30. August 2010

Nadja Benaissa, die AIDS-Täterin Dem Staatsanwalt sein Horst

Ja, wo leben wir eigentlich?

In den 80ern wurde AIDS modern, man konnte sich gruseln, und alle waren sich sicher, dass im Jahre 2000 allenfalls katholische Nonnen nicht ins Siechtum verfallen sein würden. In dieser tollen Stimmung kam dann von einem bayerischen Politiker der Vorschlag, man möge HIV-Infizierte doch zwangsweise tätowieren, um mögliche Sexualpartner zu schützen. Damit nicht jeder merkt, dass es sich bei diesem Vorschlag um die Steigerung von Judenstern handelt, sollte die Tätowierung wohl auf dem Hintern angebracht werden. Mit züchtiger Badekleidung wäre so der Mallorca-Urlaub weiter möglich, während bei Besuch der Schwulen-Sauna die Mitschwitzenden offenbar die Zeichen der Zeit lesen sollten, um vor- und nachgängig zur Domestos-Flasche zu greifen.

Was geht eigentlich in den Gehirnen von Männern vor, die sich so etwas ausdenken?

Nadja Benaissa war, wie wir der Presse entnehmen, mit verschiedenen Männern im Nest. Wollen wir das wissen? Oder soll das nicht lieber das süße Geheimnis zwischen ihr und ihren Lovern bleiben? Zumindest einer der Herren, nennen wir ihn Horst,  meinte das nicht. Überhaupt nicht Gentleman-like erstattete Horst Strafanzeige. Nadja sei HIV infiziert, und er habe sich dort angesteckt. Das Delikt heißt gefährliche Körperverletzung. Ja hätten sich die Bayern doch damals durchgesetzt, dann hätte Horst im entscheidenden Moment das Unheil bemerkt, sich nicht infiziert, und Nadja wäre nicht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Was geht in einem Horst vor, sein Intim-Leben vor Gericht zu tragen? Was geht eigentlich in Richtern vor, die solche Urteile fällen? Welche unheilige Tradition steckt dahinter? Haben wir die Hexenprozesse nicht hinter uns? War nicht einmal die Wohnung heilig, und heben wir in Europa uns vom dumpfen Afghanistan nicht dadurch ab, dass es den Staat nichts angeht, was zwei mündige Menschen freiwillig miteinander im Bett treiben?

Keineswegs ist die Aufklärung im Staat angekommen, wie die unselige Tradition des „Bockscheins“ oder „Deckels“ zeigt. Noch heute müssen Österreichische Prostituierte wöchentlich für den Arzt die Schenkel spreizen, eine Unsitte, die in Deutschland 2001 abgeschafft wurde. Denn, und da liegt des Pudels oder des Staates Kern, keineswegs darf der erwachsene Mensch die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen, muss er doch „vor sich selbst geschützt“ werden.

Fast würde ich mir wünschen, es gäbe den von Gallo propagierten Zusammenhang zwischen HIV und AIDS wirklich, und die Deppen die sich anstecken, würden so vom Markt genommen, eine wahrhaft ökonomische Lösung des „Seuchenproblems“. Denn Horst wusste genauso wie jeder andere arme Willi im Puff, dass man sich bei gewissen Intimitäten auch mit gewissen Krankheiten anstecken kann. Ein Risiko des Lebens, das nur begrenzt beherrschbar ist. Noch im Zweiten Weltkrieg war der deutsche Landser verpflichtet, sich nach dem Bordell-Besuch zu einer „Sanierung“ zu melden, alles andere galt als Selbstverstümmelung. In dieser Tradition stehen die Vorschläge zur Tätowierung, Zwangsuntersuchungen für Prostituierte und der unselige Prozess gegen Nadia.

Und wie geht es weiter? Ich bin zu wenig Expertin, als dass ich wüsste, bei wem ich mich mit der Volkskrankheit angesteckt habe. Bei Mama oder beim ersten Kuss mit meiner Jugendliebe? Wenn kann ich jetzt straf- und zivilrechtlich verfolgen, wenn mein Zahnarzt die grausame Diagnose stellt: Karies? Darf ein Karies-positiver Mann eine volljährige Frau erst dann küssen, wenn er weiß, dass sie schon infiziert wurde? Darf ich bei Schnupfen mit dem Tram fahren?

Oder steht hinter der ganzen Aktion schlicht der Anspruch fetter, alter, reicher Männer, die auf staatlich geprüfte keimfreie Nutten setzen? Der Anspruch der pseudo-Anständigen, die wohl billigen Spaß, aber keine Verantwortung haben wollen?

Wünschen wir also Nadia, dass sie die nächsten zwei Jahre ihrer Bewährungsstrafe in einer festen Beziehung verbringt, dass sie nicht wieder auf einen Horst hereinfällt. Wünschen wir ihr weiterhin die Lektüre eines Werkes von Peter Duesberg. Und möge der Staatsanwalt demnächst seinem persönlichen Horst begegnen.


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