nicht nur weiße Menschen, die es als zutiefst frustrierend empfinden, dass gefährliche und negative Entwicklungen wie die zunehmende Unterdrückung von Minderheiten, explodierende Korruption und Inkompetenz, massive Abwanderung von Fachkräften, ungezügelte und politisch gewollt destabilisierende Einwanderung und nicht zuletzt überwiegend kriminelle Sicherheitskräfte vom Westen ausgeblendet werden.

Genau genommen, so sagen sie, stiehlt der Westen sich hier aus der Verantwortung, indem er die Verhältnisse schönredet, die er mit herbeigeführt hat. Und dort, wo sich der Westen mit dieser Doppelmoral diskreditiert, öffnen sich die Tore für den chinesischen Neokolonialismus, der sich vor allem für die rohstoffreichen und geostrategisch wichtigen Staaten Afrikas interessiert und weitaus weniger moralische Skrupel zeigt als der schwächliche Westen.

Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis der Westen auch am Kap das Rennen verloren hat. Hakuna Matata – wer weiß, ob sich die vielen Verlierer dort unten dann nicht wieder die schlechten alten Zeiten herbeisehnen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Yorck Tomkyle

Über Yorck Tomkyle

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige