22. Juli 2013

Bildungsrendite Propagandabegriff der Sozialingenieure

Indoktrination als Eintrittskarte

Kaum ein Politiker hält es nicht für geraten, verstärkt öffentliche Gelder in Bildung zu investieren. Mitten in der Finanzkrise präsentierte Angela Merkel im Oktober 2008 ein Zehn-Milliarden-Euro-Paket, mit dessen Hilfe in den Folgejahren neue Bildungsprojekte finanziert wurden. Doch worauf stützen sich diese auf den ersten Blick unschuldig anmutenden Forderungen nach mehr Geld für einen unbestritten wichtigen Bereich?

In wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema wird auf die Bildungsrendite abgestellt. Diese errechnet sich aus dem geschätzten Gehaltsvorsprung von Personen mit längeren Ausbildungszeiten gegenüber jenen, die sich für eine kürzere Ausbildung entschieden haben. Typischerweise werden die Gehälter von Akademikern mit Arbeitnehmern in Ausbildungsberufen verglichen. Gelegentlich werden bestehende gesetzliche Regelungen genutzt, um Fremdeinflüsse (wie unterschiedliche Begabungsniveaus), die sich auf unterschiedliche Verdienstmöglichkeiten wie Ausbildungszeiten gleichermaßen auswirken, auszuschließen. So gibt es beispielsweise in vielen Ländern Stichtagsregelungen, nach denen die Schulpflicht (ein weiteres Jahr an der High School) nur für Schüler eines bestimmten Alters greift, die nach dem Stichtagsdatum geboren wurden.  Aus dem Verdienstvergleich der Gruppen, die vor bzw. nach dem Stichtag geboren wurden, wird die Bildungsrendite ermittelt. Die so ermittelten Zahlen lassen sich als beeindruckende Argumentationshilfe für mehr Ausgaben und mehr Steuern verwenden. Wenn die  Bildungsrenditen in Deutschland nach Angaben der OECD zwischen 6 und 10 Prozent liegen und damit über den Renditen auf dem Kapitalmarkt, so konstatiert der Sozialingenieur fluchs ein Marktversagen, das darauf beruht, dass die Kreditgeber nicht willens sind, ausreichend Bildungskredite zu vergeben und (potentielle) Studenten zu risikoscheu sind, Kredite für ein Studium aufzunehmen, das ungewisse (Mehr-)Einnahmen verspricht. Die Bildungsrenditen suggerieren, dass die verlängerte (Zwangs-)Beschulung eines „Probanden“ mechanistisch Erträge in Form gestiegener Produktivität hervorbringt. Diese Erträge entsprechen -mit der errechneten Bildungsrendite abgezinst- den Aufwendungen der Bildungsinvestition.

Die bildungsökonomische Marktversagensgedankenspiele besitzen jedoch zwei große Defekte: erstens ist die mechanistische Sichtweise verfehlt, weil der Stimulus „Bildung“ zu ganz unterschiedlichem Reaktionen führt; in erster Linie sind diese abhängig von den Zielen der Person, die der Behandlung ausgesetzt ist; besitzt eine Person kein Interesse an der Bildungsmaßnahme, so dürfte die Rendite in aller Regel negativ sein: die subjektiven (nicht messbaren) Kosten übersteigen den Vorteil des zukünftigen Mehrverdienst. Zweitens beruhen die Produktivitäten der Arbeitsmarkteilnehmer, die in solchen Studien untersucht werden, keineswegs auf Marktdaten. Staatliche Markteintrittsbarrieren, die unter dem Vorwand der Qualitätssicherung eingeführt und aufrecht erhalten werden, verzerren in hohem Maße die Verdienstmöglichkeiten von Menschen mit unterschiedlichen (in der Regel staatlich zertifizierten) Abschlüssen: Dass sich ein jahrzehntedauerndes Jurastudium mit Referendariat und anschließendem Anwärterdienst als Notarassessor als finanziell lohnenswerter herausstellt als die Tätigkeit als Manager im Einzelhandel, liegt eben auch daran, dass die Tätigkeit des Notars vom Markt gut abgeschottet ist und sein Verdienst sich nach einer Gebührenordnung richtet. Ein solcher Mangel an Marktdaten bezüglich der Arbeitsproduktivitäten ist in fast allen Bereichen der „freien“ Wirtschaft zu konstatieren, sei es bei Medienschaffenden im privaten Fernsehen, deren Gehälter durch die Konkurrenz der öffentlich-rechtlichen Anstalten in die Höhe getrieben werden oder bei Werktätigen, deren Beruf vom Wirken von Berufsständeorganisationen (z.B. Ärztekammern) geprägt wird. Letztere halten oftmals mit Erfolg das Arbeitsangebot knapp und erhöhen damit tendenziell den Verhandlungsstärke ihrer Klientel in Lohnverhandlungen.

Hält man sich vor Augen, wieviele Personen in Bereichen arbeiten, in denen ihr Gehalt von staatlichen Vorgaben und Regeln in weiten Teilen vorgegeben wird, so wird klar, dass es sich bei der Bildungsrendite um einen Propagandabegriff handelt, der Nüchternheit, Neutralität und Ergebnisoffenheit ausstrahlen soll. Benutzt wird er indes dazu, um Beschäftigten im staatlichen Lehr- und Forschungsbetrieb mehr Ressourcen zukommen zu lassen. Nebenbei lässt sich der Begriff der Bildungsrendite gut instrumentalisieren, um als Bildung firmierende Indoktrination an Universitäten und Schulen zu fördern, sowie Kindern von gut situierten Nettotransferempfängern eine  „Eintrittskarte“ zu gut bezahlten Posten zukommen zu lassen.


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Rainer Ammon

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