11. September 2012

Erlebnisse an der Grube III Menschen, die scheinbar ohne Subventionen auskommen

Wolf Haas macht uns alle zu Subventionsempfängern

Früher, als ich noch jung war, war ich in einem Verlag tätig: Dort hieß es, genau zwischen den Zielgruppen unterscheiden und auf sie eingehen. Es galt, angehende Lehrer von Menschen zu unterscheiden, die mit beiden Beinen im Lehrberuf standen und diese wieder von solchen, die als Lehrer im Ruhestand Bücher bezogen.

Ein starrer Zeigefinger erhob sich, wenn die Rede auf die Frage nach der Geschlechterdifferenzierung kam; die Belletristik dieses Verlags sei ja ganz sonderbar, es interessierten sich nur Frauen für die Bücher, meinte die Chefin. Männer, die Kaufentscheidungen trafen, so die Chefin, täten dies nur, um entweder als schleimige Mittelschullehrer einem sogenannten Lesekreis vorzustehen und den Frauen vorzulesen beziehungsweise mit ihnen „Texte durchzusprechen“, oder um der angetrauten Ehefrau, einer Lehrerin, ein Weihnachtsgeschenk machen zu können. Der Marketingmensch im betreffenden Verlag, so wie alle mit ökonomischen Aufgaben betrauten Kräfte dort ein Mann, ging hinter vorgehaltener Hand sogar davon aus, dass alle anderen sogenannten Käufergruppen in Wirklichkeit von Lehrern zum Kauf gezwungen, angehalten, verführt oder gedrängt würden. Alle anderen Käufer seien „samt und sonders Phantome und Schrumpfköpfe“, das war sein Running Gag.

Heute bin ich ein fetter alter Knacker und räkle mich in einem Luxushotel auf den Kanaren. Jung verheiratete spanische Eheleute ziehen an mir vorbei. Da sehe ich, dass ein neuer Roman von Wolf Haas erschienen ist. Dieser Autor, so ist mir zugetragen worden, ist Zeit seines Lebens ohne Subventionen ausgekommen, ein Mann also, der unsereinem grundsympathisch sein müsste. Sein neuestes Werk allerdings hat mich misstrauisch gemacht; ich dachte, als ich es in Händen hielt, sofort an die Bemerkung des österreichischen Erfolgsautors Arno Geiger, der festhielt, dass Frauen „jenseits der 50“ heute „wahnsinnig selbstbewusst und sexy“ seien. Kunststück, auch der Gründer einer Rentnerpartei muss sich um die Älteren kümmern, ihnen etwas Gutes tun, ebenso der Metzger mit den Fleischessern und so weiter.

Daneben gibt es freilich den Lösungsmittelhersteller, der seinem Bodenleger seltsamerweise nicht immer in den Arsch kriecht.

In meinem Misstrauen las ich den Roman quer; durchlesen konnte man ihn nicht, weil er didaktisch strukturiert ist und seine Witzchen, die etwas schlau Langsames, gefährlich Ranziges haben, durch ein „unkonventionelles“ Layout einzurahmen sucht. Halt: Wem wird da in den Arsch gekrochen? Sind es die Rentner, die Vegetarier?

Her mit der Zielgruppe! Beim Querlesen fielen ja immer wieder Reminiszenzen an die sogenannte konkrete Poesie auf, eine Freizeitbeschäftigung von schwulen US-amerikanischen Universitätsprofessoren, die von diesen selbst nie ernstgenommen, in Europa aber von Hetero-Universitätsprofessoren und subventionierten Dichtern als eine Neuheit beklatscht worden ist. Dann Anspielungen auf die sogenannte Linguistik, wie sie ein nerdiger Uni-Assistent in den 90ern durch die Lehrbücher des Narr-Verlags kennen lernen konnte. Und immer diese langsamen Witze! Als ob da einer auf eine Oma warten wollte, die zögernd die Straße überquert...

Das neue Buch von Wolf Haas ist ein Liebesroman. Der alte Werbetexter, der seine öffentlichen Auftritte so zielorientiert wie einst Harry Wijnen absolviert, nur ohne Humor, immer auf ältere, jüngere oder mit beiden Beinen im Lehrberuf stehende, vielleicht sogar freigestellte Damen wartend; der sich fast im Ernst einredet, er sei ein kleiner Majakowski und dabei doch nur als österreichische Pistensau am literarischen Babylift Romane produziert, die genau drei Jahre halten: Dieser Mann rührt an die verlorene Liebe der Damen im Lehrberuf, an ihre zartesten Erinnerungen.

Ja, an die Linguistik. Sie lernten sie an der Uni kennen und konnten sich doch nie richtig mit ihr verständigen. Wahnsinnig sexy. Wer das liest, darf sich fühlen wie ein Subventionsempfänger auf Urlaub oder in Rente.


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Fritz Gstättner

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