02. August 2011

Ökonomie Inflationsfetischismus

Wider die Mär von den Gefahren der Deflation

Inflation ist für Ökonomen der Österreichischen Schule eine heikle Sache. Während sie von staatlichen Statistikern durch den Preis eines im Fünf-Jahres-Intervall adjustierten Warenkorbes, repräsentativ für den Durchschnittsbürger, ermittelt wird, behaupten die Österreicher, dass Inflation nicht einen Preisanstieg (abgemildert um qualitativ bedingte Preiserhöhungen), wie von staatlicher Seite angegeben, beschreibt, sondern stattdessen am Wertverlust des Geldes gemessen werden kann.

Wann findet für gewöhnlich Deflation statt? Unter der Voraussetzung, dass man eine kleine Volatilität in der Benutzungshäufigkeit (also der Umlaufgeschwindigkeit) eines Gutes und somit leichte Schwankungen in seiner Beliebtheit vernachlässigen kann, gibt es nur eine Möglichkeit, durch die ein Gut (Produkt oder Dienstleistung) algebraisch gesehen günstiger werden muss: seine Quantität vergrößert sich.

Nehme man hier als Beispiel eine Gemeinde mit 100 Personen an. Jeder Einwohner hat eine jährliche Kaufkraft von 1.000 Geldstücken, die er zum Kauf von Broten ausgeben will. Jedes Brot kostet ein Geldstück. Insgesamt würden deshalb in einem perfekten Markt 100.000 Brote pro Jahr produziert, verkauft und verzehrt werden.

Was geschieht jedoch nun, wenn die Gemeinde ihre Produktivität in einem Jahr verdoppelt? Alle 200.000 Brote müssen nun verkauft werden. Selbstverständlich ist bei gleichgebliebener Kaufkraft pro Person der alte Preis von einem Geldstück pro Brot nicht mehr haltbar. Die verdoppelte Gütermenge (bei gleicher Qualität der Brote und gleicher Marktgröße / der Gemeinde) verlangt eine Halbierung des Preises der Brote. Das monetäre BIP der Gemeinde bleibt trotzdem genauso hoch wie vor der Effizienzsteigerung – der Wohlstand ist trotzdem erheblich gewachsen.

Doch sehen wir uns nun das gegenteilige Beispiel an. Nicht die Anzahl der Brote soll erhöht werden, sondern die Anzahl an Geldstücken. „Geld ist doch schließlich etwas, von dem jeder viel haben möchte. Es macht die Bürger zufriedener mit ihrem Leben“, dachte sich der Gemeindevorsteher, „da geben wir doch jedem noch etwas mehr“ – sagen wir mal 1.000 Geldstücke pro Kopf. Gesagt, getan. Sind die Menschen nun glücklicher? Setzen wir wieder einen vernünftigen Markt voraus, so lautet die Antwort: nein. Jedes Gemeindemitglied gibt zwar pro Jahr 2.000 Geldstücke aus, erwirbt dafür jedoch weiterhin nur 1.000 Brote.

Österreichische Wirtschaftler gehen von der allgemeinen These aus, dass wann immer sich die Geldmenge (pro Bürger) ändert, Inflation als Deflation des Geldes stattfindet. Selbst Abschläge für Wirtschaftswachstum werden nicht hingenommen, denn Wohlstandswachstum ist nur das Resultat von lebenslangem Wettbewerb.

Unabhängig von der Schule sind sich aber alle Volkswirtschaftler in einem Punkt einig: Monetäre Inflation ist das Ergebnis einer Flut günstigen Zentralbankgeldes, ausgelöst durch niedrige Zinsen.
Die EZB setzte sich u.a. in Anlehnung an die Deutsche Bundesbank als oberstes Ziel die Preisstabilität. Viel zu einfach wäre es zu glauben, dass sie somit auf eine Nullflation abziele. Die Gefahren eine Deflation seien viel zu bedrohlich, sodass man sich auf eine „Sicherheitsmarge“ von knapp zwei Prozent jährlicher Inflation geeinigt hat. Diese soll eine möglicherweise kurzfristige Deflation, wie in Krisenzeiten, abwehren, wird aber gleichzeitig nicht als problematische Geldvernichtung wahrgenommen. Ein fleißiger Sparer, der heute 10.000 Euro für seine Altersvorsorge in einem Tresor verwahrt, wird dies in 40 Jahren nicht so sehen, wenn er bemerken muss, dass er im Vergleich zu heute nur noch 44,6 Prozent der Güter mit diesen 10.000 Euro erwerben kann. Das Geld ist offensichtlich verrottet, obwohl seine Quantität nicht abnahm.

Übrigens, die Gruppe um EZB-Präsident Jean-Claude Trichet besteht selbstverständlich aus fleißigen Zentralbankern, die ihre eigenen Versprechungen und unsere Erwartungen an eine zweiprozentige jährliche Inflation um 15 Prozent (bzw. 30 Basispunkte) übertreffen konnten. Solch einen Fleiß wünscht man sich doch von jedem Arbeiter.

Mit Politikern im Rücken, die meinen, man könne sich aus Schulden freidrucken, ist es halt schwerer, Zinsen zu erhöhen als zu senken. Lieber über das Inflationsziel eine erneute Sicherheitsmarge setzen als diese nicht zu erreichen.

Nichtsdestotrotz möchte ich dennoch nicht gezielt in Anlehnung an Mises, Hayek und Rothbard auf durch lasche Zinspolitik entstehende Fehlinvestitionen verweisen. Stattdessen beabsichtige ich, die eigentliche Idee der zweiprozentigen Inflation zu hinterfragen.

Offensichtlich ist es, dass die „zwei Prozent“ mehr oder weniger aus der Luft gegriffen sind. Unabhängig von empirischen Überlegungen: „1“ sieht zu mickrig und zu plump, „3“ für viele Nichtmathematiker schon fast bedrohlich hoch aus. In solchen Fällen scheint es weise zu sein, einfach die Mitte, eine harmlose „2“ als Kompromiss zu wählen. Selbstverständlich ist dies keine fundierte Begründung; der beste Wert der Inflation hätte auch bei 1,78943465 Prozent liegen können. In diesem Fall wäre jeglicher andere Wert fast schon bedrohlich.

Doch mit einem nicht jährlich bzw. monatlich aktualisierten Warenkorb ist man sowieso nicht in der Lage, die Inflationsrate exakt zu messen. Also muss man jegliche Werte dieser als ungefähre, also nicht exakte Angaben verstehen.

Den anderen Punkt, der jeden verdutzen sollte, bildet die Behauptung, dass eine geringe Inflation die beste Alternative gegenüber einer hohen Inflation oder irgendwelchen Formen von Deflation bietet.
Die erste Kritik richtet sich augenblicklich an die Annahme, dass eine bestimmte Teuerungsrate per se für besser gegenüber anderen erklärt wird. Zugegebenermaßen macht dies auch die Austrian Business Cycle Theory, die ihr Fundament darin begründet sieht, dass unterschiedliche Wirtschaftszweige die Inflation unterschiedlich schnell „begreifen“ und letztendlich durch nach einiger Zeit entstehende Liquiditätsprobleme in dem aufgeblähten Teil der Wirtschaft die Blase platzt.

Die bloße Annahme, dass am Kapitalmarkt der Zins, als Preisgröße für in der Vergangenheit „weise angesparte“ Zeit unter ein natürliches Niveau, den intrinsischen Wert eigener Zeit, sinkt, klingt schon fürchterlich genug. Wie ist dies jedoch möglich? Besitzen wir denn keine eigene Mindestwerteinschätzung für den Zins? Traurigerweise ja. Die Marktteilnehmer erleichtern uns schließlich immer Entscheidungen, indem sie wie in dem Beispiel von Brot und Geldstücken Angebot und Nachfrage vergleichen und so den Preis für den willigen Händler festsetzen. Im Gegensatz zu dem Beispiel ist der Markt in der Realität jedoch nicht so effizient, um nicht zu sagen sogar höchst inkompetent.

Ist etwa jeder Mensch in der Lage Inflation und Deflation wirklich zu verstehen und nicht nur als Definition erklären zu können? Sein Handeln augenblicklich an diese anzupassen und nicht so weiterzumachen wie während einer anderen Inflationsrate? Müssten folglich nicht alle Preise, inklusive der Kapitalmarktkosten, durch die im nächsten Monatsbericht der Zentralbank stehende Information einer wachsenden Geldmenge relativ proportional steigen? Wäre dann nicht auch Deflation, gebunden an ein bestimmtes Vertragswerk (etwa Miet- und Lohnsenkungen abhängig vom Preisniveau) denkbar?

Abgesehen davon, dass ich den (meisten) Menschen die notwendigen kommunikativen Fähigkeiten nicht zutraue um eine solche Gedankenspielerei zu verwirklichen, gibt es doch harsche Kritik an meiner These, dass Deflation, wenn sie allgemein verstanden und durch Preise augenblicklich kommuniziert wird, genauso harmlos ist wie Inflation. Denn die Furcht vor Deflation liegt darin begründet, dass wenn sie wahrgenommen wird, die Wirtschaftsaktivität durch zunehmendes Sparen statt Ausgeben von Geld sinken würde. Wer wisse, dass sein unter der Matratze liegendes – also nicht mal als Investitionsanlage verwendetes – Geld in einem Jahr zwei bis fünf Prozent mehr wert sein wird, bevorzuge den Weg des Hortens.

Ungeachtet dessen, dass nur Investitionen und nicht Konsum sinnvolle Ausgaben sind (letzteres rechtfertigt übrigens auch mutwillige Zerstörung als Anreiz für Ausgaben. Investitionen sind tatsächlich werteerschaffend und nicht „werteauffressend“, das heißt nur Investitionen können Fortschritt und somit Wohlstandswachstum erzeugen), weise ich die Kritik als mindestens etwas realitätsfern zurück:

Erstens: Kleinere Deflationsraten können weiterhin mit Leichtigkeit durch die Rendite der meisten Investitionen übertroffen werden.

Zweitens: Wer weiß, dass man mit gespartem (oder gar gehorteten) Geld in einer näheren oder ferneren Zukunft viel mehr kaufen kann als heute, der gibt es paradoxerweise dennoch lieber jetzt aus. Selbst die von der Linken als Wucherzinsen abgestempelten Dispokredite sind für viele Verbraucher keine Abschreckung, um in der Gegenwart Geld zu sparen und sich dadurch in der Zukunft Kosten zu ersparen. Oder anders gesagt: Wer heute auf einen Dispo für einen neuen Wandschrank verzichtet, könnte in drei Jahren gleich zwei kaufen. Das scheint aber nicht der Rechnung einiger Kreditnehmer zu entsprechen. Stattdessen wählen sie lieber den einfacheren Weg: Heute Spaß, morgen viel (!) Sparen.

Drittens: Wie man sieht, sind Konsumenten chronische Konsumenten. Sie leben jetzt und sind nicht sehr weitsichtig agierend. Sie kaufen sich heute das iPad, obwohl sie wissen, dass sie in drei bis fünf Jahren zu dem gleichen oder gar einem günstigeren Preis ein „iPad 14“ mit einem Vielfachen an Leistung, Geschwindigkeit und Speicherkapazität erwerben können.

Nach der Logik der Planer müsste man aber das Wirtschaftswachstum durch das Geldmengenwachstum übertreffen um die Verbraucher zum Konsumieren zu drängen. Einige Sektoren (z. B. Technologie) bräuchten somit eine Inflationsrate von 15 bis 20 Prozent.
Somit sind Ängste, dass Verbraucher wirklich einmal anfangen penibel zu sparen, wahrscheinlich ziemlich überzogen, besonders wenn man beachtet, dass deflationäre Perioden nur marginal kleine oder keine Zinsen auf festverzinsliche Anlagen offerieren.


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Alexander Czombera

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