26. August 2013

Sommertagebuch Griechenland

Der Staat bleibt dem Griechen ein abstrakter Feind

Jetzt bin ich schon über drei Wochen in Griechenland und warte immer noch vergebens auf ein erstes antideutsches Erlebnis, wenigstens auf eine Unfreundlichkeit, die in diese Richtung gedeutet werden könnte. Aber nichts da. Herzlich, jede Möglichkeit nutzend ins Gespräch zu kommen, soweit dies die Sprachprobleme zulassen, fühlen wir uns aufgenommen. Einige Male veranlasst unser Kennzeichen MZ, also Mainz, Tankwarte und Tavernenbesitzer zu spontanen Glückwünschen: Mainz 05 – gute Fußballmannschaft. Am Tag nach dem 1:1 von PAOK Saloniki auf Schalke hatte ich allerdings das Gefühl, die Griechen waren noch einen Tick freundlicher.

Die Szenen aus Athen, die in Deutschland in den Nachrichtensendungen zu sehen sind: Merkel in Nazi-Uniform und Hitlerschnauzbart, Schäuble als rechtsradikaler Verbrecher, die Deutschen pauschal diffamiert als SS-Besatzer, die mit ihrer Überlegenheit Europa unterjochen wollen – alles nur von den Kollegen aufgebauschte Kleinigkeiten? Ganz bestimmt nicht! Aber es fehlt die Differenzierung, es fehlt die Einordnung und es fehlt die Berichterstattung über die überwältigende Mehrheit der Griechen, die diese radikalisierten Horden von Links und Rechts genauso verachten, wie alle zivilisierten Europäer.

Am Zerrbild der deutsch-griechischen Beziehungen sind wir Journalisten nicht ganz unschuldig. Die griechische Boulevardpresse zielt mit diesen Primitivparolen auf Auflage und die so genannten intellektuellen linken Blätter malen Deutschland als den Hort des menschenverachtenden Neoliberalismus. Damit beten sie nichts anderes nach, als die deutsche Linke von Steinbrück bis Gysi vorplappert: Schuld an der griechischen Misere sind die Kapitalisten, die Banker, die Neoliberalen. Das ist dann einfacher zu ertragen, als die eigenen korrupten Politiker in Griechenland, als die Erkenntnis, dass eine rotgrüne Regierung in Deutschland aus Dummheit alle Leitplanken der Finanzwirtschaft abschaffte und sich durch Schuldenorgien in die Hände der Banker begab.

Aber auch die Fernsehberichterstattung in Deutschland hilft die Kluft zwischen den beiden Staaten zu vergrößern. Es ist diese Helikopterberichterstattung, die nur Schlagwörter in der vorgegeben Länge von eineinhalb Minuten liefert. Ein Korrespondent fliegt ein, macht seinen Aufsager, unterlegt den mit unerklärten Bildern und ist wieder weg – bei der nächsten Krise im nächsten Land. Und davon gibt es gerade genug.

Zweierlei ist mir seit dem Beginn der akuten Finanzkrise vor drei Jahren besonders aufgefallen: Die halb- und dreiviertelfertigen Bauruinen stehen immer noch. Es ist, als ob das Land über Nacht von einer Schockstarre befallen worden wäre. Vom Balkon unseres Apartments schauen wir auf eine ansehnliche Neubausiedlung mit ungefähr 30 Häusern mit 100 Apartments. Alle fast fertig. Alles andere als eine Betonburg. Aber nichts tut sich. Bei meinen Recherchen stellt sich heraus, dass niemand so Recht weiß, wem die Anlage gehört. Der Investor, ein örtlicher Olivenbauer hatte für zwei Prozent Zinsen das Geld für die Siedlung aufgenommen. Schon ein geringer Zinsanstieg trieb ihn in die Pleite. Seither wird das Objekt zwischen den Banken hin- und hergeschoben. Jetzt soll es einer zyprischen Bank gehören. 13 bis 17 Millionen Euro soll es kosten. Ein Bild des Jammers.

Wer an den Küsten der Halbinsel Chaldiki entlangfährt, wird allein auf hunderte solcher Projekte oder auch Einzelhäuser stoßen, die alle trotz griechischer Sonne eingefroren wirken. Anders als in Spanien, wo ein Immobilienboom das Land in den Abgrund trieb, wären diese Bauruinen alle zu vermarkten – für einen angemessenen Preis und bei geklärten Besitzverhältnissen.  Aber noch immer schafft es die Verwaltung nicht, endlich ein landesweites Kataster zu erstellen und endlich die Finanzwirtschaft so zu organisieren, dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt.

Was uns aber im Vergleich zu zwei, drei Jahren sofort auffällt, sind die vielen griechischen Kellner und Aushilfskräfte am Strand und in den Tavernen. Früher arbeiteten hier fast nur Bulgaren. In anderen Regionen waren es Albaner, Georgier oder sogar Westeuropäer. In einer Pizzeria auf der Insel Kos, knetete ein Ägypter die Pizza, ein Bulgare bediente. In Kreta betrieb eine Britin den Strandimbiss, ein Russe übergab die Leihwagen. Ohne Albaner und Bulgaren blieben die Oliven an den Bäumen, brach das Dienstleistungsgewerbe zusammen. Sie sind alle verschwunden. Für Touristen hat dies einen riesigen Nachteil: Die griechischen Aushilfskräfte dieser Saison sind zwar sehr bemüht, aber im Gegensatz zu den Bulgaren und anderen Ausländern sprechen sie kaum Englisch und schon gar kein Deutsch.

In einem kleinen Lebensmittelladen, der auf winziger Fläche ein unglaublich großes Sortiment anbietet, sitzt Elena von morgens 8 bis nachts um 23 Uhr eingezwängt an der Kasse. Samstags genauso wie Sonntags. Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie das Geschäft, das nach der Sommersaison wieder in einen halben Winterschlaf versinkt. Also muss sie jetzt ran. Die offiziellen Ladenschlusszeiten kümmern sie nicht – und auch kein Gewerbeamt oder so etwas Ähnliches käme auf die Idee, ihr vorzuschreiben, dass sie nicht solange arbeiten dürfe, weil es sicher auch irgendwo Ladenöffnungsbestimmungen gibt – und weil sie sich selbst ausbeuten würde.

Der kleine Laden, das ist noch eine Erinnerung an Griechenland ohne den Euro. Geschäfte wurden gemacht, wenn sie sich anboten. Gearbeitet wurde, wenn es sich lohnte. Zu viele Bestimmungen störten da nur – und die, die es gab? - na ja, die waren auf dem Papier gut aufgehoben.

Auch Jorgos und seine Kollegen haben wir nur im Laufschritt erlebt. Seine Familie betreibt in einem Dorf im Hinterland von Sithonia ein Grillrestaurant. Spanferkel, ganze Lämmer, Hühner und Ziegen drehen sich am Spieß. Trotz der gut 100 Sitzplätze stehen die Gäste an, um einen Platz zu finden. Im Angebot auch Kokoretzi, eine griechische Spezialität, die für Nordeuropäer eher gewöhnungsbedürftig ist. Die Innereien von Lamm und Ziege werden mit Därmen umwickelt und dann am Spieß gegrillt. Begeistert bestelle ich eine Portion, bin aber verwundert, denn dieses Gericht ist von Brüssel aus Hygiene oder sonstigen Gründen verboten. „Ja“,  meint Jorgos, er habe das schon einmal gehört. Aber er kümmere sich nicht darum. Brüssel gehe nun wirklich nichts an, was den Griechen schmecke. In diesem Punkt sind wir uns einig.

Beim Bezahlen erhalten wir eine ausgedruckte Quittung auf der je nach Gericht und Getränk auch die Mehrwertsteuer ausgewiesen ist. Essen und Wein 13 Prozent, Ouzo und Spirituosen 23 Prozent. In den ganzen Wochen unseres Aufenthaltes haben wir nur eine Taverne erlebt, die noch handschriftlich die Rechnung auf einen Zettel kritzelte. Das kommt wirklich einer Revolution gleich. In dieser Beziehung ist das Volk der Helenen den Mitteleuropäern ein Stück näher gerückt.

Beim Betrachten von Elena und Jorgos fiel mir wieder der unfassbare dumme Satz unserer Kanzlerin ein: „Die Griechen müssten halt fleißiger sein, so wie wir.“ Mit einem Deutschgriechen aus Stuttgart, der in seiner Heimat Urlaub macht, diskutieren wir über diesen Ausrutscher. Zu meiner Überraschung nimmt der Schwabengrieche Partei für die Kanzlerin. Die Griechen seien faul. „Sie arbeiten nur, wenn sie auch etwas davon haben.“  Ungewollt hat er damit wahrscheinlich den Schlüssel für das Missverständnis zwischen den beiden Völkern ausgesprochen. Die Deutschen arbeiten sieben Monate im Jahr für den Staat, was für einen Griechen eine absurde Vorstellung ist. Er ist fleißig bis zur Selbstausbeutung wenn er die Frucht seiner Arbeit behalten kann – der Staat ist für ihn ein abstrakter Feind. 500 Jahre lang wurde er von den Türken verkörpert, danach von Königen, die ihnen Europäer vorgesetzt hatten, Diktatoren, Revoluzzern und korrupten Familien. Ich gestehe: Ich habe Sympathien für das distanzierte Verhältnis der Griechen zum Staat.

Seit dem Beginn der Finanzkrise die immer mehr Griechen in existenzielle Nöte treibt, haben sie einen Überstaat entdeckt, die Brüsseler Bürokratie, für deren Sparvorschriften sie vor allem die deutschen Politiker verantwortlich machen. Und so erklären sich auch wieder die antideutschen Polemiken in Athen. Die eigene Regierung wird kaum noch wahrgenommen. Sie wird nur noch als Befehlsempfänger und Vollstrecker der schmerzhaften Einsparungsdiktate aus Brüssel angesehen. Damit haben sie ja auch nicht ganz Unrecht. Als die Regierungschefs der Eurostaaten unter der Führung Frankreichs und Deutschlands die Insolvenz Griechenlands verhinderten und damit die Verantwortung in dem Land übernahmen, haben die Griechen nicht mehr viel zu sagen – sie sind entmündigt.

„Schulden machen unfrei“, überschrieb der schwedische Ministerpräsident Göran Persson seine Rosskur für den Wohlfahrtsstaat Schweden. Bei einem Tageszins von 500 Prozent war auch nur noch wenig Widerstand zu erwarten. Aber in Griechenland war alles anders. Da übernahmen die eigenen Politiker keine Verantwortung, sondern begaben sich in die Unfreiheit der Troika, jener Truppe aus IWF, EZB und EU, die fortan, die Gelder zuteilt und die Gesetze diktiert. Griechenland ist seither unfrei.

Ob spätestens 2014 ein neues Hilfspaket für Griechenland fällig wird – und wenn, wie und in welcher Höhe wird in Deutschland und Brüssel diskutiert, in Athen wird nur über diese Diskussion berichtet. In seinem Buch „Die griechische Passion“ lässt der griechische Literatur-Nobelpreisträger Nikos Kazantzakis einen türkischen Aga, also Statthalter über seine Untertanen sagen: „Misch dich nie ein, wenn die Griechen sich streiten!“ Hätten die Euro-Regierungschefs doch nur Kazantzakis Bücher gelesen. Haben sie aber nicht. Sie haben sich eingemischt in diese Gemengelage aus Korruption, tragischer unbearbeiteter Geschichte und sinnloser Geldgeschenke aus Brüssel. Sie haben ihre Banken und Spekulanten gerettet. Und damit haben die Konferenzeuropäer die Wut des griechischen Volkes auf sich gelenkt, die sie eigentlich auf sich selbst und ihre missratene Elite haben sollten.

Im Kern bedeuten die Brüsseler Beschlüsse: „Ab sofort benehmen sich die Griechen wie Schweden“ – Ich kann Ihnen aber versichern: Auch nach drei Jahren Krise, gibt es nicht das geringste Anzeichen dafür, das sich die Griechen nicht mehr wie Griechen benehmen. Solange die Europäer als Vormund auftreten, werden sie die Gelder und die damit verbundenen Auflagen zähneknirschend hinnehmen. Von kühler schwedischer Vernunft, keine Spur. Erst wenn kein Geld mehr kommt, werden sie sich ihre Elite vorknüpfen. In Revolutionen und Staatsstreichen haben sie Erfahrung. Die Radikalisierung macht sich schon im Parlament und auf den Athener Straßen bemerkbar. Darüber dann im nächsten Tagebuch.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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