22. August 2012

Erlebnisse an der Grube I Begräbnis eines Sozialisten

Es wird nichts von ihm bleiben

Letzte Woche ist mein Großvater begraben worden, was nicht ganz richtig ist, denn er wurde auf Wunsch meiner Mutter eingeäschert und an eine Friedhofsmauer verbracht, Gesinnungsfolklore eben. Es war fast heiter an dieser Friedhofsmauer, nur ein wenig Weihwasser wurde wie zum Spaß verspritzt und zwischendurch huschte eine fesche Dame mit kleinbürgerlichem, aber erstaunlich elegantem Kostüm dort hin und gab sich als Sozialdemokratin zu erkennen. Die Dame zeichnete auf schockierende Weise ein kleines anrührendes Bild von dem alten Mann, wie er charmant gewesen sei und mit dem roten Halstuch und dem schiefen Hütchen die Damenwelt verzaubert hätte. Immer einen Spaß auf den Lippen, der Alte, so wollen wir ihn in Erinnerung behalten. Der Kriegerverein, der pro forma gekommen war, verzog keine Miene. Mein Großvater hat den Krieg gehasst, und er hat alle Menschen gehasst, die über den Krieg sprachen. Es gibt Bilder aus der Zeit vor dem Krieg, die ihn als mutigen, ehrlichen Burschen zeigen.

Er war Sozialist; tote Menschen waren für ihn Biomüll, die Grabsteine seiner zahlreichen Frauen ließ er immer wieder in andere Ortschaften versetzen, so dass am Ende nicht ganz klar war, ob die jeweils aktuellen Ehefrauen-Gräber überhaupt auf menschlichen Überresten der jeweiligen Verstorbenen oder wenigstens auf denen Unbekannter standen. Mein Großvater war ein Charmeur, er schiss auf seine Familie, bandelte noch zu Lebzeiten seiner sterbenden Frauen mit anderen an und versuchte, meine Mutter um ihr Erbe zu betrügen. Man verzieh es ihm, weil er ein netter Mensch war, so groß und kantig wie Fidel Castro, ein Optimist und Blender vor dem Herrn, und weil er immer ein zweites Stück Kuchen haben wollte. Als Parteimitglied hatte er seit dem Krieg gegen den Kapitalismus gekämpft, wenn der nicht gefälligst den Wohlstand der Proleten vorantrieb. Er war dann Reiseleiter eines sozialistischen Rentnervereins, erzählte von seiner großen Zeit als Betriebsrat und führte die verwitwete Damenwelt nach Jugoslawien oder Gran Canaria.

Seine politische Einstellung war, ähnlich wie bei „Erich“, den er aus dem Zuchthaus angeblich persönlich kannte, mit entwaffnender Konsequenz daraufhin ausgerichtet, dass jeder seine Kohle bekommt und bei den Bauern nicht betteln gehen muss, wie er das aus seiner eigenen Kindheit gekannt hatte. Er trat für eine starke verstaatlichte Industrie ein und forderte die gnadenlose Unterjochung des Kapitals. Der liebe Gott war für ihn ein Bettnässer, Mönche und Nonnen nannte er Kuttenbrunzer und Himmelhennen. Trotzdem trat er vor seinem Tod in die katholische Kirche ein, der Bischof selber genehmigte den Wiedereintritt.

Gegen Ende seines Lebens hat dieser Prolet immer noch ein gutes Netzwerk unterhalten; es reichte bis zum Schluss für Lebensgemeinschaften, Essen auf Rädern und eine Pflegerin mit einem großen Busen. Freilich war keine richtige Familie da, und man suchte ihn ein wenig um Geld zu erleichtern. Man riet ihm dann auch nicht mehr ehrlich, sondern setzte ihn auf ein überteuertes Elektrofahrzeug, das schon nach kurzer Zeit einen steinigen Hang hinabstürzte. Alles war ein wenig schmierig geworden und hatte den Geruch nach verzweifelter Verkommenheit, der dann auch die Verschmitztheit fehlte. In der Verlassenschaft fand sich eigentlich nichts, auch keine „persönlichen Dinge“, er hatte an gar nichts geglaubt.

Ich habe ihn sehr geliebt, dachte ich am Ende der heuchlerischen Beisetzung, aber es wird nichts von ihm bleiben.


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Fritz Gstättner

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