Julia Bug

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Zu Guttenberg: Der Märchen-Onkel

von Julia Bug

Doktorspiele auf hohem Niveau

Was mir an der ganzen Causa Guttenberg auffällt, ist die Hartnäckigkeit, mit der alle Beteiligten lügen. Selbst wenn es schon die Spatzen von den Dächern pfeifen, war in der jeweiligen Selbstdarstellung alles ganz anders. Dabei ist das demokratische System doch mal explizit darauf ausgelegt, dass es eine Opposition hat, und es ist genau Aufgabe der Opposition, den Regierenden auf die Finger zu schauen. Nicht dass ich Gysi oder Trittin für besser halte als der Kanzlerin Lieblingsschnösel; es ist einfach der Job der Opposition, die Steilvorlagen des Ministers umzusetzen. Wie man in dieser Situation, wissend um die Aufgabe der Opposition und gegen die halbe Welt auf Wahrheitssuche, derartig lügen kann, ist beeindruckend. Dahinter scheint das Prinzip zu stecken, der Wähler sei eben nicht dumm, sondern dümmer. Und da hat der Minister recht, denn sonst hätten sie sein Ministeramt ja nicht per Wahl ermöglicht.

Fassen wir den Ablauf mal zusammen. Als die ersten Plagiate entdeckt wurden, gab es die große Leugnung und Zurückweisung. Erst als die Netzgemeinde mit Unterstützung durch die geprellten Verlage hunderte von Beweisen aus ebensovielen Seiten Geschwafels zusammengetragen hatte, besann der Minister sich innert zweier Tage und unter Anleitung seiner Chefin, dass er offenbar doch Fehler gemacht hatte. Logisch erklären lässt sich das wie folgt:

a) der Minister hat einfach nicht gewusst, wie man wissenschaftlich arbeitet, Frau Merkel hat es ihm erklärt
b) der Minister litt über mehrere Tage hinweg unter Demenz, Frau Merkel hat sein Gedächtnis dann durch leichte Schläge auf den Hinterkopf reaktiviert
c) der Minister hat so lange gelogen, bis die Beweise so erdrückend waren, dass er reagieren musste.

Schauen wir uns die drei Vorschläge an, so hat der Vorschlag a) einen gewissen Charme. Schließlich hat Guttenberg sein 1. Staatsexamen wohl nur mit Mühe bekommen, und zum 2. Staatsexamen hat es nicht gereicht. Dennoch: wenn er nicht schon seinen ersten Seminarschein von Ghostwritern hat fertigen lassen, sollte er informiert gewesen sein. Und da Frau Merkel ihre Heilmethode noch nicht hat patentieren lassen, fällt Lösung b) ebenso aus. Bleibt also c).

Einem anständigen Menschen wäre das ganze nun peinlich. Ein schneller Abgang würde die offenen Fragen in den Hintergrund stellen. Doch solange der Minister im Amt bleibt, wird natürlich nachgeladen. Und da stellen sich noch mehr Fragen. Wie konnte dieser Mann überhaupt zum Doktoranden-Studium zugelassen werden, und warum haben seine Prüfer von dem dreisten Coup nichts gemerkt?

Laut Presse hatte Guttenbergs Examensnote kein Promotionsrecht begründet. Einige Promotoren aus der CSU haben sich jedoch für ihn starkgemacht. Außerdem saß Guttenberg im Aufsichtsrat eines Unternehmens, das seine Uni gesponsert hat. Ist es Zufall, dass er trotz schlechten Examens mit einer zusammengepfuschten Dissertation mit Bestnote promoviert wird? Die allgemeine Lebenserfahrung spricht gegen solche Zufälle.

Damit kommen wir zur letzten Frage, die zu klären der Minister unter Androhung juristischer Maßnahmen zu verhindern sucht: wer hat dieses Machwerk verfasst? Und hier komme auch ich ins Grübeln, denn die professionellen Ghostwriter haben wohl genug Anstand, ordentliche Arbeit abzugeben, auch wären sie sonst nicht mehr lange im Geschäft. Es bleiben also von vornherein nur zwei Möglichkeiten, nämlich Guttenberg hat das Machwerk selbst plagiiert, oder er hat sich das von Freunden und Verwandten zusammenstoppeln lassen. Das Verhältnis des Ministers zur Wahrheit spricht für letztere Lösung, die Qualität der Arbeit lässt mich jedoch ausnahmsweise an die Aufrichtigkeit des Mannes glauben: so schlecht ist nur er selbst.

Denn was wir bisher von ihm gesehen haben, ist doch durch die Bank peinlich. Sein CV ist gepimpt wie das Moped eines Frisör-Lehrlings, und seine Leistungen als Minister (=Führungskraft) beschränken sich auf Entlassungen, meist ohne dass irgendein Fehler nachgewiesen wurde. Dass er außer im Bereich der PR wenig vorzuweisen hat, ist ja nicht weiter schlimm. Dass er lügt, sind wir von Politikern gewohnt. Dass die Deutschen ihn dennoch lieben, bestätigt mir wieder, wie klug es war auszuwandern.

Nun ist er also zurückgetreten. Er hätte (sagt die „NZZ“) sich, seinem Land, seiner Chefin und seinen Soldaten viel erspart, wenn er beim ersten Anzeichen, dass seine Schummelei durchschaut wurde, sofort seinen Rücktritt angeboten hätte. Wenn er klug ist, zieht er sich jetzt zurück, und lässt Gras über die Sache wachsen. Seinen "Jägern" empfehle ich, sich jetzt mal auf die zuständige Uni und die Professoren zu konzentrieren, wer dort mit ähnlichen Versatzstücken promoviert wurde.

Internet:

„Neue Zürcher Zeitung“ (01.03.2011): Zurück auf Feld Eins

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (01.03.2011): Ein Ghostwriter im Interview

01. März 2011

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