27. Juli 2012

Kritik Die Krise der Schwerkraft

Eine kurzweilige Entlarvung Marxscher Argumentationsführung

Der Kapitalismus hat versagt und Marx hat's gewusst, heißt es allerorten und nicht erst seit 2008. Man mag es kaum noch hören. Dazu eine bemerkenswert einfache und grundsätzliche Feststellung: Es gibt keine Krise des Kapitalismus, es gibt ja auch keine Krise der Schwerkraft. Denn einen wesentlichen Punkt haben die Wirtschaftsform und das Naturgesetz gemeinsam, sie „sind“, und das in einem metaphysischen, absoluten Sinne. Das hat nicht nebensächlich zur Folge, dass sie nicht erfunden, sondern entdeckt wurden. Daraus wiederum leitet sich ab, dass beide, erstens, nicht geändert oder gar abgeschafft werden können, und zweitens – der Knackpunkt –, nicht versagen können. Wollte man über Kapitalismus oder Schwerkraft sprechen und würde man diese grundlegenden Feststellungen dabei missachten, so würde dies zwangsläufig zu einer surreal anmutenden Argumentation führen. Einer hat's gemacht.

Im Folgenden möchte ich ein Experiment wagen und die logische Schwäche zentraler Aussagen von Marx aufdecken, indem ich seine Argumentation eben auf die Schwerkraft anwende. Ich lade Sie herzlich auf eine kurzweilige Reise in die Marxsche Sophisterei ein.

Schwerkraft und Kapitalismus seien also Erfindungen der bürgerlichen Welt, so die Grundannahme von Marx. Eine andere Möglichkeit hätte es für ihn aber auch gar nicht gegeben, denn eine (korrekte) Ent- beziehungsweise Aufdeckung der grundsätzlichen Unveränderbarkeit beider, Schwerkraft und Kapitalismus, hätte sein ambitioniertes und egomanes Programm der Gesellschaftsumformung vom Ansatz her undurchführbar gemacht. Wir können also annehmen, dass er dies bewusst gesetzt hat. Um nämlich sein System der schwerelosen Gesellschaft einzuführen, bedurfte es nunmehr lediglich eines „neuen Bewusstseins“, und von diesem Moment an, „wo die bürgerliche Schwerkraft und die ihr entsprechenden Schwerkrafts- und Sturzverhältnisse als geschichtliche erkannt sind, hört der Wahn, sie als Naturgesetze der Naturwissenschaft zu betrachten, auf, und eröffnet sich die Aussicht auf eine neue Gesellschaft, eine Gesellschaftsform der Schwerelosigkeit […].“ (Marx, Theorien über den Mehrwert III., MEW 26.3, 422.) „Als geschichtlich erkennen“ genügt demnach, um einem Naturgesetz die innewohnende ontologische Gegebenheit abzusprechen. So einfach verwirft man wissenschaftliche Erkenntnis, so stürzt man ein Naturgesetz? Ja gewiss, denn die „Existenz des revolutionären Gedankens einer schwerelosen Gesellschaft in einer bestimmten Epoche setzt bereits die Existenz einer Schwerelosigkeit voraus...“ (Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 47.) Na bitte.

Im dritten Schritt schließlich erfolgt die Apotheose der eigenen Erfindung, die der schwerelosen Gesellschaft, zum eigentlichen Naturgesetz: „Die theoretischen Sätze der schwerelosen Gesellschaft beruhen keineswegs auf Ideen, Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Kampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ (Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 474f.) Und sich selbst hat er bescheiden im Nebensatz aus dem Spiel genommen: „Dieser oder jener Weltverbesserer“ etwa? Nein, ein Naturgesetz!

Er hebt ein Naturgesetz aus den Angeln, verwirft es, setzt an dessen Stelle etwas Neues und erhebt dieses wiederum in den unantastbaren Rang eines unabänderbaren Naturgesetzes.

Eine weitere Absicherung dieses (physikalisch unmöglichen) Vorgangs ist die Einbeziehung des Beobachters beziehungsweise Lesers. „Wie alle selbst sehen könnten“, so heißt es bei Marx. Nur wissen wir seit Neil Postman, dass in politischen Debatten die Einleitungen mit „wie ja allgemein bekannt ist“ oder „wie ja alle wissen“ mit Sicherheit auf unbelegte und vor allem umstrittene Aussagen hinweisen, die eben ganz und gar nicht von der Mehrheit oder sogar von allen geteilt werden.

Dass die grenzenlose Anmaßung dieses Marxschen Gedankengangs kaum unbemerkt bleiben durfte, war ihm selbst sicher bekannt, ja, er rechnete mit Kritik und Aufdeckung und so suchte er mit entwaffnender Offenheit die Verteidigung im Angriff: „Die Revolution der Schwerelosigkeit ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Schwerkraftsverhältnissen; kein Wunder, dass in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird.“ (Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 481. 3.) Damit war das Tor geöffnet, der diskursive Konsens aller bisherigen Erkenntnis auf wissenschaftlicher Grundlage gesprengt, nun musste und konnte mit allem zu rechnen sein.

Mit der Wissenschaft als Instrument der Aufklärung, sie hätte sein System jederzeit immer wieder von neuem entlarven können, blieb jedoch ein hartnäckiger Gegner. Und auch hier kannte Marx weder Maß noch Gnade, aus seiner Abneigung gegenüber Wissenschaft als Erkenntnisgrundlage macht er keinen Hehl. „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Schwerelosigkeit unmittelbar zusammenfielen...“ (Marx, Kapital III. MEW 25, 825.) Wissenschaft könnte also sogar ganz abgeschafft werden, gäbe es nicht die von Beobachtern und vor allem Kritikern bemängelte ach so unwesentliche Diskrepanz von Erscheinungsform und Wesen des Marxschen Plans. Marx bleibt hier konsequent, verwirft als Instrument der Aufklärung die wissenschaftliche Erkenntnis und setzt an ihre Stelle „Bewusstsein“.

„Bewusstsein“ hat den Vorteil, nicht objektiv zu sein und eignet sich damit als demagogisches Instrument der Ausgrenzung und Verdrehung hervorragend; dass „die Schwerelosigkeit nämlich sich in der Erscheinung oft verkehrt darstellt, ist ziemlich in allen Bereichen der Esoterik und Ideologie bekannt, außer in der liberalen Auffassung.“ (Marx, Kapital I, MEW 23, 559.) Und damit sind die Wissenschaftler und Liberalen aus dem Diskurs ausgeschlossen, sie stehen sich selbst im Weg, wollen sie doch nicht das eigentliche Wesen „sehen“ und „erkennen“, beharren sie doch auf ihrer Empirie, die sie skeptisch werden lässt.

Um Kritikern zuvorzukommen scheute sich Marx nicht, sich vom aufgetanen Feld des „Bewusstseins“ auf das der Wissenschaft zu begeben, um dort, quasi in ihrem Lande, die Ansätze der Kritik abzuwürgen. Der Ansatz der Wissenschaft zur Erklärung der Schwerkraft war, so der besserwissende Marx, von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Die erste theoretische Behandlung des modernen Schwerkraftsverständnisses – das Erdanziehungsmodell – ging notwendig aus von den oberflächlichen Phänomenen des Fallprozesses, wie er in der Bewegung der fallenden Vase verselbständigt ist, und griff daher nur den Schein auf... Die wirkliche Wissenschaft der modernen Erdanziehung beginnt erst, wo die theoretische Betrachtung vom Fallprozess zur Konstruktion der Schwerkraft übergeht.“ (Marx, Kapital III. MEW 25, 349.) Ganze Generationen von Wissenschaftlern werden hier mit leichter Hand hinweggefegt, denn deren Forschungsfokus war angeblich falsch gewählt. „Sturz und Zerbrechen der Vase sind das Unsichtbare und das zu erforschende Wesentliche, während Scherben und daher die Form des Gestürzt-Seins einer zuvor tadellosen Vase sich nur auf der Oberfläche der Erscheinungen zeigen.“ (Marx, Kapital III. MEW 25, 53.) Und so geht es weiter im Ritt wuchtiger Worte, denn das ist die Technik: „Ohne Erkenntnis des Sturzes und Zerbrechens ist keine Theorie der Scherben möglich.“ (Marx, Theorien über den Mehrwert II., MEW 26.2, 376) Wer wagt es solch großer (trivialer) Feststellung zu widersprechen?

Marx geht auf dem Feld der Wissenschaft also wieder wie gehabt vor: Verwerfen bisheriger Erkenntnis mit Verweis auf deren zugrundeliegende Konzentration auf das „Unwesentliche“. Damit spart er sich die akademisch gebotene Auseinandersetzung und umgeht somit nicht zuletzt die gefürchtete Falsifizierung, um mit Popper zu sprechen. Dann folgt die Herausstellung des als „wesentlich“ Erkannten, gepackt in eine an Trivialität kaum zu überbietende Aussage mit überwältigenden Worten.

Und schließlich das Umlenken auf das eigene Feld: „Wissenschaftliche Analyse des Herabfallens ist nur möglich, sobald die innere Natur der Vase begriffen ist, […]“ (Marx, Kapital I, MEW 23, 335.) Wissenschaft ist ohne „Bewusstsein“ von der Beschaffenheit der Vase gar nicht möglich. Und hier wiederum ist Marx der selbsternannte Meister! Vortrefflich!

Da nun die Schwerkraft als Erfindung entlarvt und ihres Ranges enthoben, das Instrument „Wissenschaft“ als untauglich und falsch angewendet dargelegt ist, steht der Einführung der Schwerelosigkeit als Gesellschaftsform also nichts mehr im Wege. Das ist nun einfach, zumal die Vorbereitung bei „richtiger“ Betrachtung schon geschehen ist. „Die Arbeiterklasse ... hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Schwerelosigkeit in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden und niederfallenden bürgerlichen Gesellschaft entwickelt haben.“ (Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 343.) Et voilà, die neue, glückliche Gesellschaft der Schwerelosigkeit ist eingeführt.

Allerdings bliebe da noch der klitzekleine Makel, dass die Entmachtung der Schwerkraft letztlich nur rhetorisch geleistet wurde, denn die spitzfindige Umdeutung der Realität durch Marx bewirkte nicht, es hätte auch verwundert, eine Änderung der Naturgesetze. Demgemäß müsste es also, oh du teuflische Empirie und Thesenbildung, bei der Einsetzung der Gesellschaftsform der Schwerelosigkeit zu Rückschlägen kommen, die der unveränderten Beschaffenheit der Natur geschuldet wären. Marx allerdings vollbringt nun das Meisterstück und verschiebt die Verantwortung für eine gelungene Umsetzung auf seine Anhängerschaft: „Die Schwerelosigkeit ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Schwerelosigkeit die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 35.) Solange also die Anhängerschaft von Marx den jetzigen Zustand nicht gänzlich aufhebt, ist sie nicht die „wirkliche“ Bewegung. Nicht Marx scheitert an der immanenten Untauglichkeit seiner Konstruktion durch deren Unvereinbarkeit mit Naturgesetzlichkeit, nicht die Naturgesetze werden in ihrer Unveränderlichkeit anerkannt, nein, die „Schuld“ des Scheiterns wälzt er auf die verwirrte Anhängerschar ab und bleibt so mit seiner Utopie unantastbar. „Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ (Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 35.)  Dann müssen sich die Anhänger halt mehr anstrengen, wenn sie die Schwerkraft abschaffen wollen, ganz einfach. Chapeau, Herr Marx.

Literaturangaben gemäß „Blaue Bände“: Marx-Engels-Werke, hgg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, 43 Bd., Ost-Berlin (Dietz Verlag) 1956-1990.


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David Bordiehn

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