16. September 2013

Einwurf Mit Ayn Rands „Anthem“ gegen den Weg in die Knechtschaft

Das Ich entscheidet!

„Das Wir entscheidet“ – so lautet ein Slogan im Bundestagswahlkampf. Was so harmlos, herzerwärmend und sozial daherkommt, ist letztlich der Weg in die Knechtschaft.

In ihrem 1937 erschienenen und hierzulande bisher eher unbekannten Roman „Anthem“ (die 2002 im GEWIS-Verlag erschienene deutsche Übersetzung ist restlos vergriffen) schildert Ayn Rand im dystopischen Stil von Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) und George Orwells „1984“ (1949) und radikaler noch als Eugen Richter in seinen „Sozialdemokratischen Zukunftsbildern frei nach Bebel“ (1891) die Zukunft in einem Staat, der „Das WIR entscheidet“ zum allbestimmenden Gesetz, zur alleingültigen Wahrheit erhoben hat. Der Roman folgt dabei dem Protagonisten auf seinem Weg durch die kafkaesken Strukturen einer Welt, deren erzwungene Gleichheit im kollektivistischen Wahn sogar das „Ich“ aus dem Sprachgebrauch verschwinden lässt.

Im Vorwort der überarbeiteten Neuauflage (1946) nimmt Ayn Rand Stellung zum zeitgenössischen Vorwurf, sie habe mit ihrer konsequenten Darstellung den Idealen des Kollektivismus Unrecht getan. Anders als man sich aber erhofft hatte, wich sie nicht zurück, sondern wiederholte ihre Anklage zugespitzt. Kollektivismus – gerade auch verkleidet im schmissigen „das Wir entscheidet“ – führt nicht zur Versklavung oder begünstigt sie, sondern ist Versklavung. Wenn „das Wir entscheidet“, wird am Ende immer die Suche nach dem eigenen Glück unter Strafe gestellt, der Individualismus ausgelöscht, freies Denken und Handeln verboten. Im folgenden mit den Worten Rands aus dem Vorwort zu „Anthem“:

„Nachdem sie die Geschichte bei ihrem ersten Erscheinen gelesen hatten, sagten mir manche, ich sei darin gegenüber den Idealen des Kollektivismus unfair gewesen. Weder predige oder beabsichtige Kollektivismus, was ich beschrieben habe, noch bedeute oder befürworte Kollektivismus Derartiges. Niemand befürworte so etwas.

Ich solle nun darauf hinweisen, dass die politische Formel ‚Produktion für den Gebrauch und nicht zum Profit‘ von den meisten Menschen mittlerweile als Allgemeinplatz akzeptiert werde und darüber hinaus ein anständiges und wünschenswertes Ziel darstelle. Man könne zudem aus diesem Wahlspruch auch nichts anderes herauslesen als die einleuchtende Idee, dass das Motiv für die Arbeit eines Menschen immer die Bedürfnisse der Anderen sein müssten – und nicht etwa seine eigenen Bedürfnisse, eigenen Wünsche oder gar sein eigener Profit.

‚Sozialer Gewinn‘, ‚soziale Ziele‘, ‚Sozialprogramme‘ sind zu täglichen Platitüden unserer Sprache geworden. Mittlerweile ist es selbstverständlich geworden, dass für alle Arten von Aktivitäten und Dasein eine soziale Rechtfertigung notwendig ist. Und kein Vorschlag ist unverschämt genug, um nicht eine wohlwollende Anhörung zu bekommen, solange er nur für sich in Anspruch nimmt, in irgendeiner undefinierten Art ‚dem Allgemeinwohl‘ zuträglich zu sein.
Mittlerweile wird diese Verpflichtung zur Zwangsarbeit tatsächlich in jedem Land der Erde entweder bereits praktiziert oder befürwortet. Dahinter steckt die Idee, dass der Staat am besten dazu in der Lage sei, zu entscheiden, wo ein Mensch für andere Menschen nützlich sei. Diese Nützlichkeit in Bezug auf die anderen ist dann auch die einzige Erwägung, die bei der Tätigkeitszuweisung zulässig ist, was wiederum heißt, dass die Ziele, die Wünsche und das Glück des Betroffenen als irrelevant abgetan werden.

Die größte Schuld der Menschheit liegt heute bei denjenigen, die den Kollektivismus als moralisch geboten akzeptieren; bei denjenigen, die die Pläne unterstützen, welche gezielt darauf ausgelegt sind, eine Knechtschaft zu errichten, und sich dabei hinter leeren Beteuerungen verstecken, sie seien doch Freunde der Freiheit, ohne dass sie diesem Wort eine konkrete Bedeutung beifügen; bei denjenigen, die glauben, dass der Inhalt von Ideen nicht untersucht und überprüft werden müsse, dass Prinzipien nicht definiert werden müssten und dass Fakten eliminiert werden könnten, indem man seine Augen verschließe. Und wenn diese sich dann in einer Welt aus Blut und Ruinen wiederfinden, erwarten sie, dass sie sich der moralischen Verantwortung entziehen können, indem sie jammern: Das hätten sie doch so nicht gewollt!

Die, die die Sklaverei wollen, sollten den Anstand haben, dies auch beim Namen zu nennen. Sie müssen sich der vollen Bedeutung dessen stellen, was sie damit befürworten und billigen; der ganzen, exakten, spezifischen Bedeutung von Kollektivismus; den daraus erwachsenden logischen Implikationen; den Prinzipien, auf denen er beruht, und den äußersten Konsequenzen, zu denen diese Prinzipen führen.

Sie müssen sich dem stellen, und dann erst entscheiden, ob es das ist, was sie wollen, oder nicht.“

Wenn eine Partei tatsächlich meint, dass „das Wir entscheiden“ solle, dann wäre das der Weg in die Zwangsherrschaft, mehrfach bewiesen – trotz oder gerade wegen des moralischen Farbenzaubers drum herum.

Der gekürzte und hierfür leicht überarbeitete Textauszug entstammt der deutschen Neuübersetzung: Ayn Rand, Anthem – Hymnus (erscheint im Frühjahr 2014).


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David Bordiehn

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