23. August 2011

Der Kampf der EZB gegen den Markt Heute Anleihenankauf, morgen Eurobonds

Können Italien und Spanien niedrige Zinsen genießen?

Der in zwei Monaten durch Mario Draghi ersetzte EZB-Chef Jean Claude Trichet verkündete letzte Woche einen vielleicht letzten großen Coup. Die Europäische Zentralbank handelt nach Vorbild der amerikanischen Federal Reserve Bank, die auf Grund des dortigen Geldsystems Schuldverschreibungen der Vereinigten Staaten in Billionenhöhe hält. Nach der vermeintlichen Rettung von Griechenland, Irland und Portugal – von denen sie 17 Prozent der ausstehenden Anleihen hält – versucht sie die gleiche Strategie bei den anderen zwei PIIGS-Staaten anzuwenden. Dabei erwarb die EZB in nur einer Woche 22 Milliarden Euro an Anleihen am offenen Markt. Eine so starke Intervention in nur fünf Tagen wurde im Euroraum noch nie durchgeführt. Insgesamt hält die EZB somit nun 96 Milliarden Euro an Anleihen der Problemstaaten.

Eigentlich sind solche Aktionen nicht einmal ganz konform mit Artikel 123 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Der verbietet diese sogar.  Eine Zentralbank ist nicht dazu da, Finanzministern bei schweren Sparprogrammen mit leichtem Geld unter die Arme zu greifen, sondern um das Geldsystem zu stabilisieren.  Das dachten sich wohl auch Bundesbankvorstand Jens Weidmann und Chefvolkswirt der EZB Jürgen Stark, als sie gegen den Kauf stimmten.

Noch viel beunruhigender dürfte die Tatsache sein, dass die EZB ihre eigentliche Aufgabe, die Sicherung der Geldwertstabilität, eindeutig verfehlt. Dazu müsste sie die Inflationsrate bei knapp unter 2 Prozent halten, also 70 Basispunkte unter der jetzigen. Angesichts der Schuldenprobleme scheint dies aber nur wenige zu interessieren. Steigende Leitzinsen einer notwendigerweiser strikteren Geldpolitik würden nämlich mit steigenden Renditeerwartungen einhergehen.

Besonders Italiens 119-prozentige Staatsverschuldung würde erheblich höhere Kosten verursachen, die seinen Staatsprogrammen einen Strich durch die Rechnung ziehen könnten. Spanien hingegen besitzt nur eine Staatsverschuldung in Höhe von 61 Prozent des BIP. Dies entspricht also fast noch dem Qualitätskriterium eines Eurolandes, wie es im Vertrag von Maastricht geschrieben steht. Doch das Land kämpft mit anderen Problemen. Die schwache Wirtschaftsstruktur, die auch bei Griechenland einer der Hauptauslöser der Krise war, und eine Arbeitslosenrate von 21 Prozent, mehr als dreimal so hoch wie die deutsche, behindern neues Wachstum.

Nicht zuletzt ist es auch die Ablehnung von Merkel und Sarkozy gegen Eurobonds, die eine Entspannung nicht erwarten lassen. Auch Wolfgang Schäuble hat sich ganz nach den Wünschen des Koalitionspartners zu dem Thema geäußert. Solange Europa nicht eine gemeinsame Wirtschaftsregierung besitzt, würden auch keine gemeinsamen Anleihen emittiert werden. Als Griechenland noch der Protagonist der Schuldenkrise gewesen ist, unterstützte Italien diese Ansicht. Die neue Hauptrolle verursachte scheinbar einen Meinungswechsel.

Dennoch, solange es keine Eurobonds gibt, werden die Zinsen für gewisse Staaten zwangsweise steigen. Dies ist ganz zum Unwohl der Politik, die pragmatisches Handeln Versprechungen an den Markt vorziehen sollte.

Ferner lassen sechs Prozent hohe Renditen auch einige Bürger das Vertrauen in ihre führenden Parteien verlieren. Spanien wählt nächstes Jahr, Italien 2013.

Wahrscheinlich in Erwartung, dass bald die beiden Länder dem Club der Ramschanleihen beitreten könnten, begann die EZB mit neuen Aufkäufen, sodass sie nun etwa ein Prozent des 2,2 Billionen Euro schweren Staatsanleihen-Marktes von Italien und Spanien hält. Ein winziges Prozent mag zwar nicht groß aussehen, doch wenn man beachtet, dass dieses in nur einer Woche erreicht wurde, erscheint dies ausreichend um neue Inflationsängste zu schüren.

Die Geschwindigkeit, mit der diese Operationen durchgeführt wurden, ließen die 10-jährigen Renditen beider Länder prompt auf fünf Prozent fallen – zum Vorteil der Investoren, die sich noch davor mit 6-prozentigen Schuldpapieren eingedeckt haben und diese nun mit einem schnellen Gewinn verkaufen können.

Doch die Rechnung der EZB könnte nicht ganz aufgehen. Zwar war sie in der Lage, Marktpreise zu beeinflussen, doch ist es ihr unmöglich, die tatsächlich hinter den Anleihen verbrieften Werte zu verbessern. Marktpreise hängen vom Vertrauen der Anleger ab. Wie Finanzkrisen immer wieder eindrucksvoll beweisen, entspricht dieses jedoch nicht tatsächlich objektiven Bewertungen.

Eine einfachere Geldbeschaffung für die Schuldnerstaaten bedeutet auch immer eine kleinere Risikoprämie für ihre Gläubiger. Gerade diese könnte aber notwendig sein, um sich gegen mögliche neue Haircuts etwas abzusichern. Eine Versicherung kann schließlich auch nicht Prämien akzeptieren, die nur einen Bruchteil ihrer Ausgaben abdecken.

Letzte Woche war es die EZB, die Marktpreise diktierte. Sofern sie aber nicht schon neue Aktionen geplant hat, wird dies nächste Woche nicht so sein. Sowohl spanische als auch italienische Anleihen begannen wieder zu fallen und nähern sich den 6-Prozent-Renditen wieder an. Das zeigt, dass andere Investoren kein Vertrauen in die Finanzstärke diese Staaten besitzen und das Geld der EZB gerne annahmen, um dieses nun in scheinbare sichere Häfen wie deutsche Staatsanleihe und Gold zu investieren. Das Edelmetall, ein Indikator für Unsicherheit, kostet momentan etwa 1.800 US-Dollar – so viel wie noch nie in seiner Geschichte.

Es ist also fraglich, ob Anleger niedrige Zinszahlungen durch Spanien und Italien akzeptieren werden. Kurzfristig mag die EZB-Politik zwar ihre Ziele niedrigerer Zinsen erreicht haben. Langfristig wird es wieder der gesamte Markt sein, der über Preise entscheidet. Die neugewonnene Aktionsbereitschaft der Zentralbank suggeriert jedoch neue Gründe für Unsicherheit. Durch neue Interventionen kann sie ständig Staatsanleihenpreise beeinflussen, wodurch Renditen für Investoren auf diesem Markt von ihrem Wohlwollen abhängig werden dürften.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Alexander Czombera

Autor

Alexander Czombera

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige